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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder an Pfingsten 2014

Brüder und Schwestern im Herrn,
wir haben in der ersten Lesung den Bericht des Pfingstwunders gehört. Der Heilige Geist lässt sich auf die Apostel nieder und befähigt sie zum Glaubenszeugnis, so dass aus ihrer Predigt und ihrem Wirken die Kirche hervorgeht. Wir stehen an der Wiege der Kirche. Wir feiern den Geburtstag der Kirche.
Die Apostel werden von allen verstanden: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“, sagen die Menschen staunend (Apg 2,11). Auch das ist die Wirkung des Heiligen Geistes. Er erleuchtet den Verstand der Menschen, so dass sie die Botschaft des Glaubens aufzunehmen vermögen und den Willen Gottes zu erkennen.
In der zweiten Lesung macht uns der heilige Paulus darauf aufmerksam, dass der Heilige Geist die Einheit unter den Glaubenden bewirkt und die Glieder der Kirche, des Leibes unseres Herrn, mit verschiedenen Gaben ausstattet. Der Heilige Geist findet den Weg zum Herzen des Menschen und macht ihn zu einem wertvollen Glied der Kirche. Jeder kann sich in der Kirche – mit einem Modewort gesprochen – einbringen: „Juden und Griechen, Sklaven und Freie“ (1 Kor 12,13), das bedeutet die Menschen aller Nationen und aller Stände. Alle werden eins durch die Salbung des Heiligen Geistes.
Im Evangelium schließlich erfahren wir, dass der Heilige Geist auch die Vergebung bewirkt, den Menschen also vom Schlimmsten befreit, von der Sünde. Jesus stattet die Jünger mit der Kraft des Heiligen Geistes aus, um den Menschen ihre Schuld zu vergeben. Wir werden Zeugen der Einsetzung des Sakramentes der heiligen Beichte. Das bedeutet: Der Heilige Geist bewirkt die ständige Erneuerung des Menschen, die ständige Erneuerung der Kirche. Denn durch die Sünde wird der Mensch geschwächt und dem Tode zugeführt. Durch die Vergebung empfängt er neues Leben, neue Gnade.
Ein Szenenwechsel. Vor seiner Reise nach Israel traf sich der Heilige Vater mit den Bischöfen Italiens. Im Gespräch mit den Hirten unseres südlichen Nachbarlandes gab er Antwort auf verschiedene Fragen. Unter anderem sagt er zu Europa und der gegenwärtigen Glaubenssituation auf unserem Kontinent: „Europa ist etwas müde geworden, hat seine Berufung vergessen, ist seinem Ursprung nicht treu geblieben. Das Fehlen dieser Erinnerung lässt uns eine zweite barbarische Invasion erleben. Europa ist alt geworden, und hat anscheinend seine Richtung geändert. Wie viele Kirchen werden vor dem Jahr 2025 in Holland geschlossen. Mehr als die Hälfte … Länder, welche die Welt mit Missionaren füllten … erleben jetzt eine beeindruckende Verweltlichung. Sie haben in der Vergangenheit so viel Gutes getan. Jetzt haben sie es nötig, von andern Ländern unterstützt zu werden.“
Es muss uns nachdenklich stimmen, wenn der Heilige Vater sagt: „Europa ist etwas müde geworden, hat seine Berufung vergessen, ist seinem Ursprung nicht treu geblieben“. Ja, der Ursprung des heutigen Europa ist der christliche Glaube. Die Wurzel Europas liegt eigentlich im Pfingstereignis, in der Predigt der Apostel. In den ersten Jahrhunderten gelang es der Kirche, durch die Botschaft des Evangeliums dieses Europa zu prägen und eine Gesellschaft zu verwirklichen, die sich immer mehr auf der Grundlage des göttlichen Rechts zu entwickeln vermochte. Wenn wir heute etwa von Menschenrechten sprechen, müssen wir uns bewusst sein, das diese zu tiefst im biblischen Menschenbild verankert sind, auch wenn oft vorgegeben wird, sie seien eine Errungenschaft der modernen und säkularen Welt. Das heutige Europa hat diesen christlichen Ursprung vergessen oder ist dabei, ihn zu vergessen. Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist der Rückfall unserer Gesellschaft in einen Zustand geistig-ethischer Verwahrlosung und einer brutalen Entmenschlichung.
Wir befinden uns derzeit in einer Situation, die uns eigens dazu veranlasst, um den lebenspendenden Geist zu bitten. Pfingsten muss Ausgangspunkt eines ständigen Gebets zum Heiligen Geist werden – sicher für uns persönlich – aber ganz besonders für den politischen Alltag, für alles, was sich heute in Staat und Gesellschaft tut. In diesem Sinn ist auch die Mitteilung der Schweizer Bischöfe unter dem Titel „Sorge um den Schutz des Lebens“ nach ihrer letzten Versammlung in Einsiedeln zu verstehen. Wenn unser Land bezüglich des Lebensschutzes nicht umdenkt, geht es weiter mit der „zweiten barbarischen Invasion“, von welcher der Papst spricht. Die erste war jene verheerende Invasion der Zeit der Völkerwanderung. Diese zweite könnte aber barbarischer sein, weil ausgeklügelter und raffiniert. Der Heilige Geist möge das Antlitz unserer Erde, unseres Landes erneuern. Amen.