Navi Button
Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus Huonder in der Hl. Messe an Neujahr in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Ein weiteres Jahr bedeutet immer weiteres Leben. Nie werden wir uns so sehr bewusst, dass unser Leben weitergeht und voranschreitet wie am Tag von Neujahr. Anderseits werden wir uns eben am Anfang eines neuen Jahres inne, dass unser Leben befristet ist, wir es im Maß von Jahren abschreiten und so auch einmal in jenes wohl unbekannte Jahr eintreten, welches einen Punkt setzt. Deshalb darf der Neujahrstag nicht Anlass zu Ausgelassenheit und Maßlosigkeit sein; gewiss Anlass zur Freude und zum Frohsinn, besonders aber zur Besinnung, und allenfalls auch zur Vornahme notwendiger Korrekturen. 

        Nun, Grundlage unseres Lebens, unseres jährlichen Voranschreitens, aber auch unserer guten Vorsätze, muss der Glaube sein, unser Glaube, der Glaube der Kirche. Denn durch den Glauben werden wir gerettet. In diesem Sinn schreibt der Apostel Paulus den Gläubigen von Ephesus: Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann (Eph 2,8).  Daher ist die Kenntnis des Glaubens wichtig. Die Menschen müssen den Glauben kennen lernen, damit sie durch den Glauben Heil und Rettung erfahren. Die Kirche, die Gläubigen – nicht nur die Priester und Bischöfe – haben den verantwortungsvollen Auftrag, den Glauben zu leben und zu verkünden, damit alle Menschen zum Glau­ben kommen und Heil und Rettung finden.

        Unsere katholische Glaubenslehre lässt sich in fünf Haupt­stücke einteilen. Wir wollen sie uns immer wieder zu Gemüte führen, um im Glauben zu wachsen: Die Lehre von Gott, die Lehre von der Schöp­fung, die Lehre von der Erlösung, die Lehre von der Heiligung, die Lehre von der Vollendung. Diese Glaubenslehre lässt sich in dem einen Gedanken zusammenfassen: Unser Leben geht von Gott aus, hat in der Schöp­fung seine Grundlage, sehnt sich nach der Erlösung, erfährt sie in der Heiligung und bewegt sich auf die Vollendung zu. In diesem Sinn wollen wir den neuen Zeitabschnitt unter die Füße nehmen, als Söhne und Erben Gottes, wie es uns die Lesung aus dem Brief an Galater sagte (Gal 4,7) und uns immer wieder auf diese Grund­lage unseres Glaubens besinnen.

        Neujahr ist die Oktav von Weihnachten, von Christi Geburt, der achte Tag der großen Feier und sozusagen der Abschluss des Hochfestes. Weih­nachten stellt uns ganz besonders zwei Personen vor Augen: den Herrn und seine Mut­ter, Gottes Sohn, geboren von einer Frau (Gal 4,4). Weih­nachten ist ein Herrenfest, ist zudem aber auch ein Marienfest. Als Marienfest offenbart es uns Maria als Gottesmutter, ein Ausdruck aus der ersten Zeit der Kirche, aus der Jugendfrische der Kirche, ein Ausdruck, der Anlass gab zum dritten Ökumenischen Konzil, zum Konzil von Ephesus im Jahre 431.

        Maria ist jene Frau, welche uns den Heiland geschenkt hat, den Heiland, der, in Anlehnung an den Evangelisten Johannes, an das Weihnachtsevangelium, nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren ist (vgl. Joh 1,13); denn er ist der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht (Joh 1,18). Deshalb trägt Maria den einzigartigen Titel der Gottesmutter – der Frau, die Gott geboren hat -, Gott, der sich in die Gestalt des schwachen Menschen eingehüllt hat, der in seiner Person die göttliche und die mensch­liche Natur vereinigt. Daher steht die Darstellung dieser Frau, von Maria, im dritten Haupt­stück des katholischen Glaubens, in der Lehre von Gott, dem Erlöser. Das bedeutet: Sie hat wie kein Mensch Anteil an der Erlösung des Menschen­geschlechtes. Daraus dürfen wir den Schluss ziehen: Maria als Mutter des Sohnes Gottes ist wie kein anderer Mens­ch unsere Begleiterin auf dem Weg der Erlösung, daher auf dem Weg der Heiligung, und wiederum auf dem Weg zur Vollendung. Aus diesem Grund wollen wir sie heute, am ersten Tag des Jahres, ganz besonders als unsere Fürsprecherin angehen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.