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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Gottesdienstes zum Abschluss des Jahrs des Glaubens, am Sonntag, 24. November 2013, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,

anlässlich meiner Pfarreibesuche komme ich mit Behörden und Gläubigen in Kontakt. Bei den Gespräch wird immer auch der Besucherschwund bei den Gottesdiensten beklagt: Es kommen immer weniger Menschen in den Gottesdienst. Vor allem die junge Generation fehlt. Kinder und Jugendliche sind sozusagen ganz abwesend. Ausnahmen wären besondere Gottesdienste, sogenannte „Events“. Daraus ergibt sich dann die Schlussfolgerung: Wir müssen die Menschen durch „Events“ in die Kirche holen. „Events“ sind das Rezept für die Erneuerung des Glaubens. – Sind sie es wirklich?
Ein „Event“ ist eigentlich nichts anderes als eine Veranstaltung. In dem Sinn wäre jeder Gottesdienst eine Veranstaltung. Also müsste jeder Gottesdienst gut besucht sein. Aber „Event“ hat, vor allem im religiösen Gebaren der Menschen heute, den Sinn des Außerordentlichen erhalten. Es muss etwas Außerordentliches angeboten werden, damit die Menschen zum Gottesdienst kommen. Man muss sie mit etwas Besonderem anlocken. Der gewöhnliche Gottesdienst kann niemanden begeistern. Er ist langweilig, wenig ansprechend, lebensfern. Das bedeutet dann, dass man von der üblichen Gottesdienstform abrückt und mit irgend welchen attraktiven Aufführungen aufwartet. Der Gottesdienst wird mehr und mehr profaniert und säkularisiert, ja, oft kann man gar nicht mehr von Gottesdienst reden, bestenfalls noch von Katechese. Meistens aber handelt es sich um eine Vorstellung im Sinne von Unterhaltung und Freizeitgestaltung.
Wie müssen wir diese Entwicklung deuten, die Entwicklung des Gottesdienstes zum Event, zum außerordentlichen Ereignis? Das heißt dann auch: Wie müssen wir die Entwicklung des Glaubens zum Außerordentlichen deuten? Der Glaube ist tatsächlich etwas Außerordentliches. Er übersteigt die menschliche Ordnung. Er holt uns in die göttliche Ordnung hinein, ins Leben Gottes.
Doch, die Feststellung, dass der Glaube etwas Außerordentliches geworden ist, bedeutet unter diesen Umständen etwas anderes. Er ist punktuell geworden – wenn überhaupt. Ab und zu gibt es eine Erinnerung daran – bei einer Taufe, bei einer Erstkommunion, bei einer Firmung, bei einer Bestattungsfeier, oder auch im Verlauf des Jahres: Weihnachten, Ostern, Erntedank. Aber der Glaube prägt nicht mehr das Leben der Menschen. Er ist aus dem Alltag verschwunden. Er ist nicht nachhaltig. Er ist nicht mehr dieses Licht, das den Alltag beleuchtet und durchleuchtet und auf dem Weg des Lebens leuchtet. Er ist oft wie eine Taschenlampe, die man ab und zu anzündet und dann wieder löscht.
Der Kern dieser Entwicklung ist die mangelnde Einführung in den Glauben einerseits. Man versteht den Glauben nicht mehr. Die Beziehung zum Gottesdienst hat sich gelockert, verflacht oder aufgelöst. Seine Bedeutung wird nicht mehr erkannt, sein Sinn nicht eingesehen. Anderseits steht hinter diesem Verhalten sehr oft auch das Nein zum Glauben, das Nein zu einem konsequenten Leben nach den Anforderungen des Glaubens, das Nein zur Ethik des Glaubens. Es ist ein Nein, das Jesus selber erfahren musste, als er den Menschen nicht einfach ihren Alltag erleichtern wollte und ihnen „Brot und Spiel“ – „Events“ – bot, sondern auf das Brot vom Himmel hinwies. Da zeigte man ihm die kalte Schulter: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören (Joh 6,60)? Auch das heutige Evangelium dokumentiert dieses Nein: „… die führenden Männer des Volkes verlachten Jesus und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias ist“ (Lk 23,35). Es ist ein Nein zum Erlöser, zum Gesandten Gottes.
Bei einer solchen Haltung nützen „Events“ nichts mehr. Da hilft nur noch die Gnade des Glaubens. Der Glaube ist eine Gnade, lehrt die Kirche. Glaube ist ein Geschenk Gottes. Glaube ist ein Geschenk Gottes, ebenso wie Leben ein Geschenk Gottes ist. Das dürfen wir nie verkennen. Deshalb müssen wir nicht unbedingt nach „Events“ suchen, um den Glauben sozusagen anzukurbeln. Wir müssen Gott um die Gabe des Glaubens bitten. Wir müssen uns immer wieder an jenen Vater erinnern, Vater eines besessenen Jungen, der geradezu verzweifelt Jesus anruft: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,16). Mit dieser Erkenntnis des Glaubens als Gnade wollen wir das Glaubensjahr schließen – aber den Weg des Glaubens erst recht eröffnen oder weitergehen, damit der Glaube nicht zu einem „Event“ werde, sondern ständiger Begleiter unseres Leben ist und bleibt; dass er nachhaltig sei. Beten wir darum, beten wir darum für uns und alle Menschen. Amen.