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Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus Huonder in der Hl. Messe an Neujahr in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,

Feiertage wie Weihnachten und Neujahr, wie Ostern und Pfingsten sind Tage, die eine große Anzahl Menschen Gott unmittelbar erfahren lassen und in Gottes Nähe führen. Festtage sind daher für viele Menschen besondere Tage der Gnade.

Die Heilige Schrift spricht über solche Zeiten der Gnade, so etwa Psalm 69: „Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade“ (vgl. V. 14). Oder beim Propheten Isaias lesen wir: „Zur Zeit der Gnade will ich dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen“ (Is 49,8). Der heilig Paulus greift diese Stelle im Zweiten Brief an die Korinther auf, in 6,1-2: „Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt. Denn es heißt: Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich, am Tag der Rettung helfe ich dir. Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“ Die Zeit der Gnade ist gemäß der Predigt des heiligen Paulus mit der Geburt Christi angebrochen. Wir leben in der Zeit der Gnade. Deshalb wollen wir das Wort des Völkerapostels beherzigen: „Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt.“

Doch oft wird die Zeit der Gnade auch zu einer Herausforderung für unseren Glauben, und dies eben daher, weil wir tiefer und bewusster über Gott nachdenken. Die Frage nach Gott stellt sich in diesen Festzeiten dringender und gezielter. Dann können auch verwirrende Argumente aufkommen. So erhielt ich am 25. Dezember eine Anfrage per mail mit dem Hinweis: „In der Heiligen Nacht von gestern auf heute haben meine Frau und ich – ohne es beabsichtig zu haben – stundenlang … über Gott geredet. Wir fragten und fragen uns noch immer, weshalb Er derart fürchterliche Katastrophen wie einen Tsunami zulässt?“ Das Schreiben setzt sich fort und nennt weitere ähnliche Probleme, und es endet mit der Anfrage: „Können Sie … uns eine Antwort auf diese Fragen geben?“

Meine Lieben, das sind die schwierigsten Fragen, welche im Rahmen des Gottesglaubens gestellt werden können. Darauf eine Antwort zu geben, ist schwer. Aber vielleicht können die einigen Hinweise, welche ich nun beifüge, allgemein eine Hilfe sein und euch zudem durch das neue Jahr begleiten, auch durch das schon begonnene Jahr des Glaubens. Vor allem sollen sie euch im Gottesglauben stärken. Dabei wollen wir auf das Beispiel Maria blicken. Von ihr sagt das heutige Neujahrsevangelium: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19). Vieles müssen wir einfach in unserem Herzen bewahren, weil wir es nicht ganz verstehen; wir müssen darüber nachdenken und geduldig warten, bis uns die Antwort eines Tages gegeben wird.

Mit diesen Überlegungen haben wir die Voraussetzung geschaffen, um auch ein so schwieriges Thema wie jenes der Zulassung Gottes, das im eben erwähnten Schreiben aufgegriffen wird, zu überdenken. Gott lässt, so wird gesagt, Dinge zu, die wir nicht begreifen und nicht einzuordnen vermögen. Wir Menschen haben tatsächlich mit vielem, was wir in dieser Welt wahrnehmen, unsere liebe Mühe. Nun, dazu drei Gedanken zum besseren Verständnis:

Ein erster wichtiger Punkt: Wenn wir über Gott sprechen und nachdenken, müssen wir uns bewusst werden, dass Gott für uns letztendlich unbegreiflich ist, und es wäre anmaßend, Gott und sein Walten unserem Urteil zu unterziehen. Gott und sein Walten übersteigen unser Fassungsvermögen. Mit Hiob müssen wir immer wieder bekennen: „Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich dir (Gott) erwidern. Ich lege meine Hand auf meinen Mund“ (40,3-4). Der heilige Paulus sagt (Röm 11,33-35), indem er auf den Propheten Isaias zurückgreift: „O tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege. Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas gegeben, sodass Gott ihm etwas zurückgeben müsste?“ Wir können uns und die ganze Menschheit mit allen Problemen und Nöten, die wir erfahren, unserem Gott nur überlassen und in seine Hände legen, wie es der Psalm 31,6 so schön sagt: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“

Ein zweiter wichtiger Punkt: Gott hat einen Gegenspieler, einen Gegenspieler, der wohl nur eine Zeitlang am Werk ist, aber eben doch am Werk ist. Unsere Schöpfung ist nicht eine heile Schöpfung, sie ist nicht mehr eine heile Schöpfung. Sie ist vom Geheimnis des Bösen durchdrungen. In ihr wirkt der böse Geist, und von diesem bösen Geist lassen sich die Menschen leiten, so dass auch durch Menschen viel Böses geschieht. Nicht umsonst lehrt uns Jesus beten: „Sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Auf diese Weise erinnert uns der Herr selber da-ran, wie erlösungsbedürftig wir sind, wie erlösungsbedürftig die ganze Schöpfung ist. Er sagt uns auf diese Weise aber auch, dass Gott uns vom Bösen befreit, und dass wir gegen das Böse ankämpfen müssen.

Ein dritter wichtiger Punkt: Gott begleitet uns durch die Nöte dieser Zeit hindurch. Und er begleitet uns nicht ins Nichts, er begleitet uns zu einem ewigen Ziel, zur ewigen Glückseligkeit. Wir sind der Not und dem Bösen nicht einfach ausgeliefert. Gott führt uns. Er führt uns aus dieser Not heraus. Deshalb stellt uns Jesus immer wieder das ewige Ziel vor Augen, das Leben danach. Wir dürfen uns nicht auf das Jetzt einschränken lassen. Wir dürfen uns auch nicht nur vom Jetzt beeindrucken lassen, von dem, was jetzt geschieht, von dem, was wir jetzt erleiden, oder was die Menschen in ihrem je eigenen „Jetzt“ durchstehen mussten oder durchstehen müssen (Genozid, Missbrauch, Ungerechtigkeit jeder Art). Wir dürfen unseren Blick weiten zu jenem Ende hin, da Gott uns Gerechtigkeit widerfahren lässt und Frieden schenkt. Alles fasst Jesus in den sogenannten Seligpreisungen zusammen. Durch die Seligpreisungen erfahren wir absolute Gewissheit. Wenn ich vorhin sagte: Gott ist letztlich unbegreiflich; dann muss ich nun ergänzend hinzufügen: An Gott ist eines gewiss: Gott ist gerecht und schafft Gerechtigkeit. Gott schafft Gerechtigkeit dann, wenn in seiner Vorsehung der Zeitpunkt dazu gekommen ist. Bei Gott wird jeder Mensch zu seinem Recht kommen. So erhält die dornige Frage der Zulassung Gottes eine sichere Antwort auf dem Hintergrund der Verheißung des ewigen Lebens. Die Seligpreisungen werden letzendlich nur auf diesem Hintergrund verstanden.

Ich habe vorhin Psalm 31,6 zitiert: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“ Dieser Vers hat eine Fortsetzung, und die möchte ich euch nicht vorenthalten: „Du hast mich erlöst, Herr, du Gott der Wahrheit.“ In die Zukunft schreitend, dürfen wir auch sagen: „Du wirst mich erlösen, Herr, du Gott der Wahrheit.“ Dieses unerschütterliche Vertrauen des Psalmisten wünsche ich euch für das bevorstehende Jahr. Amen.