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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Hl. Messe am Tag der Barmherzigkeit, 4. Juni 2016

Brüder und Schwestern
wir begehen diesen Tag der Barmherzigkeit am Gedenktag des Unbefleckten Herzens Marias. Der Ausdruck des Unbefleckten Herzens Marias erinnert uns an den 8. Dezember, an das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Dieses Hochfest erinnert uns anderseits daran, dass die selige Jungfrau vom ersten Augenblick an, da ihr Herz zu schlagen begann, von jeder Sünde frei war und immer frei blieb. Dieser Vorzug geschah aus Gnade.
    Das heutige Tagesgebet erklärt diesen Vorzug folgendermaßen: „Gott, du hast dem Heiligen Geist im Herzen der seligen Jungfrau Maria eine würdige Wohnung vorbereitet“. Das bedeutet, der Heilige Geist sollte in Maria jene reine und heilige Frau finden, welche den Herrn und Erlöser durch sein Wirken zu empfangen und zu gebären vorbereitet war. Sie sollte dem Heiligsten, dem Sohn Gottes, das menschliche Leben, die menschliche Gestalt, die menschliche Natur schenken. Deshalb musste sie selber heilig und von jeder Sünde unberührt sein.          Wir haben im Evangelium gehört, wie der zwölfjährige Jesus seinen Eltern, seiner Mutter Maria und seinem Pflegevater Josef, erklärte: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört“ (Lk 2,49).  Jesus muss dort sein, wo sein Vater ist. Er muss im heiligen Bereich seines Vaters sein.
    Nun, diese Erklärung Jesus wirft auch Licht auf das Unbe-fleckte Herz Marias. Die Gottesmutter musste durch einen Vor-zug der Gnade auch zum heiligen Bereich des Vaters werden, der den Sohn in diese Welt aufzunehmen bereit war. So konnte der Sohn auch in ihr „dort sein, wo der Vater ist“. Maria musste, bevor sie den Sohn in ihren Leib aufnahm, selber zum Tempel Gottes werden. Deshalb würde der Sohn jedem, der die Unbefleckte Empfängnis Marias anzweifelt, sagen: „Wusstest du nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört. Wusstest du nicht, dass ich nur in jener Frau die menschliche Natur annehmen konnte, die ganz dem Vater gehört; die ganz heilig ist; die ein Tempel des Heiligen Geistes ist“. Das alles gibt uns der heutige Gedenktag des Unbefleckten Herzens Marias zu bedenken – und macht ihn uns zum Gegengenstand unserer großen geistlichen Freude.
    Damit stehen wir aber schon mitten in der Wahrheit von Gottes Barmherzigkeit und im Thema des Jahres der Barmherzigkeit. Gottes Barmherzigkeit hat einen unmittelbaren Zusammenhang mit Gottes Heiligkeit. Denn Gottes Barmherzigkeit ist für den sündig gewordenen Menschen das Tor zu Gottes Heiligkeit. Das bedeutet, das Tor zu Gott selber. Denn um Gott zu begegnen und in Gottes beglückender Gegenwart zu leben, bedarf der Mensch der Heiligkeit. Ohne Heiligkeit gibt es keine Gottesschau, keine visio beatifica, keine selige Anschauung Gottes. „Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit. Er macht mich zum festlich geschmück-ten Bräutigam. Er macht mich zur prachtvoll gezierten Braut“ (Is 61,10). In dieser Beschreibung des Propheten Isaias kommt das barmherzige Handeln Gottes zum Ausdruck. Gott stattet den Menschen so aus, dass er vor ihm in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu erscheinen vermag. Am Anfang dieses barmherzigen Handelns Gottes steht das unbefleckte Herz Marias und über dieses Herz breitet sich Gottes Barmherzigkeit über die Weltzeit aus.
    Gehen wir so der Barmherzigkeit Gottes nach, spüren wir, was sie bewirken möchte: Die Barmherzigkeit Gottes, die in seinem Sohn und im Werk seines Sohnes seinen endgültigen Ausdruck findet, möchte die Heiligkeit des Menschen bewirken. Das bedeutet, sie möchte den Menschen zur Umkehr bewegen, zur Abkehr von der Sünde, zur Zuwendung zum Reich Gottes. Das Jahr der Barmherzigkeit gibt einen neuen Anstoß zu dieser Umkehr. Es öffnet die Tür zur Umkehr und zur Einkehr in Gottes Haus. Es legt dem Menschen den Weg ins Heiligtum Gottes frei, so dass der Mensch, wie der Sohn, in dem zu sein vermag, was dem himmlischen Vater gehört.
    Deshalb kommen wir in diesem Jahr der Barmherzigkeit nicht an der Gewissenprüfung vorbei und am Sakrament, welches mit dieser Gewissenprüfung verbunden ist: am Sakrament der heiligen Beichte. Die Gewissensprüfung stellt uns ihrerseits vor Gottes Gebote. Denn sie misst sich an dem, was Gottes Wille ist. Gottes Wille tut sich in seinen Geboten kund. Deshalb legt Jesus dem Volk die Gebote immer wieder aus, vor allem in der Bergpredigt. Sie sind der Weg zur Barmherzigkeit. Sie selber sind Ausdruck der Barmherzigkeit und führen zur Heiligkeit. Sie sind Ausfluss der sanften Liebe Gottes. Sie sind keine beengenden Fesseln, keine verletzenden Felsblöcke, keine niederschmetternden Schlagstöcke, sondern Zeichen der mitfühlenden und wohlwollenden Fürsorge Gottes, wie es uns der Prophet Oseas sagt: „Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. … Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war für sie wie Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen“ (Os 11,3-4). Lassen wir uns von dieser barmherzigen Liebe Gottes umfangen, und machen wir uns täglich die Bitte des Tagesgebetes zu eigen: „Auf ihre – der seligen Jungfrau Maria – Fürbitte hin erfülle auch unser Leben mit deiner Gegenwart und mache uns zu einem Tempel deiner Herrlichkeit“. – Sind wir Tempel der Herrlichkeit Gottes, so dass Gott in uns und unter uns wohnen kann, dann ist das Ziel von Gottes Barmherzigkeit erreicht, und es folgt die ewige Glückseligkeit des Menschen. Amen