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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Karfreitag, 18. April 2014, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,

noch sind wir betroffen, ja erschüttert von der Passion unseres Herrn in der Darstellung des Evangelisten Johannes. Wir sind insbesondere betroffen, ja erschüttert von diesem schrecklichen Wort des Volkes: „Weg mit ihm, kreuzige ihn“ (Joh 19,15). Warum soll er gekreuzigt werden? Wir erinnern uns an die Frage des Herrn einige Tage früher: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen“ (Joh 10,32)? Heute dürfte der Herr sagen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke schreit ihr: Kreuzige ihn?“
In gedrängter Kürze umschreibt der Evangelist Johannes in seinem Prolog die Menschwerdung Christi, die Menschwer­dung des Wortes: „Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns ge­wohnt“ (Joh 1,14). In ebenso gedrängter Kürze fasst er den Misserfolg, das Leiden unseres Herrn zusammen: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Wir stehen vor dem Geheimnis der Verwerfung des Herrn, des Wortes, das heißt, wir stehen vor dem Geheim­nis der Verwerfung der eigentlichen Lebensgrundlage dieser Welt. Die Menschen verwerfen jenen, der ihnen das Leben gegeben hat, der sie am Leben erhält, ja, der ihnen die Möglich­keit zur Sprache gegeben hat. Und sie benutzen diese Sprache um zu schreien: „Weg mit ihm, kreuzige ihn.“ Und wir erinnern uns wiederum an den Prolog des Johannesevangeliums: „Das wahre Licht, das Jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht“ (Joh 1,9-10). „die Welt erkannte ihn nicht“, heißt so viel wie „die Welt wollte ihn nicht“, „die Welt liebte ihn nicht“, „die Welt wies in zurück“.
Das Volk schreit: „Weg mit ihm, kreuzige ihn“, und wir würden meinen, das könnte genügen. Wir würden meinen, dazu könnte es keine Steigerung geben. Aber wir täuschen uns. Es gibt eine Steigerung. Das eine ist, einen Menschen zurückzu­weisen; das andere aber, mit einem Menschen Spott zu treiben. Das wird unendlich schwerwiegend, wenn dieser Mens­ch der Sohn Gottes ist, das Wort, ohne das nichts wurde, was gewor­den ist (vgl. Joh 1,3). Und so fügt sich dem schrecklichen Wort „Weg mit ihm, kreuzige ihn“ der Spott hinzu, wie er uns der Evangelist Matthäus über das Volk angesichts des gekreuzig­ten, am Marterpfahl hängenden Herrn berichtet: „Du will­st den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz“ (Mt 27,40­).
Ja, „er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Wir stehen heute – in der Erinnerung, im Rückblick, in der liturgischen Aktualisierung – vor dieser Tatsa­che. Da können wir nur das eine tun, nämlich uns dem Leid der Gottesmutter anschließen und mit ihr beten, wie es uns das Stabat Mater eingibt: Tui Nati vulnerati, tam dignati pro me pati, paenas mecum divide. Fac me tecum pie flere, Crucifixo condolere, donec ego vivero. – Ach, das Blut, das er vergossen, ist für mich dahingeflossen; lass mich teilen seine Pein. Lass mich wahrhaft mit dir weinen, mich mit Christi Leid vereinen, solang mir das Leben währt. Amen.

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