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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Karfreitag, 3. April 2015, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,
„Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf“ (Is 53,7). Die lange und eindrückliche Lesung aus dem Buch Isaias wird als Lied des Gottesknechts bezeichnet. Es ist die vierte Schilderung dieser Art. Mit drei weiteren Abschnitten aus derselben prophetischen Schrift führt sie uns den Leidensmann vor Augen, den kranken Mann, den unschuldige Mann. Es ist der Mann, der sich ungerechten Angriffen gegenüber nicht wehrt und verstummt.
Das Leiden ist eine Folge der Sünde. So haben es die Menschen immer wieder gedeutet. Ein sprechendes Beispiel dafür finden wir im Buch Ijob. Der Glaube anderseits sagt uns: Durch die Sünde Adams ist das Leiden in die Welt gekommen und trifft nun jeden Menschen. Das ist eine Aussage, welche schwer zu begreifen ist, eben dass das Leiden durch die Sünde Adams jeden Menschen trifft. Sie ist wirklich nur im Glauben zu begreifen, weil es die Autorität der Kirche, weil es die Gotteslehre sagt. Denn in sich trifft das Leiden ja Unschuldige. Die Verantwortung dafür liegt allein beim ersten Menschen. Deshalb ist das Leiden schwer zu begreifen. Es ist aber eine Wirklichkeit, und wir wollen versuchen, dieser Wirklichkeit im Glauben zu begegnen. Wir dürfen daran nicht zerbrechen. – Wir werden daran nicht zerbrechen, wenn wir das Leiden im Angesicht Gottes, des Schöpfers, bedenken, im Angesicht auch des leidenden Gottesknechtes.
Das Leiden gilt als Folge der Sünde, und deshalb betrachten die Menschen auch den Leidensmann als Sünder: „Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt“ (Is 53,4). Der Leidensmann ist in den Augen der Menschen ein Bestrafter. Das ist die weitverbreitete Meinung. Diese Meinung kommt eben auch im erwähnten Buch Ijob zum Ausdruck. Nun, dem setzt der Prophet Isaias seine Vision gegenüber und sagt: Das stimmt nicht. Das stimmt beim Leidensmann nicht. Sein Leiden hat einen anderen Ursprung. Es ist stellvertretendes Leiden. Sein Leiden ist ein Leiden für – für jemanden, für andere, für Israel, für die Menschheit: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unseren Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen“ (Is 53,5-6). Ja, der Prophet geht so weit und sagt: „Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab“ (Is 53,10). Das Leiden dieses Menschen erwirkt Sühne. Das bedeutet: Dieses Leiden löscht Sünden aus, schenkt die Unschuld.
Das Leiden gilt als Folge der Sünde, haben wir gesagt, und dies sei eine Aussage, die schwer zu begreifen sei. Dieser Aussage wollen wir heute das Wort des Propheten gegenüberstellen: „Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab“ (Is 53,10). Wie auch immer wir den Ursprung des Leidens betrachten und beschreiben, diese Wahrheit wird heute jene Wahrheit ergänzen und vollenden, dass der Leidenmann sein Leben als Sühnopfer dafür hingegeben hat, und dass Gott auf diese Weise der Sünde ein Ende bereitet hat, so dass der Mensch aufatmen kann. Er kann aufatmen … aber er darf den Dank jenem gegenüber nicht vergessen, der wie ein Schaf verstummte, um uns das große Geschenk der Erlösung zu machen: „Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist“. Amen.