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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Katechistenfeier in Heiligenkreuz am 30. September 2017

Brüder und Schwestern im Herrn,

­iese Feier ist mit dem Missionsauftrag verbunden. Dieser Missionsauftrag gründet im Miss­ionsauftrag unseres Herr­n: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöp­fung (Mk 16,15). An diesem Missionsauftrag sollt Ihr, liebe Katechistinnen und Katechisten, teilhaben.
Doch gleich folgt die Frage: Macht dieser Missionsauftrag heute noch Sinn? Sogar Kirchenvertreter haben sich in den vergangenen Jahren gegen das Missionieren ausgesprochen, und dies nicht zuletzt unter Bezugnahme auf ein Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils: Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate. Das Dokument wurde am 28. Oktober 1965 veröffentlicht­.
Nostra aetate ist im Hinblick auf die nichtchristlichen Religionen sehr wohlwollend abgefasst. Das Dokument spric­ht von geist­lichen und sittlichen Gütern und von sozial-kulturellen Werten, die man in den Religionen findet. Das hat innerkirchlich denn auch zu Reaktionen geführt, weil man in dieser Erklärung eine Missachtung des ersten Gebotes sah und sieht: Du sollst neben mir keine andern Götter haben (Ex 20,3).
Für das rechte Verständnis von Nostra aetate sind die folgenden Worte maßgebend. Zu beachten sind sowohl die positiven wie auch die negativen Aussagen, sonst wird das Gleichgewicht gestört: „Die katholische Kirche lehnt nich­ts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‘der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Ge­spräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern“. 1
Lesen wir diese Zeilen genau, wird klar: Die Erklärung will mit diesem Dokument dem Missionsauftrag der Kirche dienen. Sie will den Zugang zu den Menschen der anderen Religionen ebnen. Das ist nur durch Respekt und Feingefühl möglich. Eine andere Interpretation für dieses Dokument wäre missbräuchlich und zu dessen Schaden. Sie stünde auch gegen die eindringliche Aufforderung der Kirche zur Neuen Evangelisierung.
Die Kirche hat immer versucht, die positiven Werte anderer Kulturen und Religionen zu erkennen und für ihren Missionsauftrag fruchtbar zu machen. Der heilige Gregor von Nazianz (330-390) zum Beispiel äußert sich bei der Bestattungsfeier des heiligen Basilius folgendermaßen: „Ich glaube, darin stimmen alle Verständigen überein, dass Bildung das erste unserer Güter ist: nicht nur jene hocherhabene, uns eigene, die jede Anmut und jeden Schmu­ck der Rede ver­schmäht und sich nur an das Heil und die Schönheit der Wahrheiten hält, sondern auch die heidnische, welche die meisten Christen als schädlich und gefährlich und als von Gott wegführend verachten. Denn wir dürfen Himmel und Erde, die Luft und alles, was dazu gehört, nicht deshalb verachten, weil einige eine verkehrte Anschauung davon gehabt haben, indem sie die Werke Gottes als Gott verehrten. Wir müssen vielmehr davon gebrauchen, was zum Leben und zur Freude dienlich ist, und vermeiden, was gefährlich ist“.2
Von der Schöpfung ausgehend, kommt der heilige Thomas von Aquin (1225-1274) zum Schlus­s, dass alle­ vernunftbegabten Wesen die Wahr­heit zu erkennen vermögen. Das bedeutet, dass es für den Dialog auch mit den anderen Religionen eine gemeinsame Grundlage gibt, liegt doch allem Sein die menschliche Natur zugrunde: „Jedes vernünftige Ge­schöpf erkennt es (das ewige Gesetz) aufgrund einer gewissen Einstrahlung, die stärker oder schwächer sein kann […] Alle aber erkennen irgendwie die Wahrheit, wenigstens hinsichtlich der allgemeinen Grund­sätze des natürlichen Gesetzes“.3 ­­­­­­­
Müssen wir in diesem Zusammenhang nicht auch an das Vorgehen des heiligen Paulus in Athen denken? Auf der einen Seite ergreift ihn Zorn über das Götzenwesen in der griechischen Hauptstadt. Auf der anderen Seite benutzt er den Altar für den „Unbekannten Gott“ als Ausgangspunkt für die Verkündigung des Heils in Jesus Christus (Vgl. Apg 17,16-34). So finden wir schon hier die Spannung zwischen Anerkennung und Ablehnung im Bezug auf die heidnischen Religionen. Das Handeln der Kirche bewegt sich zwischen diesen beiden Polen.
Zur Frage des Verhältnisses der Kirche zu den Menschen, welche nicht der Kirche angehören, hat sich schon vor dem Konzil Papst Pius XII. geäußert, unter anderem in der bedeutenden Enzyklika Mystici corporis vom 29. Juni 1943. Der Heilige Vater ermahnt im angesprochenen Punkt die Gläubigen, für alle Menschen einzustehen und auf alle Menschen die Heils­sorge auszuweiten: „Gewiss ist die Braut Christi nur eine: die Kirche. Doch die Liebe des göttlichen Bräutigams ist so weit, dass sie niemanden ausschließt und in der einen Braut das ganze Menschengeschlecht umfasst. Aus diesem Grund hat unser Erlöser sein Blut vergossen, um alle Men­schen so verschieden sie durch Abstammung und Volkszugehörigkeit sein mögen, in seinem Kreuz mit Gott zu versöhnen und in einem Leibe zu einigen. Wahre Liebe zur Kirche fordert darum nicht nur von uns, dass wir als Glieder desselben Leibes füreinander einstehen […] sondern dass wir zugleich die Menschen, die noch nicht im Leibe der Kirche mit uns vereint sind, als Christi Brüder dem Fleische nach betrachten sollen, die gleich uns zu demselben ewigen Heil berufen sind“.4 Dies ist eine Aussage, welche den Weg zu Nostra aetate unmittelbar vorbereitet und auch zur richtigen Interpretation verhilft.
Es gibt – immer nur durch das Erlösungswirken unseres Herrn – somit eine nicht sichtbare Zugehörigkeit zur Kirche, eine Zugehörigkeit dem „Fleische“ nach. Dem muss die theologische Reflexion Rech­nung tragen. Doch darf diese Zugehörigkeit nicht im Sinne der Allerlösung aufgefasst werden. Im Gegenteil, mit dieser Zugehörigkeit verbindet sich die Pflic­ht des einzelnen Men­schen, sich zu bemühen, die sichtbare Zugehörigkeit zu erlangen. Für die Kirche anderseits ergibt sich daraus die Pflich­t, sorgfältig ihren Missionsauftrag zu erfüllen. In diesem Sinn geht auch an Euch, liebe Katechistinnen und Katechisten, die Aufforderung, im Geiste der Liebe, aber ebenso der Unterscheidung der Geister Euren Auftrag zu erfüllen, immer im Bewusstsein, dass der Herr allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6). Amen.

 

1   ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, Nr. 2.

2   GREGOR VON NAZIANZ, Trauerrede auf Basilius den Großen 11: Texte der Kirchenväter, Hg. HEILMANN / KRAFT, 3 (München 1964), 30f.

3   THOMAS VON AQUIN, Summa Theologiae I II, q. 93 a 2, r.

4  PIUS XII, Encyclica  Mystici corporis, in: Acta Apostolicae Sedis 35 (1943), 239-240.