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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Barmherzigkeitssonntag, 3. April 2016, in der Kathedrale Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,
der heilige Papst Johannes Paul II. hat den Barmherzigkeitssonntag auf den Sonntag nach Ostern angesetzt, auf den Weißen Sonntag (im Jahr 2000). Nicht ohne Grund! Der Weiße Sonntag – in vielen Gegenden der Sonntag der Erstkommunion – erinnert uns an unsere Taufe und damit an das weiße Taufgewand. Von daher kommt der Name „Weißer Sonntag“. Ursprünglich legten die Neugetauften an diesem Sonntag das weiße Taufgewand ab und nahmen in der Alltagskleidung am Gottesdienst teil. Sie waren durch die Taufe, welche sie in der Osternacht empfangen hatten, und durch die abschließende Unterweisung in der Osterwoche nun volle Mitglieder der Kirche und mussten sich als solche bewähren.
    Das weiße Gewand ist ein Zeichen für die Taufgnade, für die heiligmachende Gnade. Sie ist die einzigartige Gabe von Gottes Barmherzigkeit. Denn sie schenkt uns das göttliche Leben. Deshalb müssen wir uns immer wieder auf die heiligmachende Gnade besinnen und uns darum bemühen, sie durch ein heiliges Leben zu bewahren. Wir sollen in der Gnade wachsen. Christus soll in uns mehr und mehr Gestalt annehmen. Wir sollen die Erwachsenenreife Christi erreichen. Wir befinden uns somit auch als Christen in einem Wachstumsprozess, in einem Wachstumsprozess der Gnade (vgl. Gal 4,19; Eph 4,13: bis wir „Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen“; Eph 4,15: „bis wir ihn erreicht haben“).  
    Am Weißen Sonntag liest die Kirche das Evangelium Joh 20,19-31. Es enthält zwei Schwerpunkte, den Schwerpunkt der Sündenvergebung und den Schwerpunkt des Glaubens. Der Apostel Thomas glaubt der Botschaft über die Auferstehung nicht. Die Jünger berichten ihm, da er abwesend war, dass der Herr ihnen erschienen ist, dass der Herr auferstanden ist und lebt. Diesem Bericht glaubt Thomas nicht. Darauf erscheint Jesus ein weiteres Mal, dieses Mal in Anwesenheit von Thomas. Er ermahnt Thomas und tadelt seinen Unglauben. So ist der Weiße Sonntag der Sonntag des Glaubens. Dieses Ereignis ist in sich ein Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes. Der Herr hat Erbarmen mit Thomas. Er erscheint ein zweites Mal und schenkt Thomas die Gnade des Glaubens.
    Der Weiße Sonntag ist aber auch der Sonntag, der uns an die Sündenvergebung erinnert. Jesus überträgt seinen Jüngern am Ostertag, gleichsam als die große Gabe des Auferstandenen, die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Es ist die Vollmacht, die Sünden eines Gläubigen zu beurteilen und, entsprechend der Willigkeit und Verfassung des Pönitenten, die Sünden zu vergeben oder die Vergebung zu verweigern. – Während seinem Leben auf Erden hat Jesus einzelnen Menschen immer wieder Sünden vergeben. Diese Vollmacht überträgt er nun auf die Jünger und damit auch auf die Nachfolger der Jünger. Er überträgt sie, mit anderen Worten, auf die Kirche. Das ist ein weiterer Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Diese Handlung des Herrn ist insofern ein Höhepunkt von Gottes Barmherzigkeit, als der Herr damit zeigt, dass der Mensch eigentlich nie verloren ist. Er kann auch nach der Taufe Vergebung seiner Sünden erlangen, wenn er sich nur bekehrt, seine Sünden bereut und sich durch das Wort der Sündenvergebung (Lossprechung) aus dem Netzt der Sünden befreien lässt. So ist der Mensch immer von Gottes Barmherzigkeit umgeben und begleitet.
    Absicht und Sinn des Jahres der Barmherzigkeit ist es, die Quellen der Barmherzigkeit neu entdecken zu helfen und mit den Worten des heiligen Paulus die Menschen zu bewegen: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). So wird die Gnade, das göttliche Leben, in ihnen nicht erlöschen, oder aber, kraft der priesterlichen Lossprechung wieder zum Brennen kommen.
    Eine der bedeutenden Botinnen von Gottes Barmherzigkeit ist die heilige Maria Faustyna Kowalska. Sie empfing die außergewöhnliche  Gnade, dem Herrn in Visionen zu begegnen und mit ihm zu sprechen. Hier ein Wort des Herrn aus ihrem Tagebuch:   
    „Bete, so viel du kannst für die Sterbenden, erflehe ihnen Vertrauen auf Meine Barmherzigkeit, denn sie bedürfen des Vertrauens am meisten und haben es am wenigsten. Wisse, dass für manche Seelen die Gnade der ewigen Erlösung im letzten Augenblick von deinem Gebet abhing. Du kennst den ganzen Abgrund Meiner Barmherzigkeit, also schöpfe aus ihm für dich und besonders für die armen Sünder. Eher werden Himmel und Erde zu einem Nichts, als dass eine vertrauende Seele von Meiner Barmherzigkeit nicht umfangen würde“ (Tagebuch 525).
    Diese Worte mögen uns im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit bestärken und helfen, den Weg der Umkehr und der Buße zu gehen, so dass das Bild Christi in uns und unseren Mitmenschen immer mehr Gestalt annehmen kann. Amen.