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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Priestertag vom 27. Mai 2013 in Chur

Meine lieben Mitbrüder Priester,

„Das Gotteshaus, in dem die Heiligste Eucharistie gefeiert und aufbewahrt wird, in dem die Gläubigen sich versammeln und die Gegenwart des auf dem Opferaltar für uns dargebrachten Erlösers zur Hilfe und zum Trost der Gläubigen verehrt wird, soll schön sein, geeignet zu Gebet und heiliger Handlung.“ Wir haben vor uns einen Text des Zweiten Vatikanums, eine Formulierung aus dem Dekret Presbyterorum ordninis (5) über Dienst und Leben der Priester. Er stellt das Gotteshaus, das Kirchengebäude in den Mittelpunkt. Es „soll schön sein, geeignet zu Gebet und heiliger Handlung“. Das Zitat ist einer der wenigen Konzilstexte, welche eben die Kirche als Gebäude, als Ort der Andacht und des Gebetes zur Sprache bringt.

Bei meinen Firm- und Pastoralbesuchen stelle ich öfter fest, wie gering die Beziehung der Menschen zum Gotteshaus als heiligen, geweihten Ort ist, wie stark das Bewusstsein geschwunden ist, dass hier „die Heiligste Eucharistie gefeiert und aufbewahrt wird“, wie wenig „die Gegenwart des auf dem Opferaltar für uns dargebrachten Erlösers … verehrt wird“. Vor einer Firmung, zum Beispiel, ist meistens Unruhe und Lärm in der Kirche. Man kommt sich vor wie auf dem Jahrmarkt. Eine innere Vorbereitung auf den Gottesdienst ist gar nicht mehr möglich. Das ist eine Entwicklung der vergangen dreißig, vierzig Jahre. Aus dem Gotteshaus ist sehr oft ein „Gemeindehaus“ geworden, ein Volkshaus. Hier trifft man sich zu Gespräch und Konzert, hier wird aufgeführt und unterhalten. Es fehlt weitgehend der Sinn für das Heilige, für das Geweihte, für den Bannraum Gottes, wo Stille herrschen soll und ein Klima der Sammlung und der Anbetung. Dabei entstanden in den letzten Jahrzehnten Kirchenzentren, die eben den katechetischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen einer Pfarrei gerecht werden, so dass die Kirche wirklich ihren sakralen Charakter bewahren kann und ein Haus des Gebetes bleibt (vgl Mt 21,13). In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an meine Kindheit und meine Jugendzeit. Da war im Beichtspiegel der Satz aufgenommen: „Ich bin in der Kirche unartig und unandächtig gewesen und habe andere gestört.“ Wie auch immer man darüber denkt und urteilt – einige werden darüber den Mund verziehen oder darüber lachen- solche Hinweise hatten ihren pädagogischen Wert und wirkten sich auf den Respekt schon der Kinder und Jugendlichen vor dem kirchlichen Raum aus.

Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt zum liturgischen Raum treffend: „Die Kirche hat auch eine eschatologische Bedeutung. Um in das Gotteshaus einzutreten, muss man eine Schwelle überschreiten. Dies ist ein Sinnbild des Hinübergangs aus der durch die Sünde verwundeten Welt zur Welt des neuen Lebens, in die alle Menschen berufen sind“ (1186). Ich liebe dieses Bild der Schwelle. Es wird damit eine Grenze markiert, die sich auch auf das Verhalten auswirkt. Vielleicht lässt sich eben mit diesem Bild eine Katechese aufbauen, die dazu beiträgt, dass der heilige Raum als solcher respektiert und verehrt wird. So möchte ich anregen, dass man in den Pfarreien im Zusammenhang mit dem Konzilsjubiläum und dem auf die Liturgie ausgerichteten Thema dieses Jahres auch die Frage des sakralen Raumes in den Katalog der Glaubensweiterbildung aufnimmt.

Auf der anderen Seite mache ich die Erfahrung, dass viele jüngere Priester wünschen, das allerheiligste Sakrament in der Wohnung, in einem als Hauskapelle eingerichteten Raum, aufzubewahren, um dort tagsüber mit dem Herrn ins Gespräch zu kommen und bei Gelegenheit auch in dieser Abgeschiedenheit, wenn ich das so nennen darf, die Eucharistie zu feiern. Das erinnert mich ans Evangelium: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist“ (Mt 6,6). Ich sehe darin das Bedürfnis des Priesters, dem Herrn ganz nahe zu sein, mit ihm eng verbunden zu leben, nicht abgelenkt zu werden. Dieses Bedürfnis darf uns aber nicht davon abhalten, auch tagsüber in der Kirche zu beten. Wir wollen uns nicht zur Schau stellen. Das sei fern. Aber das Gebet und auch die Feier der Eucharistie dürfen nicht in eine rein private, individualistische Frömmigkeit abgleiten. Es ist wichtig, der Pfarrkirche auch durch die betende Präsenz des Priesters ihre Bedeutung zu belassen oder eben ihre Bedeutung aufzuwerten. Denn hier soll der allen zugängliche Ort sein, wo der Herr unter uns im Tabernakel wohnt. Das Gebet des Priesters vor dem Tabernakel der Pfarrkirche hat Vorbildcharakter sowohl im Hinblick auf das Allerheiligste Sakrament als auch auf das Gebet und die Anbetung des Priesters. Die Menschen erfahren auf diese Weise den Stellenwert des Allerheiligste. Sie nehmen aber auch den betenden und anbetenden Priester wahr. Das dürfen wir den Gläubigen nicht vorenthalten. Im Gegenteil, der betende und anbetende Priester ist immer auch eine Einladung und eine Motivation für das Gebet der Gläubigen. Das Bild des betenden und anbetenden Priesters ist daher für die Seelsorge von Bedeutung, ja, es ist sogar ein Teil der Seelsorge. Auch betend erfüllt der Priester einen seelsorglichen Auftrag. Möglicherweise haben wir diese Wahrheit, diese Seite der Seelsorge vergessen, oder allenfalls unterschätzt.

„Das Gotteshaus, in dem die Heiligste Eucharistie gefeiert und aufbewahrt wird, in dem die Gläubigen sich versammeln und die Gegenwart des auf dem Opferaltar für uns dargebrachten Erlösers zur Hilfe und zum Trost der Gläubigen verehrt wird, soll schön sein, geeignet zu Gebet und heiliger Handlung“ (Presbyterorum ordninis 5). Dass dieser Text über das Gotteshaus sich eben im Dekret über Dienst und Leben der Priester befindet, zeigt, wie sehr der priesterliche Auftrag mit der Sorge um das Gotteshaus und mit der Liebe zu ihm verbunden ist. Möge diese Sorge und Liebe dazu beitragen, in den Herzen der Menschen die Empfindsamkeit für das Heilige zu fördern und die Ehrfurcht vor dem geweihten Raum zu wecken. Amen.

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