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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus beim Abschlussgottesdienst des Studienjahres 2016 / 2017

Brüder und Schwestern im Herrn

Was hat uns Bischöfe innerhalb des vergangenen Studienjahres, des Studienjahres 2016 / 2017 wohl am meisten beschäftigt? Sicher die Frage der Anwendung des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris Laetitia. Dazu habe ich unter dem Datum des 2. Februar 2017 ein kurzes Wort veröffentlicht: Die Heiligkeit des Ehebandes. Das Wort nimmt Bezug auf das vielerwähnte achte Kapitel. Dieses Kapitel behandelt die so genannten irregulären Situationen von ehelichen Verbindungen­. Ich bitte die Pries­ter, die Professoren und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge, diesem meinem Wort die notwendige Aufmerksamkeit zu schen­ken. Darauf werde ich ausführlicher bei anderer Gelegenheit und in einem anderen Zusammenhang zurückkommen. Beschränken wir uns aber nicht auf das achte Kapitel. Werfen wir einen Blick auf das ganze Mahnschreiben, auf die weiteren wich­tigen Aufträge, welche uns mit Amoris Laetitia gegeben sind.

       Was hat uns Bischöfe alsdann sehr beschäftig? Ein weiteres Mal hat uns die Frage der sexuellen Übergriffe im kirchlichen Umfeld beschäftigt, insbesondere die Pädophilie. Diese Frage erhielt erneute Aktualität im Zusammenhang mit dem Buch von Daniel Pittet „Mon Père, je vous pardonne“. Ich darf hier voraussetzen, dass alle über dieses Buch und über die Hintergründe dieses Buches genügend informiert sind. Bekannt sein müsste auch, dass der Heilige Vater, Papst Franziskus, das Vorwort zu diesem Werk persönlich unterschrieben hat. Aus diesem Grund sehe ich mich ein weiteres Mal in der Verantwortung, mich zum Sachverhalt zu äußern. Ich tue dies, indem ich alle meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, auch die angehenden, insbesondere die Pries­ter und die Priesteramtskandidaten ermahne, sich über die eigenen Neigungen und Veranlagungen ins Klare zu kommen. Dies gilt für unser­ Verhalten allgemein, dies gilt in der Frage der eigenen sexuellen Veranlagung im Besonderen. Zur Klärung möch­te ich auf drei Punkte aufmerksam machen, auf die Selbsterkenntnis, die Selbsteinschätzung und die Selbstbeherrschung. Ein Punkt ergibt sich aus dem andern.

       Die Selbsterkenntnis: Die Selbsterkenntnis geht von der Frage aus: Was liegt in meinem tiefsten Wesen? Die christliche Anthropologie ist eine realistische Anthropologie. Sie sagt uns, dass der Mensch im Grunde gut ist; denn er ist eine Schöpfung Gottes. Gott hat den Menschen gut erschaffen. Die christliche Anthropologie sagt aber auch, dass der Mensch nach dem Sündenfall einen bösen Keim in sich trägt, so dass aus dem Menschen auch Böses und Sündhaftes hervorgeht. Der Mensch ist anfällig für das Schlechte. In ihm schlummert auch das Unmenschliche, das Widergöttliche.

       Das Böse im Menschen ist vielfältig und zeigt sich nicht bei jedem Menschen in gleicher Weise. Die kirchliche Pädagogik und die katechetische Tradition haben der Fasslichkeit wegen die Auswirkungen­ des Bösen im menschliche Verhalten in den sogenannten sieben Haupt­sünden zusammengefasst. Die sieben Hau­ptsünden umschreiben gleichsam das Universum des Negativen im Herzen des Menschen. Sie sind sozusagen die negativen Kom­petenzen menschlicher Veranlagung. Sie werden wie folgt benannt: Stol­z, Habsucht, Neid, Zorn, Un­keuschheit, Unmäßigkeit und Überdruss. Überdruss ist ein anderer Ausdruck für die Faulenzerei. Diese klare, leic­ht verständliche Beschreibung menschlicher Leidenschaften (Anwandlungen) ist eine große Hilfe für die Selbsterkenntnis. Auf dem Hintergrund dieser Themenfelder soll ich mir immer wieder der Frage stellen: Wozu neige ich? Was ist das große Defizit in mir? Ist es der Stol­z, die Habsucht, der Neid, der Zorn, die Unkeuschheit, die Unmäßigkeit, der Überdruss­. Worauf muss ich besonders acht geben? Was könn­te mir zum Fallstrick werden? Wozu bin ich aus meinem tiefsten Wesen fähig? Vor allem ist bei diesem Prozess der Selbsterkenntnis Ehrlichkeit gefragt.

       Von der Selbsterkenntnis sollten wir zur Selbsteinschätzung gelangen. Ich meine damit die Einschätzung des Gefahrenpotenzials für eine Entgleisung. Um negativen Veranlagungen und Neigungen entgegenzuwirken, brauc­ht es eine besondere Widerstandskraft. Ganz allgemein muss ich mich da fragen, ob ich die entsprechende Wider­standskraft aufbringen kann, damit meine negativen Veranlagungen und Neigungen nicht zum Schaden für andere werden, zum Schaden für den Glauben, zum Schaden für die Kirche. Diese Selbsteinschätzung ist allgemein verlangt. Im Bereich der Sexualität erreicht sie einen besonders heiklen Punkt. Deshalb sind die kirchlichen Weisungen in dieser Hinsicht außerordentlich streng. „Die negativen Folgen, die aus der Weihe von Personen mit tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen erwachsen können, sind nicht zu übersehen“, sagt uns das Schreiben der Kongregation für den Klerus Das Geschenk der Berufung zum Priestertum (199). Al­lerdings, was hier in Bezug auf Personen mit homosexuellen Tendenzen gesagt wird, gilt im Bezug auf jede Veranlagung, welche leic­ht zu Übergriffen im allgemein führen könnte. Wenn diesbezüglich eine tiefsitzende Unordnung im Menschen vorherrscht, dann soll man keinen kirchlichen Beruf anstreben, oder dann gründlich aufräumen. Die Selbst­einschätzung muss eben dazu führen abzuwägen, was ich vermag. Jede tiefsitzende Unordnung des seelischen Lebens des Menschen ist ein Anlass zur kritischen Beurteilung! Auch ein tiefsitzender Geiz ist schli­mm für eine kirchlich engagierte Person! Hier ist wiederum Ehrlichkeit gefragt.

       Von der Selbsteinschätzung kommen wir zur Selbstbeherrschung: Der Mensch muss immer wieder das Notwendige tun und die nötigen Kräfte sammeln, um über die Unordnung seiner Veranlagungen und Neigungen Herr zu werden. Er muss sich immer wieder die Frage stellen: Wie behalte ich die Kontrolle über die negativen Kräfte meines Wesens? Welche Maßnahmen muss ich treffen? Es ist möglich, eine hohe Selbstbeherrschung zu erreichen, so dass auch tiefsitzende Tendenzen überwunden und veredelt werden können. Dies ist eines der Ziele der christ­lichen Aszese.

       Bisher habe ich von einer Hilfestellung nicht gesprochen, von der wichtigsten Hilfestellung, nämlich von der Gnade. Die christ­liche Anthropologie legt für all unser Tun und Lassen einen besonderen Akzent auf das Wirken der Gnade. Durch die Gnade vermag der Mens­ch tiefsitzende Tendenzen eines Fehlverhaltens zu verändern. Deshalb gehört zur Selbsterkenntnis, zur Selbst­einschätzung und zur Selbstbeherrschung immer die große Bitte an unseren Herr­n, uns seine Gnade zu schenken.  Ein Beispiel sind Worte aus dem Hymnus zu den Laudes vom Mittwoch: „Nox et tenebrae, et nubila (Nac­ht und Gewölk und Finsternis). Treffend darin ist der Vers: Sunt multa fucis illita quae luce purgentur tua. – Wörtlich: „Vieles ist mit Tünche überdeckt, was durch dein Licht gereinigt wird“. Der Übersetzer sagt es in dichterischer Sprache so­: „Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an. No­ch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann­“. Wenn wir beharrlich so beten, wird uns der Herr gewiss die Gnade schen­ken, zu tun, was ihm gefällt (vgl. Röm 12,2; Kol 1,10), und zu lassen, was ihm missfällt. Garant dafür ist eben das heutige Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu. Schauen wir inbeirrt auf zur Quelle der Gnade, zum Herzen unseres Herrn und Erlösers. Amen.