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Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Eucharistiefeier zum Abschluss des Studienjahres der Theologischen Hochschule Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,

wir befinden uns am Anfang des Matthäus-Evangeliums, mitten in der sogenannten Bergpredigt. Von der 10. bis zur 21. Woche im Jahreskreis liest die Kirche an den Werktagen jenen Evangelisten, von dem Papias von Hierapolis um 110 nach Christi Geburt schreibt, er hätte die Logia nach hebräischer Art zusammengestellt. Die Logia bedeutet die Worte und die Taten Jesu, das Leben Jesu. Matthäus war also der hebräischen Sprache und der hebräisch-aramäischen Kultur verpflichtet. Wir können sagen: Matthäus hat als hebräisch denkender Mensch sein griechisches Evangelium verfasst, und dies wohl zwischen 50 und 60 nach Christi Geburt. Das hebräische-aramäische Denken, die forma mentis hebraica et aramaica schlägt sich in seinem griechisch geschriebenen Text nieder. Ähnliches können wir auch heute in vielfacher Weise feststellen: Wenn etwa ein Deutscher einen italienischen Text verfasst, dann spürt ein Sprachenkenner den germanischen Hintergrund. Das gilt natürlich auch vice versa: Wenn sich ein Italiener deutsch ausdrückt, dann scheint etwas von der lateinischen Kultur durch, und der Autor lässt sich entsprechend identifizieren.
Nun, ein hebräisches Stilmittel ist auch der parallelismus membrorum: Kunstvoll werden ähnliche Gedanken in kurzen Sätzen einander zugeordnet, oder auch gegensätzliche Aussagen miteinander verknüpft. Die Psalmen bieten uns verschiedene Beispiele an. So sangen wir eben: „Verherrlicht mit mir den Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen rühmen (Ps 34,4). Auch im Text des heutigen Evangeliums entdecken wir das Stilmittel des Parallelismus, nicht in weiterführender Art und Weise, sondern den Gegensatz markierend: „Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein“ (Mt 6,22-13).
Nun geht es bei dieser Aussage unseres Herrn nicht um das gesunde oder das kranke Auge im körperlichen Sinn. Bezeichnet wird eine moralische Qualität des Menschen. Das ergibt sich aus dem griechischen Text selber. Er spricht vom schlichten Auge, vom einfachen Auge. Das schlichte Auge ist das lautere, das reine Auge. Wir denken unmittelbar an die Preisung unseres Herrn: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Das schlichte Auge ist mit dem reinen Herzen vergleichbar.
Die Lauterkeit, die Reinheit, die Schlichtheit ist immer eine Eigenschaft, die auf das Göttliche hinweist, die den Menschen auf das Göttliche hin öffnet. Der Mensch mit dem schlichten, einfachen, einfältigen Auge (im Sinn von „Auge ohne Bosheit“), der Mensch mit dem arglosen Auge, ist der Mensch, der sich nach Gott ausrichtet, der sich an Gottes Gesetz hält und dieses Gesetz betrachtet, wie es Psalm 1 zum Ausdruck bringt: „Selig der Mann, der nicht dem Rat der Bösen folgt, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht auf dem Stuhl des Verderbens sitzt; sondern seinen Willen zum Gesetz des Herrn hinlenkt, der sein Gesetz betrachtet bei Tag und bei Nacht“ (Ps 1,1-2). Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang auch an die Worte unseres Herrn, die wir vor kurzem hörten: „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,28). Das Sehen, die Funktion des Auges, wirkt sich auf das Herz aus, beziehungsweise lässt das Innere, das Eigentliche des Menschen erkennen; offenbart das Herz des Menschen.
Dem schlichten Auge steht das böse Auge gegenüber. „Krank“, wie unser Text lautet, ist eine schwache Übersetzung. Deutlicher heißt es in der lateinischen Version: Si autem oculus tuus fuerit nequam – Wenn dein Auge aber schlecht ist – verdorben, arglistig. Die ältere deutsche Übersetzung (vgl. Kürzinger) ist vorzuziehen: „Ist nun dein Auge klar, wird dein ganzer Leib im Lichte sein; ist aber dein Auge schlecht, wird dein ganzer Leib im Finstern sein“.
Der Herr fordert uns auf, uns neu zu orientieren und unserem Denken und Handeln jene Ausrichtung zu geben, die uns als Kinder des Lichts erscheinen lässt, als Zeugen seiner Herrlichkeit und Güte. Es soll mit uns das Gegenteil dessen geschehen, was der Herr am Schluss der kurzen Redeeinheit sagt: „Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein“. – „Wenn nun das Licht in der Finsternis ist, welche Finsternis“. Nein, es soll für uns gelten: „Wenn nun das Licht in dir leuchtet, welch ein Glanz, welch eine Ausstrahlung, welch ein Zeugnis für das Licht, das Gott selber ist“.
Damit sind wir beim Zeugnis angelangt, dass der heilige Paulus in der heutigen Perikope aus dem zweiten Brief an die Korinther ablegt – prahlend, meint er. In Wirklichkeit sind seine Worte für uns eine Ermutigung, eine Ermutigung, den Weg mit dem Herrn zu gehen, und das bedeutet, eine Ermutigung für unsere Berufung einiges in Kauf zu nehmen. Lassen wir doch den Apostel selber nochmals zu Wort kommen: „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmahl erhielt ich von Juden die neun-und-dreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See …“ (2 Kor 11,23-25). Die Aufzählung geht weiter. Für uns genügen diese Worte, um uns überzeugen zu lassen, dass der Glaube, vor allem die Verkündigung des Glaubens seinen bzw. ihren Preis hat.
Wir stehen mitten im Konzilsjubiläum drin. Wir sollen diesem Kirchenereignis nicht so sehr ein Denkmal setzen, sondern, das Konzil betrachtend, dem Glauben zu einem neuen Durchbruch verhelfen, in dem Sinn Zeugen des Glaubens sein, wie es Paulus war, und wie es Jesus von uns erwartet: „Ist nun dein Auge klar, wird dein ganzer Leib im Lichte sein; ist aber dein Auge schlecht, wird dein ganzer Leib im Finstern sein“.
Am 26. Oktober des vergangenen Jahres hat “Die Welt” ein Gespräch mit dem bekannten Philosophen Robert Spaemann abgedruckt. Der Titel dieses Interviews lautete: “Das Konzil hat die Kirche lasch gemacht”. Dabei gibt uns der deutsche Denker, die vergangenen Jahre kritisch bewertend, folgende Anregung mit: „Es geht heute wirklich eher um das, was aus dem Konzil gemacht wurde. Vielleicht wird man ja einmal wieder anfangen, die Originaltexte zu lesen. Schon gegen Ende des Konzils, erhob sich … wie ein Gespenst etwas, das man den ‘Geist des Konzils’ nannte, und das nur sehr bedingt mit den tatsächlichen Beschlüssen zu tun hatte. Geist des Konzils, das heißt: Der Wille der Neuerer. Bis heute berufen sich die so genannten Reformer bei allen möglichen Reformideen auf den Geist des Konzils und meinen damit Anpassung. Wir brauchen aber heute das Gegenteil des ‘Weltlichwerdens der Kirche’ … Wir brauch das, was der Papst ‘Entweltlichung’ nennt.“
Nun, ‘Das Konzil hat die Kirche lasch gemacht’. Es liegt jetzt an uns, an unserem Einsatz für den Glauben der Kirche, für den umfänglichen Glauben der Kirche, diese Charakterisierung Lügen zu strafen. Gefordert wird in dieser Situation ganz besonders das klare, arglose, auf Gott gerichtete Auge, das dem ganzen Körper Licht gibt – dem Körper, der da ist der Leib Christi, die Kirche. „Ist nun dein Auge klar, wird dein ganzer Leib im Lichte sein; ist aber dein Auge schlecht, wird dein ganzer Leib im Finstern sein“. Sinngemäß können wir formulieren: „Ist nun das Auge der ganzen Christenheit klar, wird der Leib der Kirche Licht sein“. In diesem Wort drückt sich unser aller Auftrag aus. Amen.