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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Karfreitag 2016 in der Kathedrale Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Die erste Lesung der Karfreitagsliturgie stammt aus dem Propheten Isaias. Wir haben das sogenannte Lied des Gottesknechtes gehört. Es ist das vierte, welches uns der Prophet hinterlassen hat: Jes 52,13 – 53,12.

Als der Gottesmann diese Worte, durch den Heiligen Geist inspiriert, aufzeichnete und dem Volk Gottes übergab – einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung – da wusste niemand recht, wen er damit meinte. Wer ist dieser Mann, von dem es heißt: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht“ (Jes 52,2-3)? Wer ist dieser Mann? Dieser Mann, welcher sich keinen Preis hätte holen können in der Filmszene, bei der Vergabung der Goldenen Palme oder irgend einer anderen Ehrung? Dieser Mann, der auf kein Podest hätte steigen können? Wer ist dieser Mann?

Was uns besonders aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass dieser Mann nicht irgend eine Kranker, ein Aussätziger, ein unansehnlicher Mensch ist, sondern, dass dieser Mensch etwas trägt und von etwas gezeichnet ist, was in sich uns angeht. Es geht um uns: „Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt“ (Jes 52,4-5). Diese Worte machen uns betroffen: Warum muss ein Mensch die Last eines anderen Menschen tragen? Warum erhält ein Mensch das Unrecht von anderen aufgeladen? Warum muss ein Mensch für andere hinhalten?

Auf diese Worte folgt die entscheidende Aussage des Propheten, die uns noch betroffener macht: „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt … der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen“ (Jes 52,5-6). Das sind erschütternde Worte. Man versteht sie kaum. Deshalb haben die jüdischen Gelehrten über diese Worte gerätselt. – Heute sollten wir sie verstehen. Angesichts der Passion unseres Herrn sollte uns ihre Bedeutung feststehen. Nachdem unser Herr den Weg des Kreuzes gegangen ist, unschuldig gegangen ist; nachdem den Menschen auch bewusst wurde, wer dieser unschuldige Mensch ist – nämlich der Sohn Gottes -, da wird die Vision des Propheten plötzlich klar. Jetzt verstehen wir, was der Prophet vor Hunderten von Jahren sagen wollte – oder besser ausgedrückt, was der Prophet vor Hunderten von Jahren vor den Ereignissen geschaut hat: Er sollte damals jene Gestalt sehen, die uns Menschen aus unserer vor Gott bitteren und hoffnungslosen Situation herausholen würde, aus dieser Situation, welche sich durch die Geschehnisse in dieser Welt täglich bestätigt.

„Seht, da ist der Mensch“ (Joh 19,5). Mit diesem Hinweis stellt Pilatus den geschundenen und verunstalteten Herrn den Anklägern vor. Ist das nicht die Deutung – die wohl ungewollte Deutung – des prophetischen Wortes? Da ist der Mensch, den der Prophet geschaut hat. Jetzt wissen wir: Jesus, der Sohn Gottes ist dieser Mensch, und uns wird die ganze Tragweite der Passion bewusst. Ja, möge sie uns bewusst werden – der ganzen Menschheit bewusst werden: „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 52,5). Amen.