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Bistum Chur

Fronleichnam 2016: Predigt von Bischof Vitus Huonder

Brüder und Schwestern im Herrn,
die heilige Messe zu Fronleichnam ist mit einer sogenannten Sequenz ausgezeichnet. Wir haben sie eben in einer verkürzten Fassung gesungen.
    Eine Sequenz ist ein Text, welcher das Glaubensgeheimnis des betreffenden Tages in feierlicher, dichterischer Form zum Ausdruck bringt. Die Liturgie sieht vier solche Gesänge vor, nämlich für Ostern, für Pfingsten, für den Gedenktag der sieben Schmerzen Marias und eben auch für Fronleichnam.
    Die Sequenz von Fronleichnam geht wahrscheinlich auf den hl. Thomas von Aquin (+ 1274) zurück. Sie trägt den lateinischen Titel Lauda Sion, Salvatorem (Lobe, Sion, den Erlöser). Davon leiten sich die bekannten deutschen Gesänge ab: „Deinem Heiland, deinem Lehrer“ oder, wie im aufgelegten Text, „Lobe Zion, deinen Hirten“.
    Die Sequenz von Fronleichnam ist eine Zusammenfassung der Lehre über die heilige Eucharistie. Sie erläutert in wenigen Gedanken, was die Kirche über das Allerheiligste Sakrament des Altares glaubt und lehrt. Es ist eine wunderbare Unterweisung zum Höchsten der Sakramente.
    In diesem Gesang kommt auch die Frage des würdigen Empfangs der heiligen Kommunion zur Sprache. Darauf möchte ich heute eigens hinweisen. Wir sollen nicht gewohnheitsmäßig zur Kommunion gehen. Wir sollen nicht einfach mitlaufen. Wir sollen uns jedesmal überlegen, was wir tun, wenn wir zur heiligen Kommunion gehen. Wir sollen uns jedesmal bewusst werden, wen wir bei der heiligen Kommunion empfangen – nämlich den Herrn selber – , und wir sollen uns auch jedesmal fragen, in welcher inneren, seelischen Verfassung wir hinzutreten. Selten mehr wird auf die Voraussetzungen für einen würdigen Kommunionempfang aufmerksam gemacht. Selten mehr wird auch auf die Folgen eines unwürdigen Empfangs hingewiesen. Leider kommt diese Frage auch beim Erstkommunionunterricht kaum mehr zur Sprache.
    Nun, in der Sequenz finden wir zum würdigen oder unwürdigen Empfang die folgenden Worte: „Sumunt boni, sumunt mali: / sorte tamen inaequali, / vitae vel interitus. – Empfangen tun es Gute, empfangen tun es Schlechte / doch verschieden ist ihr Los / für die einen ist’s das Leben, für die andern das Verderben. Mors est malis, vita bonis: / vide paris sumptionis / quam sit dispar exitus. Für die Schlechten ist’s der Tod, für die Guten ist’s das Leben. / Der Empfang ist wohl der gleiche, doch verschieden ist der Ausgang“. In dieser Weise spielt die Sequenz auf die Worte des heiligen Paulus an: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11,27-29).
    Im Anschluss an diese strengen Worte des Apostels, aber auch der Sequenz möchte ich Euch die folgende Orientierungshilfe mitgeben: Voraussetzung für den würdigen Empfang der heiligen Kommunion ist der Glaube, insbesondere der Glaube an die Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament. Wir empfangen in der Gestalt der Hostie den Herrn selber. Wir empfangen Jesus Christus, Gott und Mensch. Das ist unser katholischer Glaube. Deshalb ist für Personen, welche den katholischen Glauben nicht kennen und nicht praktizieren, die Konversion notwendig, die Hinwendung zu eben diesem Glauben und zur Kirche, welche diesen Glauben lehrt und aus diesem Glauben handelt. Sich diesen Glauben zu eigen machen und so in der Gemeinschaft der katholischen Kirche hinzutreten, ist der erste wichtige Schritt zum würdigen Kommunionempfang.
    Ein zweiter wichtiger Schritt ist das Bemühen um ein gutes Leben, um ein heiliges Leben. Wir sind ja nicht vollkommen, aber wir wollen uns darum bemühen. Das bedeutet immer, sich zu bemühen, nach den Geboten Gottes und der Kirche zu leben. Die Kirche macht uns auf diesen zweiten wichtigen Schritt mit dem Hinweis aufmerksam, im Stande der Gnade zur Kommunion zu gehen. Das bedeutet, vor der Kommunion den Herrn um Vergebung der Sünden zu bitten. Daher ist das Schuldbekenntnis am Anfang der heiligen Messe von Bedeutung. Wer sich dabei einer schweren Schuld bewusst ist, wird vor dem Kommunionempfang zur Beichte gehen. Die Beicht ist in diesem Fall notwendig.
    Und ein Drittes: Beachten muss man auch die Nüchternheit vor der heiligen Kommunion, das heißt, sich vor dem Empfang eine bestimmte Zeit von Speise und Trank zu enthalten. Zu meiner Jugendzeit waren diese Vorschriften äußerst streng. Es wurde die Nüchternheit von Mitternacht an verlangt. Die Kirche ist in dieser Hinsicht sehr großzügig geworden: Für Gesunde auferlegt sie die Nüchternheit einer Stunde vor Empfang der heiligen Kommunion. Die Nüchternheit ist ein Ausdruck des Respekts vor dem Sakrament.
    Und noch eines möchte ich hinzufügen. Bei meinen Pfarreibesuchen fällt mit vor allem bei Firmungen auf, dass selbst die Neu-Gefirmten nach der heiligen Kommunion in die Bank zurückkehren und, statt in Stille zu verharren und zu beten, miteinander schwatzen und lachen. Da kommt bei mir die Frage auf: Wurden sie denn nicht in die Sammlung, ins persönliche Gebet und in die Ehrfurcht vor dem Heiligen eingeführt? Ehrfurcht vor dem Heiligen! Diese Ehrfurcht müssen wir neu lernen und neu lehren, sie den Generationen weitergeben. Amen.