Navi Button
Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus in der Karfreitagsliturgie 2017

Brüder und Schwestern im Herrn

Betrachten wir die Passion unseres Herrn auf dem Hintergrund der Lesung aus dem Buch des Propheten Isaias, auf dem Hintergrund der Vision über den Gottesknecht (52,13 – 53,12). Erst durch diese Vision können wir die Tragweite des Leidens und Sterbens unseres Herrn voll ermessen.

„Er (der Gottesknecht) wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (53,3).

Isaias sieht einen Schmerzensmann. Wer ist dieser verachtete Mann? Ist es Ijob? Ist es der Prophet Jeremias? Anfänglich ist man geneigt, den Schmerzensmann auf eine dieser zwei Gestalten zu deuten. Doch dann hören wir die Worte: „Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“ (53,4).

Niemand konnte sich vorstellen, dass seine Schmerzen etwas mit uns zu tun haben, mit uns Menschen. Jeder trägt seine eigenen Schmerzen und verschuldet oft auch seine eigenen Schmerzen. Der Schmerzensmann aber trägt die Krankheit der Menschen. Er hat sie nicht verschuldet. Und wenn wir dem Propheten weiter folgen, dann erkennen wir, dass diese Krankheit nicht einfach den Körper betrifft. Es geht tiefer: „Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt“ (53,4-5).

Der Schmerzensmann trägt das ganze moralische Versagen der Menschen, „unsere Vergehen“, „unsere Sünden“. Das Leiden des Schmerzensmannes ist ein Sühneleiden. Er leidet stellvertretend für die Menschheit. Damit kommt der Prophet zur zentralen Aussage seiner Vision: „Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen“ (Jes 53,5-6).

Um die Sünden der Menschen abzutragen, musste im Alten Bund der Sündenbock herhalten. Der Hohepriester Aaron legt seine beiden Hände auf den Kopf des Bocks und bekennt über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bocks „geladen“ hat, lässt er ihn in die Wüste treiben. Der Bock soll alle Sünden der Menschen mit sich in die Einöde tragen und dort mit diesen Sünden verenden. Das sollte auch das Ende der Sünden und Fehler des Volkes sein (vgl. Lev 16,21-22). Das war es aber nicht. Es war nur der Versuch des Menschen, seine Sünden los zu werden. Anders ist dies beim Schmerzensmann. Denn „zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm“. Sein geduldiges Tragen unsere Sünden erwirkt unser Heil. Wir werden unsere Sünden tatsächlich los.

„Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war“ (53,8-9).

Als Isaias die Vision über den Gottesknecht hatte, wusste niemand, wen er damit meinte. Auch der Prophet konnte diese Vision nicht deuten. Er konnte sie nur beschreiben und niederschreiben lassen. Sie blieb ein Rätsel. Denn es war niemand zu finden, auf den die Aussagen zutrafen. Heute erkennen wir im Schmerzensmann unseren leidenden Herrn, das „Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz bedeckt mit Hohn“, und wir bekennen mit dem Propheten Isaias: „Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“. Amen.