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Bistum Chur

Homilie von Bischof Vitus Huonder in der Hl. Messe anlässlich des Studierendentreffens vom 10. Februar 2013

Brüder und Schwestern im Herrn,

gerne möchte ich mit Euch den Text der heutigen Lesung, den Abschnitt aus dem Buch Isaias 6,1-8, betrachten. Er beschreibt die Berufungsvision des Propheten. Der Prophet sieht den Herrn. Er sieht ihn auf seinem erhabenen Thron sitzend: „Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus“, sagt der Seher. Der Tempel ist nach der Erfahrung des damaligen Menschen – wir stehen etwa im Jahre 740 vor Christus – der Inbegriff von Größe und Herrlichkeit. Er ist ein gigantisches Bauwerk. Wenn nun der Saum von Gottes Gewand ein solches Bauwerk ausfüllt, wer ist dann Gott selber, Gott in seiner Gestalt, in seinem Wesen. Die Größe Gottes übersteigt jede Vorstellungskraft.

Isaias umschreibt auch die Umgebung Gottes. „Serafim standen über ihm.“ Gott sitzt, die Serafim stehen. Sie sind in dienender Bereitschaft, und sie huldigen dem Herrn, indem sie ihn als den Heiligen bekennen. Sie wissen um Gottes Sein und Wesen. Sie sind in der Lage, die Einzigartigkeit Gottes zu erkennen und zu verkünden und sie dem Menschen kundzutun, dessen Gotteserkenntnis durch die Sünde verdunkelt ist. 

Die Serafim erkennen und anerkennen Gott als den Heiligen. Sie erkennen und anerkennen Gott als den aus allem Herausgehobenen. Gott ist heilig. Gott ist abgesondert, in einem unzugänglichen Bereich. Dabei dürfen wir den Kern der Heiligkeit Gottes nicht außer Acht lassen: Die Heiligkeit besteht immer auch in der Güte. Sie ist der Gegensatz um Unheiligen, zum Schlechten, zum Bösen. Der Seraf ist ein hybrides Wesen, ein Mischwesen. So jedenfalls nach den bildlichen Darstellungen des Alten Orients. Wir kennen vor allem den Kentaur oder Zentaur, jenes griechische Sagenwesen, welches einen menschlichen Oberkörper und einen Pferdeleib hat.

Der Seraf ist ein Wesen mit einem Schlangenkörper, mit einem Menschenhaupt und mit Flügeln, meist Adlerflügeln. Er ist eine Kreatur, die dem Menschen überlegen, ja für ihn bedrohend ist: gefährlich wie eine Schlange, denkend und klug wie ein Mensch, wendig und schnell wie ein Vogel, wie ein Adler. Dieses Wesen nun steht vor Gott. Die Aussage ist klar: Ein Wesen, welches dem Menschen überlegen ist, ja, welches der Mensch fürchten muss, steht im Dienste Gottes und anerkennt Gott als den Einmaligen, Einzigartigen und Guten. Was für den Menschen groß, mächtig und bedrohend ist, das ist vor Gott bescheiden, ja ohnmächtig, ihm zu Diensten. Ein Hinweis wiederum auf Gottes unbeschreibliche Größe.

Der Prophet erschrickt beim Anblick Gottes: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere gesehen“. Die Vision bringt den Propheten zur Erkenntnis Gottes, und damit auch zur Erkenntnis dessen, was der Mensch vor Gott ist. Vor allem erkennt er, dass der Mensch vor Gott nicht bestehen kann; dass der Menschen, im Zustand, in dem er sich befindet, sich Gott nicht zu nähern vermag, nicht einmal mit seinem Blick. Schon das Sehen Gottes bringt den Menschen, den von der Sünde geprägten Menschen, in Bedrängnis.

Doch nun kommen wir zum Entscheidenden: Gott holt diesen Menschen, den Propheten, den Mann mit unreinen Lippen, in seinen engsten Bereich hinein, in den Bereich der Diener Gottes, in den Bereich seiner Heiligkeit: Der Seraf berührt dem Propheten mit einer glühenden Kohle des himmlischen Altars – mit einer glühenden Kohle, welche die läuternde und heiligende Kraft Gottes darstellt – mit dieser glühenden Kohle berührt er den Mund des Propheten. Der Prophet wird dadurch fähig, in Gottes Dienst zu treten, die Heiligkeit Gottes zu bekennen und dem Volk Israel die Botschaft des Herrn zu übermitteln. Er wird in die Lage versetzt, Gesandter Gottes zu werden, und das, was er geschaut hat, zu verkünden. Durch das reinigende Feuer von Gottes Heiligkeit wird der Prophet so sehr verändert und in seiner Existenz erneuert, dass er gleichsam spontan Gott seine Bereitschaft für die Sendung als Prophet erklärt: „Hier bin ich, sende mich.“

Wollen wir in den Dienst Gottes treten, seine Botschaft verkünden und seine Propheten werden, müssen wir uns von der Vision des Isaias leiten lassen, vor allem aber um jene Heiligung bitten, die Voraussetzung dafür ist, Gottes Willen und Gottes Botschaft glaubhaft zu verkünden. Wir alle bedürfen der Reinheit und Lauterkeit, welche vom himmlischen Altar ausgeht und uns sozusagen eine neue Existenz schenkt, damit wir als Geheiligte im Dienste des heiligen Gottes zu stehen vermögen. Amen.