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Bistum Chur

Pfingstpredigt 2017 von Bischof Vitus

Brüder und Schwestern im Herrn
Was bedeutete Pfingsten für die Apostel? Sie hatten sich ja an diesem Tag versammelt: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort“, berichtet uns der heilige Lukas in seiner zweiten Schrift, in der so genannten Apostelgeschichte (2,1). Die Jünger müssen zum Gottesdienst zusammengekommen sein. Denn für die jüdischen Gläubigen, und das waren die Apostel, war Pfingsten – und ist es immer noch – die Erinnerung an die Erscheinung Gottes auf dem Berg Sinai.
Pfingsten war und ist daher auch das Fest der Gebote Gottes. Denn auf dem Sinai nahm Moses Gottes Weisung entgegen. Der Geist der Wahrheit, der Heilige Geist, offenbart sich daher den Aposteln nicht ohne Grund eben an diesem Tag. Sollen sie doch von nun an hinausgehen in die ganze Welt und die Wahrheit des Evangeliums verkünden. Sie sollen die Völker lehren, „alles zu befolgen“, was der Herr ihnen geboten hatte (vgl. Mt 28,20). Sie sollen die Völker die Gebote unseres Herrn lehren. Dazu bedürfen sie der Kraft, des Mutes und Erleuchtung des Heiligen Geistes, des Beistandes. Er lehrt sie alles und erinnert sie an alles, was der Herr ihnen gesagt hat (vgl. Joh 14,26).
Zu den Geboten des Herrn gehören auch die Zehn Gebote. Die Zehn Gebote sind sozusagen die Kurzfassung von Gottes Weisung. Sie sagen uns mit wenigen Worten und in fasslicher Art, was für eine gottgefällige Lebensführung notwendig ist. Sie sagen uns, was ein heiliges Leben ausmacht. Es wird deshalb nicht schaden, wenn ich die zehn Gebote in Erinnerung rufe, so wie sie uns in der kirchlichen Überlieferung vorliegen, zumal da sie bei jüngeren Generationen oft nicht mehr bekannt sind: Ich bin der Herr, dein Gott. 1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. 2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. 3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen. 4. Du sollst Vater und Mutter ehren. 5. Du sollst nicht töten. 6. Du sollst nicht Unkeusches tun. 7. Du sollst nicht stehlen. 8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. 9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. 10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.
Die Gebote Gottes sind keine Fesseln, keine Einschränkung der Freiheit, wie dies oft behauptet wird. Sie sind ein Lebensschutz. Sie sind ein Lebensschutz nicht nur für dieses irdische Leben. Sie sind ein Lebensschutz auch für das ewige Leben. Wer sie beachtet, gelangt zum ewigen Leben, sagt uns der Herr selber: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote“ (Mt 19,16-17).
Die Gebote sind ein Schutz für uns und für unsere Mitmenschen. Sie schützen unsere Leben und sie schützen das Leben unserer Mitmenschen. Sie sind ein Schutz gegen den Egoismus, welcher jedem Menschen eigen ist. Gefährdet ist das Leben immer. Aber gefährdet und wehrlos ist vor allem das werdende Leben, der ungeborene Mensch, und das schwache Leben, der Mensch im Alter und in der schweren Krankheit. Auch da gilt immer das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten“.
Ich schließe meine Worte mit einem Zitat aus dem Apostolischem Schreiben Amoris Laetitia unseres Heiligen Vaters, Papst Franziskus, ein Wort, welches vor allem auf die Familie hinzielt: „Wenn die Familie das Heiligtum des Lebens ist, der Ort, wo das Leben hervorgebracht und gehütet wird, ist es ein schmerzlicher Widerspruch, wenn sie sich in einen Ort verwandelt, wo das Leben abgelehnt und zerstört wird. So groß ist der Wert eines menschlichen Lebens und so unveräußerlich das Recht auf Leben des unschuldigen Kindes, das im Schoß seiner Mutter wächst, dass man die Möglichkeit, Entscheidungen über dieses Leben zu fällen, das ein Wert in sich selbst ist und niemals Gegenstand der Herrschaft eines anderen Menschen sein darf, in keiner Weise als ein Recht über den eigenen Körper präsentieren kann. Die Familie schützt das Leben in allen seinen Phasen und auch an seinem Ende¹“ (83). Was hier für die Familie im engeren Sinn gilt, muss auch auf die Menschheitsfamilie übertragen werden: sie muss ein Ort sein oder zu einem Ort werden, welcher das Heiligtum des Lebens ist, der Ort, wo das Leben hervorgebracht und gehütet wird. Der Geist der Wahrheit möge auch in unserer Zeit sein pfingstliches Wirken offenbaren und der Menschheit den Sinn für die Unantastbarkeit des Lebens in allen seinen Phasen schenken. Amen.

¹Die offizielle deutsche Übersetzung lautet „auch in seinem Niedergang“. Die italienische Fassung sagt „anche al suo tramonto“, was das Lebensende, den Lebensabend meint. Damit soll die aktive Sterbehilfe ausgeschlossen werden (Exit).