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Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Generalkapitels des Domkapitel (Installation Domherr Pfr. Roland Graf) am 6. Mai 2013

Liebe Mitbrüder des Domkapitels unserer Lieben Frau zu Chur

Die Apostelgeschichte berichtet uns, wie Paulus und seine Gefährten nach Troas, im Nord-Westen Kleinasiens, zum Mittelmeer hin, aufbrachen (Apg 16,11). Wir wollen uns den Vorgang genau vergegenwärtigen. Paulus hatte im Sinn, das Wort Gottes in der Provinz Asien zu verkünden. Doch, so drückt sich Lukas aus, der Heilige Geist hätte es ihnen verwehrt, dort zu wirken (Apg 16,6). Zunächst bekräftigt diese Aussage, dass der Heilige Geist in der Kirche wirkt. Pfingsten ist nicht ein punktuelles Ereignis, Pfingsten ist ein Anfang mit namhaften Folgen, Folgen bis in unsere Zeit hinein. Der Heilige Geist begleitet seine Kirche. Er begleitet auch Paulus und seine Gefährten. Sodann zeigt uns diese Stelle, dass der Heilige Geist auch Vorhaben verhindern kann; was dann auch bedeutet, dass sich der Heilige Geist nicht vereinnahmen lässt. Er setzt sich durch. Er setzt sich auch in unserer Zeit durch, mögen wir auch manchmal unsere Zweifel haben.

Wir wollen uns auch gleich fragen, warum dies geschieht, warum der Heilige Geist etwas an und für sich Gutes verhindert. In unserem Fall liegt die Antwort auf der Hand: Der Heilige Geist verhindert ein Vorhaben, um etwas Bedeutendes oder noch Bedeutenderes in die Wege zu leiten. Der Heilige Geist sieht weiter als wir. Das muss uns Vertrauen schenken. Das muss uns die Angst nehmen, die uns so oft befällt, wenn wir vor bestimmten Situationen unserer Kirche und unserer Gesellschaft stehen. Das muss uns aber auch zur Bescheidenheit und zur Demut bewegen. Es hängt nicht alles nur von uns ab, auch wenn uns der Herr zu seinen Mitarbeitern berufen hat. Wir sind einerseits nie allein auf dem Weg, anderseits dürfen wir uns auch nicht überschätzen.

Der heutige Abschnitt der Apostelgeschichte lässt uns die Führung durch den Heiligen Geist deutlich erkennen und in einem bestimmten Punkt erfahren. So erhält das negative „Verhindern“ ein positives Gegengewicht: Der Heilige Geist wollte, dass die frohe Botschaft nach Europa komme. Der heilige Paulus bekam einen neuen Auftrag, vielleicht einen Auftrag, den er sich nie so ausgedacht hatte. So wurde Philippi die erste wichtige Stadt des europäischen Kontinents, wo der christliche Glaube Fuß fassen konnte und von wo aus er sich in einer nicht zu erwarten Weise entfaltete. Die Purpurhändlerin Lydia „und alle, die zu ihrem Haus gehörten“, ließen sich taufen (Apg 16,15). Das war der Anfang einer überwältigenden Missionsge-schichte. Für uns ist dies der Beweis, mit welcher Kraft der Heilige Geist in seiner Kirche wirkt – bis in unsere Zeit hinein.

Mit dem heutigen Tag beginnen wir die Bittage vor Christi Himmelfahrt, die sogenannten kleinen Litaneien. Der lateinische Ausdruck Litanei wird mit „Bittprozessionen“ übersetzt. Es geht um eine Flurprozession, deren Ziel die Bitte um ein gesegnetes Wachstum und eine gute Ernte ist. Es handelt sich alsdann auch um eine Prozession mit dem Charakter der Buße. Deshalb trug der Priester dazu mitten in der Osterzeit ursprünglich die violette Farbe. Die kleinen Litaneien wurden 469 von Bischof Mamertus von Vienne (Frankreich) verordnet. Nach schweren Heimsuchungen des Landes sollte das Volk an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt Buße tun und Fasten. Warum vor Christi Himmelfahrt? Dazu habe ich bisher keine Erklärung gefunden. Christi Himmelfahrt wird in einem gewissen Sinn ein Anlass zur Trauer. Der Herr geht von den Seinen weg. Er selber sagt: „Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe“ (Joh 16,5-6).

Es mag eben diese Trauer der Ursprung gewesen sein, die Zeit vor Christi Himmelfahrt als eine Zeit des Bittens und der Buße zu begehen. So drückt sich in diesen Tagen die allgemeine Situation der Kirche aus. Die Kirche ist immer auch die Kirche, die um den Herrn trauert, die sein Kommen herbei sehnt, die selber wartet, bis sie mit dem Herrn vereint wird, die ihre Aufnahme in den Himmel erbittet, ihre Vereinigung mit dem himmlischen Jerusalem. Sie ist eben die Kirche, die noch der Vollendung bedarf und um ihre Vorläufigkeit weiß.

Aber diese Bittage haben immer das Vorzeichen der Führung durch den Heiligen Geist. Die Kirche ist nicht führungslos, sondern sie darf stets das Zeugnis des Heiligen Geistes erfahren, auch wenn es der Geist sein kann, der etwas verwehrt und der die Seinen in eine andere Richtung einzubiegen veranlasst, als es ihrer Vorstellung entspricht. Immer ist es aber der Geist, den der Herr verheißen hat: „Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen“ (Joh 15,26).

Dieser Geist ist es auch, der uns zum Zeugnis befähigt, das der Herr von uns erwartet: „Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid“ (Joh 15,27). „Weil ihr von Anfang an bei mir seid.“ Damit meint Jesus die Jünger selber. Sie kennen eigentlich den Herrn; sie sind mit ihm vertraut, da er lange Zeit mit ihnen zusammen war. Das will er mit diesem „von Anfang seid ihr bei mir“ zum Ausdruck bringen. Deshalb müssten sie auch in der Lage sein, Zeugnis für ihn abzulegen. Die Vertrautheit mit dem Herrn sollte zum Zeugnis befähigen. Nun sind auch wir durch unseren kirchlichen Auftrag in diesen Jüngerkreis einbezogen. Mit andern Worten heißt das: Wir wollen uns durch das Gebet, durch die Betrachtung der Heiligen Schrift, vor allem der Evangelien, durch die Feier der Sakramente mit dem Herrn immer vertrauter machen, damit wir so wirklich seine Zeugen sein können. Wir wollen in dieser Weise, mit diesem Bemühen „von Anfang an“ bei ihm sein, seine Vertrauten sein oder seine Vertrauten werden. Möge der Beistand, der Heilige Geist, uns dazu bewegen und befähigen und uns in die richtige Richtung – in die Richtung, die er angibt – einweisen. Amen.

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