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Bistum Chur

Beispiel 2 für einen Antrag zur Nichtigerklärung einer Ehe

Christoph Müller
Belmontstrasse 12
7000 Chur

An das
Bischöfliche Offizialat
Hof 19
7000 Chur

Chur, 24. September 2001

 

 

Feststellung der Nichtigkeit meiner Ehe mit Andrea Früh
Sehr geehrter Herr Offizial

Nach langem Ringen und nachdem ich mich auch mit einem Pfarrer beraten habe, gelange ich heute an Sie mit der Bitte, ein Verfahren einzuleiten, um die Gültigkeit meiner mit Irene Huser geschlossenen Ehe zu untersuchen.

Zuerst zu den Personalien:

Christoph Müller
Sohn des Peter und der Maya, geborene Schifferli
Mathematiker
Belmontstrasse 12, 7000 Chur
Geburtsdatum: 25. Mai 1964
römisch-katholisch

Meine Exfrau:
Andrea Früh
Tochter des Michael und der Angela, geborene Rossi
kaufm. Angestellte
Stationsstrasse 4, 7402 Bonaduz
Geburtsdatum: 2. November 1966
römisch-katholisch

Zivil haben wir am 6. Juni 1995 in Zürich geheiratet, kirchlich 8. Juni 1995 in der Klosterkirche von Rheinau (ZH). Kinder haben wir keine bekommen.

Wir lernten uns im Frühjahr 1990 bei unserem gemeinsamen Hobby kennen. Zu dieser Zeit war ich 26 Jahre alt, studierte Mathematik im letzten Jahr und lebte in einer Einzimmerwohnung in Zürich. Ein Jahr später musste ich meine günstige Einzimmerwohnung wegen Lärmproblemen aufgeben, ich konnte dort nicht lernen. Der Lohn meines Teilzeitjobs und die Unterstützung meiner Eltern hätten kaum ausgereicht, um eine andere Wohnung zu finanzieren, deshalb suchten meine Freundin Andrea und ich zusammen eine Wohnung, gegen den Willen meiner Eltern. Ein Jahr später arbeitete ich bereits 100 % als Mathematiker bei einer Versicherung. Eine günstige Gelegenheit führte uns nach Näfels, wo wir ein Reiheneinfamilienhaus kaufen konnten. Die Finanzierung war schwierig, da wir noch kein Eigenkapital hatten. Unsere Eltern halfen uns, und so konnten wir eine Hypothek aufnehmen. Es war eine harte Zeit, denn wir konnten uns neben dem Haus kaum mehr etwas leisten.

Gelegentlich hatten wir über eine feste Bindung gesprochen, aber heiraten wollten wir beide noch nicht. Doch da waren all diese Zwänge, das gemeinsame Haus, die beiden Familien, die gerne gesehen hätten, dass wir uns für eine Familie entscheiden, wenn wir schon zusammen seien und sogar ein Haus hätten. Meine Freundin äusserte ab und zu den Wunsch, Kinder zu bekommen. Verschiedene Konflikte machten mich aber immer wieder unsicher. Wir stritten manchmal über Geld und wie man die Ferien verbringen soll. Auf der anderen Seite war es natürlich für mich bequem, eine Frau zu haben, denn das erleichterte mir das Leben sehr. Auch den Erwartungsdruck der Freunde spürte ich. Religion spielte eigentlich keine Rolle damals. Und so liess ich mich von sehr vordergründigen Überlegungen und von den erwähnten „Sachzwängen“ leiten. Die Zweifel schoben wir beide beiseite.

Da wir beide viel arbeiteten, fehlte uns die Zeit (heute weiss ich, wir nahmen uns keine Zeit) auf die innere Stimme zu hören. So wurde die Hochzeit geplant und die ganze Zeit wurde für die Planung des Hochzeitfestes aufgewendet. Einen Ehevorbereitungskurs haben wir nicht besucht und auch eine Gewissenserforschung hat nicht stattgefunden.

Manchmal habe ich mit meinem besten Freund über meine Bedenken, die ich hatte, gesprochen. Ich kam schliesslich zu folgendem Ergebnis: Ich wollte heiraten, aber so, wie ich wollte. Ich wollte nur eine Ehe ‚auf Zusehen hin‘. Ich habe nur bedingt ja gesagt, wegen all meiner Bedenken, wegen der Sachzwänge, die mich konditionierten, wegen unserer Verschiedenheit und Meinungsverschiedenheiten auch in wichtigen Fragen. So war es ein Ja mit Einschränkungen, das ich vor dem Altar abgegeben habe, aber doch so, dass es die anderen nicht merken sollten, denn wir waren ja ein Vorzeigepaar. Ich habe in der Kirche meiner Frau deshalb nur in dem Sinne Treue geschworen, dass ich ihr lebenslang beistehen werde, wenn sie mich braucht, was ich auch bis heute gehalten habe. Wir sind Freunde geblieben, und wenn sie etwas braucht, bin ich für sie da.

Der Hochzeitstag war zwar schön. Rückblickend empfinde ich ihn aber als grosse Show, die mit der Wirklichkeit in mir wenig gemeinsam hatte. Die Eheschliessung hat die bestehenden Probleme nicht gelöst. Es hat kein Wunder stattgefunden (Wie sollte es auch?). Die bestehenden Unterschiede zwischen den Interessenbereichen und der Persönlichkeitsentwicklung wurden immer grösser. Die Kinderfrage hatte ich vor der Eheschliessung bewusst offen gelassen, weil ich mir eben letztlich nicht ganz sicher war, ob mein ‚Ehe-Projekt‘ eine tragfähige Basis sein würde. Als wir dann immer mehr wie Geschwister neben einander lebten, kamen Kinder sowieso nicht mehr in Frage. In den letzten beiden Jahren vor der Trennung hörten die Intimbeziehungen ganz auf. Es wurde zwar sachlich über die bestehenden Probleme gesprochen und einiges zur Rettung dieser Ehe unternommen. Wir haben auch mit Drittpersonen über unsere Probleme gesprochen, haben jedoch keine Eheberatung aufgesucht. Aber es fehlte letztlich der ‚Kitt‘ und so wurde die innere Vereinsamung und Leere am Schluss so gross, dass wir uns auf den Sommer 1999 hin trennten. Auch die Trennung brachte keine Veränderung, und so beschlossen wir ein gutes halbes Jahr später, uns scheiden zu lassen. Mit Datum vom 20. Juni 2000 wurden wir zivilrechtlich geschieden.

Meine Ehefrau und ich haben jeden nötigen Gang gemeinsam besprochen und gemacht. Wir haben versucht, nur von unseren eigenen Fehlern zu sprechen, um die Familien und Freunde nicht in den Gewissenskonflikt einer Parteinahme zu bringen. Der Hausrat und sonstiges Gut wurde in gemeinsamer Absprache, nicht nach güterrechtlichen Aspekten, sondern gemäss den Bedürfnissen der beiden Ehepartner aufgeteilt. Beide waren einverstanden, wieder mit den eigenen Einkünften zu leben. Ein Anwalt wurde nicht beigezogen, die Konvention haben wir selber aufgestellt. Es war uns ein wichtiges Anliegen, auch christlich auseinander zu gehen und so leben wir heute noch in Frieden und sind bemüht, Freunde zu bleiben.

In meinem früheren Leben hatte Gott nur am Rande Platz. Ich habe erst nach der Scheidung wieder zu ihm zurückgefunden und meinen Glauben zu leben begonnen. In meinem Berufsalltag versuche ich ebenfalls das Christentum zu leben. An meinem Versagen trage ich schwer, insbesondere daran, dass ich eigene Wege gegangen bin, obwohl ich nach aussen den braven Katholiken gemimt habe. Das Bewusstsein, Gott an meiner Hochzeit vor der Türe stehen gelassen zu haben und die Kirche als Bühne für einen festlichen Rahmen missbraucht zu haben, bedrückt mich sehr. Es wurde in der letzten Zeit zu einem immer stärker werdenden Bedürfnis, diese Angelegenheit zu bereinigen. Ich wünsche mir ehrlich, nochmals die Chance zu haben vor Gott zu treten, um einen Ehebund zu schliessen, der diesen Namen verdient und in dem Gott die Mitte ist.

Ich möchte Sie deshalb bitten, meine Ehe auf Ihre Gültigkeit hin zu untersuchen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht gültig zustande gekommen ist. Denn ich wollte damals eben nicht im kirchlichen Sinn heiraten. Ich hatte mein eigenes Projekt einer Ehe. Sie sollte nicht so sein, wie Gott sie eingerichtet hat, sondern so, wie ich es mir vorgestellt habe: auf Vorläufigkeit hin angelegt und offen für einen Abbruch.

Es ist möglich, dass Andrea noch Briefe von mir hat, die meine Gespaltenheit in Bezug auf die Eheschliessung widerspiegeln. Aussagekräftig dürfte vor allem sein, was mein bester Freund zu sagen hat: Ich habe meine Bedenken, das Für und Wider und auch meine Sicht, wie und unter welchen Bedingungen ich die Ehe eingehen wollte, mehrmals mit ihm besprochen (Franz Häfliger, Sonnhalde 24, 3003 Bern). Mein Vater ist leider verstorben, aber meine Mutter könnte sicher auch über meine damalige ‚Seelenlage‘ Auskunft geben (Maya Müller, Querstrasse 44, 8304 Wallisellen).

Mit freundlichen Grüssen

UNTERSCHRIFT
Christoph Müller

 

Beilagen: erwähnt

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