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Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus anlässlich der Jahrzeit aller Churer Bischöfe am 11. Februar 2013

Meine lieben Mitbrüder des Churer Domkapitels,

„Der Gebrauch des Pontificale Romanum und des Rituale Romanum wie auch des Caeremoniale Episcoporum, die 1962 in Geltung waren, ist … erlaubt.“ So spricht sich die römische Instruktion „Universae Ecclesiae“ vom 30. April 2011 (in Nr. 35) aus. Sie enthält die Ausführungsbestimmungen zum Motu proprio Benedikt XVI., Summorum Pontificum. Der Heilige Vater hat es am 7. Juli 2007 erlassen, um „den Reichtum der römischen Liturgie besser zugänglich zu machen“. Damit wollte er den Gebrauch des Usus antiquior der überlieferten römischen Liturgie, wie sie bis zur Erneuerung nach dem Zweiten Vatikanum in Geltung war neu ordnen. Auf diese Weise wurde auch die überlieferte Bestattungsordnung mit ihren besonderen Gebeten für die Verstorbenen neu erschlossen.

Die überlieferte Bestattungsliturgie brachte in besonders eindringlicher Weise die Rechenschaftsablage zum Ausdruck. Der Tod des Menschen ist mit der göttlichen Vergeltung verbunden. Die Seele des Verstorbenen erscheint vor Gott, wie es Paulus im zweiten Brief an die Korinther sagt, um über das ganze Leben Rechenschaft zu geben: „Denn wir alle müssen vor 2 dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat“ (5,10). Der Katechismus der Katholischen Kirche greift auf diese Wahrheit zurück und prägt den Merksatz: „In seiner unsterblichen Seele erhält jeder Mensch gleich nach dem Tod durch Christus, den Richter der Lebenden und der Toten, in einem besonderen Gericht seine ewige Vergeltung“ (Kurztext 1051).

Aus dieser Erkenntnis unseres Glaubens entstanden viele Texte der Bestattungsliturgie, Texte mit ausgeprägten fürbittenden Elementen. Diese Texte rufen in Erinnerung, dass wir den Verstorbenen nicht mit glanzvollen Reden verherrlichen, sondern für ihn beten sollen. So nimmt das Bittgebet für die Verstorbenen im Usus antiquior einen breiten Raum ein. Es ist denn auch das eigentliche Liebeswerk jenen gegenüber, die uns vorausgegangen sind, das eigentliche Werk der Barmherzigkeit für die Seelen der Abgeschiedenen.

Ein wunderbares Gebet diesbezüglich ist das Gebet zur Verabschiedung des Leichnams. Wir werden es heute auf dem Friedhof für unsere verstorbenen Bischöfe, vor allem für den letztverstorbenen Vater unsere Diözese sprechen: „Geh nicht ins 3 Gericht mit Deinem Diener, o Herr; denn niemand ist vor Dir gerecht, wenn Du ihm nicht Nachlass aller Sünden gewährst. Darum bitten wir Dich: Lass über deinen Diener, den dir in Wahrheit das Fürbittgebet des christlichen Glaubens empfiehlt, kein strenges Urteil ergehen. In seinem Leben empfing er das Siegel der heiligsten Dreifaltigkeit. Daher komme ihm mit Deiner Gnade zu Hilfe und bewahre ihn vor einem strengen Gericht.“

Heute besteht die Tendenz, dem Menschen einen angenehmen und schmerzlosen Tod zu ermöglichen. Das hat auch den christlichen Bezug zum Tod verändert und die Bestattungsliturgie sowie das Totengedenken beeinflusst. Bitten um Vergebung und Läuterung werden eingeschränkt. Anderseits will man den Zurückgebliebenen die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Leben danach “ersparen”. Gewiss müssen wir den Tod des Christen immer mit Blick auf die Auferstehung Christi betrachten. Wir sollen nicht so trauern, wie jene, die keine Hoffnung haben, ermahnt uns der heilige Paulus (1 Thess 4,13). Doch darf uns die berechtigte Hoffnung nicht dazu veranlassen, das Gebet für die Verstorbenen zu schmälern oder zu vernachlässigen. Wir dürfen auch nicht Glaubenswahrheiten ausblen4 den, die das Gewissen des Menschen aufrütteln und ihn zur Besinnung bringen. Fest steht, dass die Liturgie die Gläubigen formt und beeinflusst. Deshalb ist ihr Ausdruck von Bedeutung für die Weitergabe des Glaubens auch bezüglich der Wirklichkeit des Todes und der Feiern für die Verstorbenen.

Eben die christliche Hoffnung, die uns alle beseelen muss, lässt uns dem Tod mit seiner ganzen Wahrheit ins Gesicht schauen. Denn wir sind ihm nicht schicksalshaft ausgeliefert. Denn das Gebet, das Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit und vor allem die Reue über begangenes Unrecht, sind mächtige Hilfen, um dem Herrn dorthin zu folgen, wo er ist: „… und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein“ (Joh 12,26). Amen.