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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am 19. Juni 2015 zum Abschluss des Studienjahres 2014/2015 an der Theologischen Hochschule Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Die Lesungen dieser Wochentage aus dem Matthäusevangelium sind Perikopen der Bergpredigt. Die Bergpredigt enthält in ihrer Gesamtheit die zentralen Lehraussagen unseres Herrn in der Darstellung des Evangelisten Matthäus. Passender könnten wir ein Studienjahr nicht abschließen. Hier wird uns ein bedeutender Teil der christlichen Ethik in ihrer Echtheit und in ihrer Reinheit vermittelt.

          Heute haben wir den Text Mt 6,19-23 vernommen. Jesus spricht darin vom Auge. Das Auge gibt dem Körper Licht. Das bedeutet, dass das Auge jenes Organ ist, durch welches das Licht den Menschen erfüllt, das Licht der Sonne, das Licht des Tages. Über das Auge wird das Leben des Menschen hell. Anderseits lässt das Auge erkennen, wie hell es im Menschen selber ist. Das Auge verrät etwas über die innere Verfassung des Menschen.

          Sogleich fügt Jesus dem allgemeinen Hinweis über das Auge den besonderen Gedanken vom gesunden und vom kranken Auge bei. Wenn das Auge gesund ist, wird der Menschen durch das Licht erleuchtet, wenn nicht, bleibt der Mensch in der Finsternis. Die Deutung dieser Aussage jedoch überlässt der Herr uns. Wann ist das Auge gesund, wann ist es krank? Sicher dürfen wir dieses Wort so verstehen: Der Mensch mit einer guten Einstellung, mit einer gläubigen Einstellung im Sinne der Worte der Bergpredigt, kann das Licht des Glaubens aufnehmen, und es wird sein Leben hell machen. Der Mensch mit einer schlechten Einstellung, mit einem verdorbenen Sinn, kann das Licht des Glaubens nicht aufnehmen, so dass er im Finstern bleibt. Der Mensch mit dem gesunden Auge (einfachen, einfältigen Auge, einfältig im Sinne des Schlichten, des Offenen, des Unverdorbenen), ist der Mensch, der sein Auge auf Gott und sein Gesetz richtet. Durch den Blick auf Gott und seine Gebote wird sein Leben hell, und er wandelt nicht in der Finsternis. Die Finsternis ist in den Evangelien im übertragenen Sinn meist ein Ausdruck der Gottferne und der Bosheit. Wir können den Hinweis unseres Herrn zum kranken oder gesunden Auge so zusammenfassen: Womit man sich beschäftigt, davon wird man geprägt.

          Wir stehen mitten in den Vorbereitungen auf die Bischofssynode: Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute. Die vergangenen Wochen haben auch bei dieser Thematik die Feststellung wahrgemacht: Womit man sich beschäftigt, davon wird man geprägt. Beschäftigt man sich damit in der guten Art und Weise unseres Glaubens, im Sinne der göttlichen Lehre, wird der Leib der Kirche hell; beschäftigt man sich damit in der verwegenen Art moderner Theorien, wird der Leib der Kirche finster. Das dürfen wir auch auf das Leben des einzelnen anwenden. Beschäftigt sich eine Person oder eine Gruppe mit der Thematik im Sinne des Glaubens, wird die Existenz dieser Person oder dieser Gruppe hell; beschäftigt sich eine Person oder eine Gruppe damit im Sinn dieser Welt, wird die Existenz dieser Person oder dieser Gruppe finster. Dann gilt auch das Wort des Herrn: „Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein“ (Mt 6,23).

          Nun, meine lieben Theologinnen und Theologen, ich möchte nicht, dass Ihr finster werdet, sondern dass Ihr, vom Glauben erfüllt, Licht werdet und Licht ausstrahlt, Glaubenslicht ausstrahlt. Deshalb möchte ich einige Hinweise zum besagten Thema geben.

          Die Sendung der Familie geht immer von der Ehe aus. Ohne Ehe gibt es keine Familie. Anderseits gilt auch: Die Ehe ist auf die Familie angelegt: „Der Schöpfer aller Dinge hat die eheliche Gemeinschaft zum Ursprung und Fundament der mensch­lichen Gesellschaft bestimmt“, lesen wir im Dekret über das Apostolat der Laien des Zweiten Vatikanums Apostolicam actuositatem (11). Die Schlussfolgerung ist: Der Ehe müssen wir größte Aufmerksamkeit schenken. Der Ehe müssen wir Sorge tragen. Die Ehe braucht einen Schutzwall. Und wie heißt der Schutzwall der Ehe? Es ist der Schutzwall der Keuschheit. Ohne die Tugend der Keuschheit entgleitet der Menschheit die Einordnung der Sexualität ins Leben der Gemeinschaft und die Ehe wird zu einem Spielball menschlicher Willkür. Ohne die Tugend der Keusch­heit ist die Ehe gefährdet, leidet und verliert sie ihren ihr vom Schöp­fer zugewiesenen Auftrag. Das führt zum Ruin der ganzen mensch­lichen Gesellschaft.

          Leider ist die Keuschheit eine Tugend, von der man heute nicht viel spricht. Es ist eine Tugend, welche vor allem im Rahmen der Theologie der christlichen Ethik und in der Einübung des christlichen Lebens behandelt und besprochen werden muss (theologia moralis und theologia spiritualis oder ascetica). Es ist eine Tugend, welche das jüdisch – christliche Leben zu tiefst geprägt hat, so dass beispielsweise bei der Frage der Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzes für das christliche Leben diese Tugend ausdrücklich genannt wird, bzw. das Gegenteil dieser Tugend, die Unzucht. Das bestätigen uns die Worte des Apostels Jakobus auf dem Apostelkonzil: „Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzen und Unzucht (πορνεία/fornicatio) zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen“ (Apg 15, 19-20). Im nachfolgenden Schreiben an die Gemeinden halten die Apostel alsdann fest: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden“ (Apg 15,28-29). Unzucht – hier nicht im übertragenen Sinn gemeint, wie so oft, vor allem im Alten Testament – ist ein umfassender Ausdruck für die Sünden gegen die göttliche Ordnung im Bereich der Geschlechtlichkeit (vgl. Jak 7, im einzelnen 1 Kor 6,9, vgl. weiter 1 Kor 6,13-20). Die klassische Theologie spricht darüber innerhalb der Lehre über die Tugenden, nämlich über die vier Kardinaltugenden, im Trak­tat über das Maßhalten oder die Mäßigung (temperantia) unter dem Titel der Keuschheit (castitas). Beim heiligen Thomas von Aquin finden wir die Materie in der Darstellung der besonderen Anthropologie, nämlich in der Secunda Secundae seiner Summa Theologiae unter den quaestiones (Fragen, Untersuchungen) 150-156. Das wäre eine nützliche Ferienlektüre, welche uns vor allem eine theologische Materie vermittelt, die oft ausgeblendet wird – vor allem deshalb, weil Keuschheit auch unter Theologen und Theologiestudierenden eine unangenehme Thematik geworden ist. Sie ist „humanwissenschaftlich“ eben nicht mehr verträglich! Dennoch, was uns der heilige Thomas in seiner Darstellung der mensch­lichen Sexualität sagt, ist eine Zusammenfassung dessen, was die Kirche über 1200 Jahre gelehrt und entwickelt hat, und es ist – 800 Jahre später – eine gute Vorbereitung auf eines der wichtigsten lehramtlichen Dokumente aus unserer Zeit, auf die Lehre von Humanae vitae, Grund­lage für jede weitere Ausfaltung der christlichen Sexualmoral, auch bei der kommenden Synode. Zu wünschen wäre, dass die Synode mit einer Klausurtagung zur Frage der Keuschheit beginnen würde. Euch jedenfalls, liebe Studierende der Theologie, rate ich an, das Thema anzugehen und zu vertiefen, damit Euer Auge nicht krank wird, das Licht des Glaubens aufnimmt, es durch Euer Wirken ausstrahlt und vielen Menschen zum Heil gereicht. Amen.   

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