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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus am Hochfest von Weihnachten 2015

Brüder und Schwestern im Herrn, die Heilige Nacht 1886 wurde für die heilige Theresia von Lisieux zur Nacht der sogenannten Bekehrung. Das haben wir in der Weihnachtsmette vernommen. Deshalb nennt Theresia Weihnachten den Gnadentag aller Gnadentage. Weihnachten hat sie wohl nicht ihre Berufung erkennen lassen. Denn die Berufung hatte sie nach eigenen Aussagen von der Wiege an. Doch Weihnachten hat ihr die Kraft, die Gnade geschenkt, die Berufung anzunehmen und zu verwirklichen. Dazu sagt sie die folgenden starken und für uns wohl ungewöhnlich klingenden Worte: „Die heilige Theresia (sie meint damit ihre Ordensmutter Theresia von Ávila) sagte zu ihren Töchtern (also zu den Ordenfrauen ihres Klosters): ‘Ich will, dass ihr in nichts Frauen seid, sondern in allem starken Männern gleicht’. Sie hätte mich daher nicht als ihre Tochter anerkennen können, wenn der Herr mich nicht mit seiner göttlichen Kraft bekleidet hätte, wenn er mich nicht selbst für den Krieg ausgerüstet hätte“. Mit den Worten von Theresia hat der Herr die damals Dreizehnjährige an jenem Weihnachtsfest „für den Krieg ausgerüstet“. Das bedeutet in unser Denken und Sprechen übersetzt: Der Herr hat ihr die Gnade und die Kraft geschenkt, sich für das Kloster zu entscheiden und das strenge Ordensleben im Karmel auf sich zu nehmen.

Wir hörten eben im Evangelium, durch Moses sei das Gesetz gegeben worden, durch Jesus Christus aber seien Gnade und Wahrheit gekommen (Joh 1,17). Im Jahr der Barmherzigkeit könnten wir von Barmherzigkeit sprechen. Durch Jesus Christus ist Barmherzigkeit gekommen. Denn Gnade und Wahrheit sind ein Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit.

Nun, das Gesetz ist die Grundordnung Gottes. Es ist zunächst die Grundordnung der Schöpfung. Die Forderungen des Gesetzes sind ja, so sagt es uns der heilige Paulus, dem Menschen ins Herz geschrieben (vgl. Röm 2,15). So ist das Gesetz die Grundordnung der Schöpfung. Das Gesetz ist alsdann die Grundordnung des Bundes Gottes mit seinem Volk. Um dies zu verstehen, müssen wir die fünf Bücher des Moses lesen, die fünf ersten Schriften des Wortes Gottes, der Bibel. Sie enthalten das Gesetz des Bundes Gottes mit Israel. Deshalb sagt Johannes, das Gesetz sei durch Moses gegeben worden.

Das Gesetz als göttliche Grundordnung ist unabänderlich. Es muss eingehalten werden. Wir können auch sagen, das Gesetz sei unerbittlich. Da beginnt für den Menschen aber die Schwierigkeit. Er ist, von der Sünde gezeichnet, nicht in der Lage, das Gesetz vollkommen einzuhalten. Das bedeutet mit anderen Worten: Der Mensch braucht Hilfe, um der Grundordnung Gottes zu entsprechen. Das heißt: Der Mensch braucht Hilfe, um sein Ziel in Gott zu erreichen. Mit dem heutigen Evangelium können wir sagen: Der Mensch bedarf der Gnade und der Wahrheit um Gott zu finden und in Gott zu leben: Der Mensch bedarf der Barmherzigkeit, der Barmherzigkeit, welche sich in der Gnade und in der Wahrheit offenbart.

Die Gnade ist Gottes Zuwendung, welche sich in der Heiligung unserer Seele auswirkt. Die Wahrheit ist Gott selber. Die Wahrheit ist Gottes Werk. Die Wahrheit ist Gottes Wille. Die Wahrheit ist eine Eigenschaft Gottes, welche der Unwahrheit, der Lüge entgegensteht. Die Wahrheit ist das Leben in Gott.  Die Wahrheit ist Gott in seiner Lauterkeit, Heiligkeit und Unbedingtheit. Der Mensch findet seine Erfüllung nur in dieser Wahrheit. Er bedarf dieser Wahrheit, um das zu werden und zu sein, was Gottes Plan mit ihm ist. Dass er, der von der Sünde gezeichnet ist, dieses Ziel erreicht, bedarf er der Gnade, jener Hilfe und Zuwendung, welche nur Gott dem Menschen gewähren kann, damit er an sein Ziel kommt. – Diese Hilfe und Zuwendung ist durch Jesus Christus gekommen. Das ist Weihnachten. Jesus Christus ist Gnade und Wahrheit. Jesus Christus ist Gottes Barmherzigkeit. Wir drücken es im Credo mit den Worten aus: Propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis, et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virgine et homo factus est. – Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Theresia durfte diese Hilfe und Zuwendung in der Heiligen Nacht erfahren. Wie sie sagt, wurde sie in dieser Nacht „für den Krieg“ ausgerüstet, sie wurde für ihre Berufung ausgerüstet. Möge auch uns Gnade und Wahrheit so zuteil werden, dass wir bereit sind, unsere Berufung, als Kinder Gottes zu leben. Mögen wir dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes gegenüber jene Offenheit und Empfänglichkeit haben, welche in uns das Leben der Kinder Gottes bewirkt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13). Amen.