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Amtliche
Mitteilungen - Diözesanbischof
Vortrag
am MFM-Gebetstag
vom 22. August 2010
in Einsiedeln
Liebe Mitglieder der Frauen- und Müttergemeinschaft,
liebe Gläubige,
besonders aufgefallen ist mir - und gewiss Euch allen - , dass in den letzten anderthalb Jahren, etwa im Zusammenhang mit den Ereignissen um die Pius-Bruderschaft - sehr viel über das Zweite Vatikanische Konzil gesprochen und geschrieben wurde. Plötzlich wird mit erhobener Stimme Treue zum Konzil in einer kaum dagewesenen Heftigkeit gefordert, obwohl man in den vergangenen Jahren vieles fraglos hinter sich gelassen hatte, was das Konzil erwartete und bekräftigte. Ich konnte im Anschluss an das Konzil auch feststellen, also vor dreissig, vierzig Jahren, mit welcher Schroffheit und Härte in Fragen des Glaubens und der kirchlichen Disziplin am Konzil vorbei argumentiert wurde, um ein neues Kirchenbild zu propagieren und sich immer mehr und mehr vom überlieferten Glauben zu distanzieren. Nun, sozusagen plötzlich, soll das Konzil dann doch ernst genommen werden.
Auf Grund all dessen habe ich das Bedürfnis, an ein vergessenes Thema des Konzils zu erinnern, an ein Thema, das man völlig aus den Augen verloren hat, obwohl es innerhalb der Konstitution über die Kirche Lumen gentium aus dem Jahre 1964 einen breiten Raum einnimmt, nämlich das ganze fünfte Kapitel der Konstitution. Es handelt sich um das Thema “Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit in der Kirche”. In den Nummern 39-42 legt uns das Konzil eine reichhaltige Beschreibung der Bedeutung der Heiligkeit der Kirche und ihrer Glieder dar. Zu beachten ist, dass dieses Kapitel auf die ersten vier Kapitel folgt, welche die Kirche in sich beschreiben, ihren Ursprung, ihre Bedeutung, ihren Aufbau, ihre Gliederung: Die Kirche als das von Christus gestiftete Geheimnis zum Heil der Menschen, die Kirche als Volk Gottes, die Kirche als hierarchisch geordnete Gemeinschaft, die Kirche als Gemeinschaft von Klerikern und Laien. Mit diesen vier Aspekten wird die Kirche in ihrem Wesen und in der Vielfalt ihrer Glieder dargestellt. Es wird, mit dem heiligen Paulus gesprochen, der Leib Christi umschrieben: “Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus” (1 Kor 12,12). Das ist die Darlegung des Apostels. Dem entsprechen auch die Darlegungen von Lumen gentium.
Nun, nachdem dieser große Entwurf der Kirche vorlag, das Dokument sozusagen die ganze Weite und Bedeutung der Kirche dargelegt hatte, stellte sich die Frage: Wie können die Glieder der Kirche Christi, die Glieder, die die Gemeinschaft der Kirche bilden, dem entsprechen, was Christus mit der Gründung der Kirche gewollt hat? Da erinnern wir uns wiederum an den heiligen Paulus und seinen Hinweis im Epheserbrief. Im Zusammenhang mit der Unterweisung bezüglich der Ehe und der Familie ermahnt er die Männer mit folgenden Worten: “Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos” (Eph 5,25-27). Jesus heiligt also die Kirche, das bedeutet, Jesus heiligt jedes Glied der Kirche. Die Kirche ist deshalb heilig, weil Jesus heiligend in sie einwirkt. Die Heiligen der Kirche, die wir kennen und verehren, aber auch jene Heiligen, welche unbekannt sind, sind nichts anderes als das Ergebnis, die Frucht, das Erzeugnis des heiligenden Wirkens Jesu. Es kann niemand heilig werden, ohne dass Jesus ihm sein heiligendes Wirken zuwendet. Deshalb stehen die Heiligen nicht in Konkurrenz zu Jesus. Sie sind immer mit Jesus verbunden und machen in ihrer Person die Herrlichkeit Jesu offenbar.
Die Absicht Jesu ist es, die Kirche zu heiligen, jedes einzelne Glied der Kirche zu heiligen. Doch diese Absicht Jesu, dieses heiligende Wirken Jesu kommt nur dann ans Ziel, wenn sich die Glieder der Kirche der Heiligung öffnen, wenn sie sich wirklich heiligen lassen. Heilig wird man nur dann, wenn man Christus an sich wirken lässt. Heilig wird man nur dann, wenn man das heiligende Wirken Christi aufnimmt und nicht nur passiv an sich geschehen lässt, sondern die heiligende Kraft Christi sozusagen selber verarbeitet, mit dieser heiligenden Kraft Christi an sich arbeitet und sein ganzes Tun - die Gedanken, die Worte, die Werke, wie wir dies im Schuldbekenntnis zum Ausdruck bringen - dem heiligenden Willen Christi angleicht. Diesbezüglich gilt auch das Wort des heiligen Jakobs, dass der Glaube Werke vorweisen muss, sonst ist er eben nicht glaubwürdig.”So ist der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat” (Jak 2,17). Das lässt sich auch auf die Heiligkeit übertragen. Wir sind durch die Taufe geheiligt. Doch diese Heiligung bleibt tot, wenn wir uns nicht um ein heiliges Leben bemühen.
So stellte sich in der ganzen Geschichte der Kirche immer wieder die Frage der Heiligung des einzelnen. Deshalb redet man gelegentlich auch über die Selbstheiligung. Wie heilige ich mich? Wie führe ich ein heiliges Leben? Wie trage ich zur Heiligkeit der Kirche bei, die ich als die eine, heilige, katholische und apostolische bekenne? Wie tue ich das? Denn sich zur heiligen Kirche bekennen, heißt immer auch, sich selber um Heiligkeit bemühen. Selbstheiligung ist nicht etwas Arrogantes, Überhebliches, Egoistisches, Ichbezogenes; Selbstheiligung ist eine Pflicht für den Getauften, eine Pflicht für jedes Glied der Kirche.
Wir sind hier in einer Klosterkirche. Diese Stätte hat sich wegen der Frage der Heiligung so entfaltet. Hier haben sich immer wieder Menschen eingefunden, um sich zu heiligen, um das Werk der Heiligung, welches Christus an uns begonnen hat, zu erhalten, zu entfalten und mit Gottes Gnade zu vollenden. Der heilige Benedikt sagt dazu: “Jetzt müssen wir laufen und tun, was uns für die Ewigkeit nützt” (Regel, Prolog 44). So sind immer wieder Menschen hierher gekommen, um zu laufen und zu tun, was für die Ewigkeit nützt, mit andern Worten, um sich zu heiligen. Aber das gilt nicht nur für Menschen eines bestimmten Standes, das gilt für jeden Christen. Die Heiligkeit, welche er in der Taufe empfangen durfte, soll er ernst nehmen und aus dieser Heiligung heraus leben, wirken, tätig werden. In diesem Sinn sagt das Konzil: “Christus, der Sohn Gottes, der mit dem Vater und dem Geist als ‘allein Heiliger’ gepriesen wird, hat die Kirche als seine Braut geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen ..., er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden und mit der Gabe des Heiligen Geistes reich beschenkt zur Ehre Gottes. Daher sind in der Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden, zur Heiligkeit berufen gemäß dem Apostelwort: ‘Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung’ (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4)” (LG, Nr. 39). Abschließend sagt dasselbe Dokument: “Alle Christgläubigen sind also zum Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit eingeladen und verpflichtet. Alle sollen deshalb ihre Willensantriebe richtig leiten, um nicht - im Umgang mit Dingen der Welt und durch die Anhänglichkeit an die Reichtümer - wider den Geist der evangelischen Armut im Streben nach vollkommener Liebe gehindert zu werden”(LG, Nr. 42).
Wie nun geschieht Selbstheiligung? Was führt uns zur Heiligkeit? Da der Wille Gottes unsere Heiligung ist, muss uns auch gesagt werden, welches der Weg dazu ist. Da muss ich Euch leider sehr enttäuschen, weil ich Euch nichts Neues sagen, sondern nur das wiederholen kann, was die Kirche bezüglich des Weges der Heiligkeit immer gelehrt hat. Ich kann nur in Erinnerung rufen. Diesbezüglich gibt es auch einen Text aus der Konstitution Lumen gentium, welcher eine Zusammenfassung bezüglich des Weges zur Heiligkeit bildet: “Damit aber die Liebe wie ein guter Same in der Seele wachse und Frucht bringt, muss jeder Gläubige das Wort Gottes bereitwillig hören und seinen Willen mit Hilfe seiner Gnade in der Tat erfüllen, an den Sakramenten, vor allem der Eucharistie, und an den gottesdienstlichen Handlungen häufig teilnehmen und sich standhaft dem Gebet, der Selbstverleugnung, dem tatkräftigen Bruderdienst und der Übung aller Tugenden widmen. Denn die Liebe als Band der Vollkommenheit und Fülle des Gesetzes (vgl. Kol 13,14; Röm 13,10) leitet und beseelt alle Mittel der Heiligung und führt sie zum Ziel. Daher ist die Liebe zu Gott wie zum Nächsten das Siegel der wahren Jüngers Christi” (42). Soweit der Text des Konzils. Nun möchte ich einige wichtige Begriffe herausgreifen, welche uns helfen, den Weg der Selbstheiligung zu finden. Der grundlegende Begriff ist die Liebe. Die Liebe ist die Kraft der Seele, die uns auf Gott und den Menschen hinlenkt, uns mit Gott und den Menschen verbindet, Gottes Leben in sich aufnimmt und für den Menschen nur das Gute und Heilige will. Die Liebe ist Hingabe seiner selbst an Gott und die Menschen und ist so die Grundlage für die Gemeinschaft der Heiligen. Da der Begriff Liebe mehrdeutig ist, muss betont werden, dass es sich um die göttliche Liebe handelt. Es ist deshalb eine Liebe, um die wir uns auch bemühen müssen. Wir müssen Gott bitten, dass er uns diese Liebe schenke, mit welcher wir alsdann auf seinen Anruf und auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen antworten können. Diese Liebe ist uns in besonderer Weise in der Taufe geschenkt worden. Es ist unser Auftrag, sie sozusagen anzuwenden und wirksam werden zu lassen.
Dazu ist nun das Hören auf das Wort Gottes notwendig. Das ist der zweite wichtige Begriff, den wir im eben erwähnten Konzilstext finden. Das Wort Gottes ist uns in der Heiligen Schrift geschenkt, in der Bibel; das Wort Gottes ist uns ebenso in der Heiligen Überlieferung der Kirche geschenkt, zum Beispiel im Glaubensbekenntnis und in vielen Gebetstexten der Kirche. Wer sich um Heiligkeit bemüht, muss sich immer wieder diesem Wort Gottes öffnen, es bedenken und daraus leben.
Das führt uns zum dritten wichtigen Begriff: Den Willen Gottes in der Tat erfüllen. Vom Hören müssen wir zum Tun schreiten. Das wird konkret im Gebet, im Empfang der Sakramente, vor allem in der Teilnahme an der Eucharistie. Dazu gehört ebenso die regelmäßige heilige Beichte. Dabei möchte ich betonen, dass das Gebet die ständige Verbindung zu Gott ist. Das Gebet hat deshalb seinen festen Platz im Leben eines jeden Getauften. Jeder Getaufte sollte sich täglich wenigstens zweimal zum Gebet zurückziehen, zum Morgengebet und zum Abendgebet. Das alles ist sozusagen die liturgische Seite, um den Willen Gottes in der Tat zu erfüllen.
Dazu erwähnt der Text aber auch die diakonale Seite der Selbstheiligung. Diakonal kommt ja von Diakonie, was wiederum mit Dienst zu tun hat. Es handelt sich um die dienende, helfende Zuwendung zum Mitmenschen. Das Konzil spricht von der Selbstverleugnung, vom Bruderdienst und von den Tugenden. Der Bruderdienst ist nichts anderes als der Einsatz für das geistige, geistliche und leibliche Wohl des Mitmenschen. Es kann uns nicht gut gehen, wenn es unserem Mitmenschen nicht gut geht. So gehört zur Heiligkeit die ständige Zuwendung zum Mitmenschen. Die Kirche ruft uns diese Zuwendung vor allem mit den sogenannten Werken der Barmherzigkeit in Erinnerung.
Doch die Zuwendung zum Mitmenschen kann nur dann erfolgen, wenn der Mensch sich von seinem Egoismus frei macht, wenn er nicht immer an sich selber denkt, nicht immer die eigenen Bedürfnisse befriedigen will, nicht immer auf Genuss aus ist. Das Konzil spricht von der Selbstverleugnung auf der einen Seite, von den Tugenden auf der anderen Seite. Beides gehört zusammen und weist in dieselbe Richtung: Wir sollen die Anlagen zum Guten in uns kräftigen, und die Neigung zum Bösen abbauen. Wer so an sich arbeitet, wird eben frei für den Bruderdienst. Wir werden für den Bruderdienst fähig, wenn wir an uns selber arbeiten. Deshalb werden diese drei Begriffe Selbstverleugnung, Bruderdienst und Tugenden zusammen genannt. So also wird der Wille Gottes erfüllt und so gelangt der Mensch zur vollkommenen Liebe. Wir sind ja von der Liebe ausgegangen. Sie hat durch diese Ausführungen ein Gesicht bekommen.
Zur Heiligkeit führt noch ein besonderer Weg, der Weg des Blutzeugnisses. Das Konzil geht darauf kurz ein mit den Worten: “Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergießen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten Erweis der Liebe. Wenn es auch wenigen gegeben wird, so müssen doch alle bereit sein, Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen” (LG, Nr. 42).
Zur Heiligung führt weiter der Weg der evangelischen Räte: “Dieser von vielen Christen auf Antrieb des Heiligen Geistes privat oder in einer von der Kirche anerkannten Lebensform, einem Stand, übernommene Übung der Räte gibt in der Welt ein hervorragendes Zeugnis und Beispiel dieser Heiligkeit und muss es geben”, so lautet dazu ein Hinweis in Lumen gentium (Nr. 39).
Zur Heiligung führt immer auch die Erfüllung der Standespflichten. Dazu ruft das Konzil vor allem auch die Amtsträger der Kirche auf. Den Bischöfen spricht es diese Worte zu: “Vor allem die Hirten der Herde Christi müssen nach dem Bild des ewigen Hohenpriesters, des Hirten und Bischofs unserer Seelen, heilig und freudig, demütig und kraftvoll ihr Amt ausüben, das auch für sie, wenn sie es so erfüllen, das hervorragende Mittel der Heiligung ist” (LG, Nr. 41). Die Priester ermahnt die heilige Versammlung mit dem Aufruf: “Alle Priester, und vor allem die, die auf ihren besonderen Weihetitel hin Diözesanpriester heißen, sollen bedenken, wie sehr die treue Verbundenheit und großmütige Zusammenarbeit mit ihrem Bischof zu ihrer Heiligkeit beiträgt” (Nr. 41).
Meine Lieben, das waren einige wenige Gedanken zur Heiligkeit aus der Sicht des Konzils. Ja, das Konzil will ernst genommen sein - und dies bis zur Frage der Heiligkeit, ja, vor allem in dieser Frage. Durch die Heiligkeit wächst die Kirche, durch Heiligkeit wächst ein jeder von uns heran zum vollkommenen Menschen und stellt Christus in seiner vollendeten Gestalt dar, wie es der heilige Paulus im Brief an die Epheser ausdrückt (vgl. 4,13). Wenn wir alle uns um Heiligkeit bemühen, werden wir ein glaubhaftes Volk Gottes, eine glaubhafte Hierarchie, glaubhafte christliche Laien, glaubhafte Ordensleute, glaubhafte Zeugen des Evangeliums, glaubhaft in den Anforderungen dieser Zeit. So wollen wir bitten: Herr, schenke uns die Gnade für ein heiliges Leben. Gelobt sei Jesus Christus.
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