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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Ostersonntag 2016 in der Kathedrale Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Dürfen Statistiken das Maß unseres Glaubens werden? Wenn ich eine Statistik konsultiere und in einem Kommentar dazu lese, in fast allen westeuropäischen Ländern sei in den letzten Jahren die Bedeutung des Glaubens massiv gesunken, mache ich mir schon Gedanken. Das betrifft auch meine Identität als gläubigen Menschen. Wenn ich weiter lese, in der Schweiz seien vor allem die jungen Menschen verantwortlich für diese Entwicklung, und zur Kenntnis nehme, dass von den 18- bis 24-Jährigen sich nur 26 Prozent als religiös bezeichnen, bei den 25- bis 34-Jährigen 30 Prozent, dann bin ich schon beeindruckt. Wenn ich dann aber Worte höre wie, es sei erfreulich, dass man nicht mehr an eine überirdische Macht glaube, dann überkommt mich eine tiefe Tauer. Es überkommt mich Trauer, weil eine solche Äußerung Zeichen eines Verlustes ist, Zeichen eines Mangels. Es ist in der Seele des Menschen etwas verkümmert, so dass der Mensch eigentlich nicht mehr voll Mensch ist. Es ist in ihm der Bezug zum Ursprung erloschen, wie auch immer dieser Ursprung genannt wird. Dennoch gibt es nichts, was logischer ist, als die Erkenntnis des Schöpfers, des Urhebers aller Dinge. Denn durch die Schöpfung, durch die Natur, lässt sich Gott erkennen (vgl. Röm 1,19-20).

Nun, der Mangel des Bezuges zum Schöpfer, zu Gott, hat schwerwiegende Folgen. Dadurch verkümmert nach und nach die Menschlichkeit, die Menschlichkeit im Sinne der menschlichen Würde und ebenso des würdigen menschlichen Handelns. Es stirbt das wahre Mensch-Sein. Wo Gott nicht mehr gegenwärtig ist, da geht letztendlich der Mensch zugrunde. Vor allem verkümmert das Verantwortungsbewusstsein. Man ist niemand Rechenschaft schuldig. Glaubensverlust ist immer ein Werteverlust, und ein Werteverlust ist immer ein Verlust an Lebensqualität – wenn ich dieses Modewort anwenden darf. Konkret heißt das: Die Situation des Menschen wird nicht besser. Das zeigt sich heutzutage besonders an der staatlichen Gesetzgebung in verschiedenen Ländern und an bestimmten Philosophien und Ideologien. Ich kann daher die Aussage nicht begreifen, es sei „erfreulich“, dass man nicht mehr an eine höhere Macht glaubt. Das ist nicht erfreulich. Das ist traurig. Das ist schädlich. Das ist tödlich.

Kommen wir zurück auf die eingangs gestellte Frage: Dürfen Statistiken das Maß unseres Glaubens werden? Wenn sie uns anregen, über den Glauben nachzudenken, ist dies eine gute Sache. Wir sollen uns zwar immer ihrer Bedingtheit bewusst bleiben. Vor allem dürfen wir uns von Statistiken nicht aus der Bahn werfen lassen. Es ist aber eine gute Sache, wenn Statistiken uns dazu bringen, bewusster zu glauben und über unseren Glauben Rede und Antwort zu stehen.

Dazu ist Ostern wohl der richtige, der gute Zeitpunkt. Denn unser Glaube wird kaum je so herausgefordert, wie an Ostern: Hochfest der Auferstehung unseres Herrn. Ostern enthält die zentrale Glaubensfrage. Der Apostel Paulus sagt es so: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos … Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15,14.19). Der Glaube an die Auferstehung des Herrn ist somit der entscheidende Glaubensartikel. Denn die Auferstehung des Herrn bestätigt unseren Glauben. Sie bestätigt alles, was der Herr uns gesagt hat. Sie bestätigt den Herrn selber in seiner Herkunft von Gott und in seinem Gott-Sein. Durch die Aufer-stehung erkennen wir die Richtigkeit des Glaubens. Der Glaube, die Botschaft des Glaubens ist nicht nur ein Traum, eine Erwartung, ein Wunsch, eine Sehnsucht; die Botschaft des Glaubens ist Wahrheit, ist Wirklichkeit und daher für unser Leben unabdingbar. So sagt der Evangelist: „Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein: er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Auf Grund all dessen, was er bis dahin erfahren hatte, steht für ihn die Auferstehung des Herrn fest. Für uns heißt das: Der Glaube ist nicht blind. Der Glaube geht vom Sehen aus, vom Feststellen, vom Erkennen. Unser Glaube ist ein Glaube aufgrund eines Geschehens, aufgrund einer Tatsache. Es wird uns Wahres, Wirkliches berichtet. Wir können den Bericht zurückweisen. Wir können ihn aber nicht aus der Welt schaffen. So bleibt der Glaube an unseren auferstandenen Herrn eine Herausforderung auch für den heutigen Menschen. Daran können statistische Angaben nichts ändern. Amen.