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Bistum Chur

Ansprache von Bischof Vitus an die Seminaristen in der Vesper von Karsamstag 2018

Meine lieben Seminaristen,

als Priesteramtskandidaten sollt Ihr euch in eine priesterliche Spiritualität einüben, in einen priesterlichen Lebensstil und Lebensrhythmus. Einmal zu Priestern geweiht, sollt Ihr ein priesterliches Leben führen und auch durch Euer Leben Zeugnis für Euer Priestertum ablegen. Denn Ihr werdet gewiss nicht nur durch Euer Wort, durch das Wort der Verkündigung, und durch eine glänzende Rhetorik wirken, nicht nur durch den Vollzug von Liturgien und Sakramenten, sondern ebenso, vielleicht noch mehr, durch das Beispiel eines heiligen priesterlichen Lebens. Deshalb stellen wir uns heute die Frage, und nicht nur heute, sondern immer wieder: Wodurch zeichnet sich eine priesterliche Spiritualität aus? In welche Spiritualität müssen sich Priesteramtskandidaten einüben? Denn aus der Spiritualität, aus einer bestimmten Geisteshaltung, geht ein glaubhaft priesterliches Leben hervor.

Grundlegend ist für den Priester die Bindung an Christus und seine Mutter. Er muss sein Leben ganz auf Christus und seine Mutter ausrichten. Er muss in einer innigen Beziehung zu Christus und Maria stehen. Er muss die Beziehung zu den Menschen von der Beziehung zu Christus und seiner Mutter her auf-bauen. Die ganze Seelsorge hat ihren Ursprung in dieser Beziehung. Auf der Grundlage dieser Beziehung kann der Priester eine tragfähige Seelsorgearbeit leisten. Das lässt sich allgemein zur priesterlichen Spiritualität, zur priesterlichen Geisteshaltung sagen.

Wenn ich Christus zusammen mit Maria nenne, dann deshalb, weil die Mutter Jesu so eng mit dem Erlösungswerk ihres Sohnes verbunden ist, dass sie nicht davon getrennt werden kann. Wo Jesus genannt wird, da ist auch seine Mutter; wo die Mutter des Herrn genannt wird, da ist auch der Sohn. Das ist denn auch der Grund, weshalb der selige Papst Paul VI. im Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), nämlich am 21. November 1964, gegen den Widerstand einer großen Anzahl von Konzilsvätern, Maria den Titel Mutter der Kirche verleihen ließ. In diesem Titel kommt diese Einheit zwischen Jesus und Maria zum Ausdruck. Denn als Mutter der Kirche ist Maria Mutter jener Gemeinschaft, welche Christus ins Leben gerufen und für welche er sein Leben hingegeben hat: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegen hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat, durch das Wasserbad im Wort. So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler, heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,25-27). In der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium des Zweiten Vatikanums lesen wir mit Bezug auf Maria: „Die selige Jungfrau, die von Ewigkeit her zusammen mit der Menschwerdung des göttlichen Wortes als Mutter Gottes vorherbestimmt wurde, war nach dem Ratschluss der göttlichen Vorsehung hier auf Erden die erhabene Mutter des göttlichen Erlösers, in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin und die demütige Magd des Herrn. Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter“ (61). Und daher, so können wir weiterfahren, ist sie die Mutter der Kirche. Nun, am 11. Februar 2018 ließ der Heilige Vater, Papst Franziskus, in den liturgischen Generalkalender den Gedenktag der Mutter der Kirche einführen. Er sollte jeweils am Pfingstmontag begangen werden.

Die Beziehung „Christus und seine Mutter“ verwirklicht sich im Leben des Priesters in verschiedener Hinsicht. Es sind verschiedene Elemente, welche diese Beziehung zu einem Ganzen zusammenfügen. Besondere Aufmerksamkeit müssen wir dabei dem heiligen Messopfer schenken. Für den Priester muss das heilige Messopfer sein Ein und Alles sein.

Die wahre Wertschätzung für das heilige Messopfer wird uns geschenkt, wenn wir dessen Vollzug nicht nur als eine kultische Handlung betrachten, die sich in feierlichen Riten vollzieht und anziehend auf uns wirkt – das wäre gefählich – , sondern als ein Werk Christi, als das Werk Christi, oder, wie es im erwähnten Konzilsdokument heißt, als das Werk des Erlösers. Es hat für den Menschen daher höchste Heilsbedeutung. Das erklärt sich von daher, dass das Kreuzesopfer und das Messopfer ein einziges Opfer darstellen: „Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen und so der Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen: das Sakrament huldvollen Erbarmens, das Zeichen der Einheit, das Band der Liebe, das Ostermahl, in dem Christus genossen, das Herz mit Gnade erfüllt und uns das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben wird“ (Sacrosanctum Concilium 47). Die Allgemeine Einführung ins Römische Messbuch von 1969 sagt: „Das Kreuzesopfer ist ein und dasselbe wie seine sakramentale Vergegenwärtigung in der Messe, abgesehen von der verschiedenen Art und Weise der Darbringung […] Die Messe ist daher zugleich Opfer des Lobes, der Danksagung, der Versöhnung und der Sühne“(2).

Nun, dieser Glaube der Kirche ist die Grundlage für das priesterliche Leben. Das bedeutet: Die tägliche Feier der heiligen Messe gehört zur priesterlichen Spiritualität. „Die Priester sind … nachhaltig eingeladen, täglich das eucharistische Opfer darzubringen“, sagt uns das Kirchenrecht (CIC, Can. 276 § 2, 2̊). Auf dieser „nachhaltigen Einladung“ baut die Ausbildung der Priester auf. In diesem Sinn unterstreicht die neue Ratio fundamentalis für die Ausbildung der Priester vom 8. Dezember 2016: „Wegen der notwendigen Gleichgestaltung mit Christus und in Anbetracht dessen, was sie nach der Priesterweihe leben sollen, müssen die Weihekandidaten vor allem zu einem sehr lebendigen Glauben an die Eucharistie ausgebildet werden. Die Teilnahme an der täglichen Feier der Eucharistie, die ihre natürliche Fortsetzung in der eucharistischen Anbetung findet, durchdringt das Leben des Seminaristen, so dass in ihm eine konstante Einheit mit dem Herrn reift“ (104).

Meine lieben Seminaristen, die tägliche Mitfeier der heiligen Eucharistie darf für Euch nicht eine Last sein. Das wäre ein Zeichen einer mangelhaften Berufung. Sie muss ein Bedürfnis sein. Sie muss jedesmal ein Akt der besonderen Liebe zu Jesus sein, ein Akt, den ihr mit Maria zusammen dem Herrn weiht, mit Maria, die unter dem Kreuze stand; die der Herr dort dem Johannes zur Mutter gab – nicht anderswo!

In diesem Zusammenhang möchte ich einen Hinweis zum sogenannten Wortgottesdienst geben. Wenn das Zweite Vatikanische Konzil vom Wortgottesdienst spricht, meint es jenen Teil der Eucharistiefeier, in welchem das Wort Gottes verkündet wird: „Die beiden Teile, aus denen die Messe gewissermaßen besteht, nämlich Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, sind so eng miteinander verbunden, dass sie einen einzigen Kultakt ausmachen“ (Sacrosanctum Concilium 56; vgl. auch Presbyterorum Ordinis 4). Deshalb verlangt das Konzil eine liturgische Leseordnung, welche den sogenannten Tisch des Gotteswortes reicher deckt: „Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl Jahren, die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden“ (Sacrosamnctum Concilium 51). Damit hat das Konzil aber keine Alternative zwischen Wortgottesdienst und Feier der heiligen Messe in dem Sinn schaffen wollen, dass ein Wortgottesdienst an die Stelle des heiligen Messopfers treten könnte. Wohl sollen Wortgottesdienste oder Wort-Gottes-Feiern dort vorgesehen werden, wo wegen des Fehlens von Priestern die Eucharistiefeier nicht stattfinden kann. Der Gläubige soll sich aber Rechenschaft geben, dass dies kein Ersatz für die Eucharistiefeier darstellt, sondern eine Hilfe für jene Personen sein soll, welche an keiner heiligen Messe teilnehmen können. Allenfalls ist ein Wortgottesdienst eine ergänzende Feier zur heiligen Messe. So lesen wir in Sacrosanctum Concilium 35: „Zu fördern sind eigene Wortgottesdienste an den Vorabenden der höheren Feste, an Wochentagen im Advent oder in der Quadragesima sowie an Sonn- und Feiertagen, besonders da, wo kein Priester zur Verfügung steht“.

Kommen wir zurück auf das Messopfer. Es sollte für einen Priesteramtskandidaten eine Selbstverständlichkeit sein, nach Möglichkeit täglich das eucharistische Opfer mitzufeiern. Der tiefste Beweggrund dazu wird sein, dass er sich auf diese Weise immer wieder mit dem Opfer Christi verbinden und am Erlösungswerk teilnehmen darf. Wir sind uns oft zu wenig bewusst, welche Bedeutung das Messopfer für das Heil der Welt hat. Lassen wir uns immer wieder von der Darlegung des Konzils von Trient leiten. Dazu möchte ich einen kurzen Abschnitt aus dem Dekret zum heiligen Messopfer vom 17. September 1562 anführen: „Weil in diesem göttlichen Opfer, das in der Messe gefeiert wird, derselbe Christus enthalten ist und unblutig geopfert wird, der am Kreuzaltar sich selbst einmal in seinem Blute dargebracht hat (Hebr 9,14), so lehrt die heilige Kirchenversammlung: Dieses Opfer ist ein wirkliches Sühneopfer […]; es bewirkt, dass wir Erbarmen und Gnade finden und Hilfe zur rechten Zeit (Hebr 4,16), wenn wir mit aufrichtigem Herzen, mit rechtem Glauben, mit Ehrfurcht und Hochachtung, zerknirscht und bußfertig vor Gott hintreten. Durch dieses Opfer versöhnt, gibt der Herr die Gnade und die Gabe der Buße, und vergibt auch die schwersten Vergehen und Sünden. Denn es ist ein und diesselbe Opfergabe und es ist derselbe, der jetzt durch den Dienst der Priester opfert und der sich selbst damals am Kreuz darbrachte, nur die Art der Darbringung ist verschieden. Die Früchte jenes Opfers, des blutigen nämlich, werden durch dieses unblutige überreich erlangt. In keine Weise, das ist weit entfernt, wird jenem durch dieses (unblutige Opfer) Abbruch getan […]. Es wird deshalb, nach der Überlieferung der Apostel, mit Recht nicht nur für die Sünden der lebenden Gläubigen, für ihre Strafen, Genugtuungen und andere Nöte, sondern auch für die in Christus Verstorbenen, die noch nicht vollkommen gereinigt sind, dargebracht“.

Lasst Euch von dieser Unterweisung und Darlegung leiten, um so in der Bindung an die heilige Messe zu erstarken und in der Liebe zu ihr zu wachsen.

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