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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder an Karfreitag 2018

Brüder und Schwestern im Herrn

Verinnerlichen wir die letzten Worte Jesu im Passionsbericht des Johannes: „Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf“ (Joh 19,30). Diese Worte führen uns ins tiefere Verständnis des Leidens unseres Herrn, in die Bedeutung seines Sterbens für uns und die ganze Welt.

Das Leiden des Herrn war notwendig. Das bringen die Worte Jesu zum Ausdruck: Es ist vollbracht (Joh 19,30). Sie führen uns weg von jeder oberflächlichen Betrachtung des Leidens Christi, vor allem von jeder Vermischung dieses Leidens mit den Leiden der Menschen, mit den Leiden der Welt. Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was wir erleiden und dem, was der Herr erlitten hat.

Im Gespräch mit Nikodemus, Joh 3,1-36, weist Jesus auf die Notwendigkeit seines Sterbens hin. Er sagt uns, warum er erhöht, warum er gekreuzigt werden muss: „Und wie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,14-17). Dies ist der Sinn des Leidens unseres Herrn: Sein Leiden und Sterben ist für jeden Menschen notwendig, damit er das ewige Leben hat; es ist für die Welt notwendig, damit sie gerettet wird.

Diese Notwendigkeit entspricht dem Willen Gottes, dem Willen des Vaters. Wenn wir nach dem Warum fragen, gibt es nur die eine Antwort: Gott hat es so verfügt. Das sagt Jesus selber mit den Worten: „Der Menschensohn muss erhöht werden“ (Joh 3,14). In diesem Muss ist der ganze Wille Gottes enthalten, seine Vorsehung, sein Heilsplan. Deshalb stehen am Ende des Lebens unseres Herrn die Worte: Es ist vollbracht. (Joh 19,30). Diese Worte bedeuten: Ich habe vollbracht, was der himmlische Vater verfügt hat. Ich habe mich ihm ganz übergeben. In mir finden die Menschen von nun an das ewige Leben. Durch mich ist die Welt von nun an gerettet. Der Wille meines Vaters ist erfüllt. Das Werk der Erlösung ist geschehen. Es ist vollbracht (Joh 19,30).

Der Karfreitag ist keine Abdankungsfeier, wie wir sie uns gewohnt sind. Er ist schon gar nicht eine Abschiedsfeier. Es ist keine Erinnerungsfeier mit einer unwiederbringlichen Biographie. Am Karfreitag werden wir uns dessen inne, dass wir das ewige Leben empfangen haben; dass wir gerettet sind – sofern wir glauben; dass der Herr uns gerettet hat.

Johannes schließt den Passionsbericht mit den Worten ab:

„Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf“ (Joh 19,30). Zutreffender ist die Ausdrucksweise der neuen deutschen Übersetzung der Heiligen Schrift, welche demnächst auch in die liturgischen Bücher aufgenommen wird: „Und er neigte das Haupt und übergab seinen Geist“ (Joh 19,30). Jesus übergab seinen Geist dem Vater. Jesus übergab sich dem Vater. Er nimmt das Leiden nicht widerstrebend oder gleichgültig hin. Er legt seinen ganzen Willen in sein Sterben hin, in dieses erlösende Sterben. In diesen Worten Und er … übergab seinen Geist kommt die tiefe Liebe unseres Herrn zum Ausdruck, die ganze Willigkeit in die Verfügung des Vater, diese Haltung, welche im verstummenden Lamm ihre schönste Umschreibung gefunden hat. Wir werden noch einmal an die Worte am Ölberg erinnert, welche wir am Palmsonntag in der Markuspassion gehört haben: „Aber nicht was ich will, sondern was du willst“ (Mk 14,36). Beim Evangelisten Johannes sagt Jesus im gleichen Sinne: „Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?“ (Joh 18,11).

Der Herr hat den Kelch getrunken und ist, wie es der Hebräerbrief heute vorgetragen hat, „für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebr 5,9). Amen