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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am 14. August 2016 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,

        wenn ich ein Los kaufe, warte ich mit Spannung, ob ich der Gewinner bin. Wenn ich eine Prüfung ablege, warte ich ungeduldig auf das Ergebnis. Wenn ich mich um eine Arbeitsstelle bewerbe, habe ich keine Ruhe, bis ich eine Antwort erhalte. Wenn ich krank bin, plagt mich die Ungewissheit, bis mir der Arzt den Befund mitgeteilt hat. Alles, was unser Leben, unseren Erfolg, unser Fortkommen, unsere Zukunft, unser Wohlbefinden betrifft, weckt in uns Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen und hält uns in Atem.

        Auch das heutige Evangelium müsste uns in Atem halten. Denn es geht hier auch um unser Leben, unsere Zukunft, vor allem um die Ewigkeit. Die Frage “Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden”, muss jeden von uns in seinem Innersten treffen. Denn “gerettet werden” heißt so viel wie, ins ewige Leben eingehen, ins ewige Reich Gottes aufgenommen werden. Indem Jesus auf die Frage eingeht, sagt er uns zunächst, dass es das ewige Leben gibt, dass das Reich Gottes eine Wirklichkeit ist, mit der wir rechnen müssen. Es gibt ein Leben nach diesem Leben. Weiter sagt er uns, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt der Zugang dazu abgebrochen wird. Die Tür wird geschlossen. Drinnen wird man zu Tische sitzen, draußen wird man heulen und mit den Zähnen knirschen.

        Aber, und das ist das Herausfordernde an diesem Evangelium, Jesus geht nicht unmittelbar auf die Frage ein. Er sagt nicht, ob es viele oder wenige sind, die gerettet werden – jedenfalls nicht an dieser Stelle. Er greift die Frage auf, um uns zu zeigen, was geschehen muss, wenn wir das ewige Leben erlangen wollen, wenn wir gerettet werden wollen. Er gibt uns eine Anleitung, um ins Reich Gottes zu gelangen.

        Zunächst macht er uns darauf aufmerksam, dass der Zugang zum Reich Gottes, zum Heil, zur Rettung – die Tür dazu – eng ist. Es ist nicht ein angenehmer Weg. Es ist nicht ein beliebiger Weg. Es ist ein bestimmter Weg. Ein eng begrenzter Weg. Wenn wir im Evangelium weiterlesen, bekommen wir die Antwort auf die Frage, was denn mit diesem engen Tor und mit diesem schmalen Weg gemeint ist. Es ist das schmale Tor des Recht-Tuns. Denn es heißt da, sobald das Tor geschlossen werde, würden jene zurückgewiesen, welche “Unrecht getan haben”. Der Herr des Hauses antwortet den Ausgeschlossenen: “Dann werdet ihr mir sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken, und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!” Das schmale Tor ist demnach nichts anderes als das Tor der Gebote Gottes und der Weg der Nachfolge Christi, der Weg der vollkommenen Liebe, der Weg des Hauptgebotes. Dieser Weg ist immer auch ein Weg der Prüfungen und der Bedrängnisse. Wir können nicht ohne Bedrängnisse, ohne Prüfungen gerettet werden. 

        Ein zweites zur Darlegung unseres Herrn. Jesus sagt deutlich: “Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen”. “Bemüht euch” heißt im Urtext wörtlich “kämpft darum”. Das bedeutet auch: “Lasst nicht nach in eurem Eifer”. Der Herr sagt uns damit, dass es nicht ohne Anstrengung unsererseits geht. Es braucht unseren ganzen, persönlichen und beharrlichen Einsatz, um gerettet zu werden.  Wir müssen uns voll investieren. Es ist also das Ziel dieser Katechese unseres Herrn, uns dazu zu bewegen, das ewige Heil wirklich ernst zunehmen, und nicht zu sagen: “Es geht dann schon. Gott ist ja barmherzig.” Nein, nach den Worten des Herrn, müssen wir uns um die Barmherzigkeit Gottes, eben um die Rettung, mit allen Kräften bemühen.

        Im letzten Teil des Evangeliums gibt uns Jesus einen Hinweis über das Ausmaß der Rettung. Er spricht von jenen, die von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Die Hörer seiner Botschaft, die Pharisäer, die Angehörigen des Volkes Israel, müssen wissen, dass sie nicht privilegiert sind. Das Kriterium der Rettung ist nicht, zu welchem Volk ich gehöre, welche Sprache ich spreche, was für eine Hauptfarbe ich trage, unter welchem Stern ich geboren bis, sondern meine Anstrengung, durch das schmale Tor zu gelangen und in jenes Reich einzutreten, das Christus angekündigt und für das er sein Leben geopfert hat. Zum Schluss bleibt immer noch die Frage: “Sind es nur wenige?” Beten wir, dass viele die Botschaft unseres Herrn hören und sie zu Herzen nehmen – oder eben, dass die Sache sie immer in Atem hält. Amen.