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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Sonntag, 2. Februar 2014 in der Kathedrale in Chur (Darstellung des Herrn; Mariä Lichtmesse)

Brüder und Schwestern im Herrn,
    wir nennen das heutige Fest – den 2. Februar – Lichtmess. Das ist ein Verweis auf die Segnung der Kerzen an diesem Tag, und auf die seit alter Zeit in Jerusalem bezeugte Lichterprozession. Die Jahrhunderte alte, überlieferte Liturgie spricht von Mariä Reinigung. Sie trägt damit der Tatsache Rechnung, dass Maria, dem jüdischen Gesetz gemäß, sich jenen Riten unterzog, die nach der Geburt eines Kindes vorgesehen waren. Soviel zur Geschichte der Feier.
    Heute steht in den liturgischen Büchern der Ausdruck: Fest der Darstellung des Herrn. Wenn wir das lateinische Wort kennen, wird uns klar, was damit gemeint ist. Da heißt es nämlich In Praesentatione Domini. Hinter dem alten deutschen Ausdruck Darstellung steht demnach das nicht klassische lateinische Wort praesentatio. Das würden wir im heutigen Deutsch eher mit Vorstellung wiedergeben. Jesus, der Herr, wird vorgestellt oder er stellt sich vor. Er begegnet uns. Wir sehen: Auch die erneuerte Liturgie braucht althergebrachte Ausdrücke.
    Wer stellt ihn vor und wem wird er vorgestellt? Das Evangelium sagte uns: „Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gestz des Moses vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinaus, um es dem Herrn zu weihen, gemäss dem Gesetz des Herrn, in dem es heisst: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein“ (Lk 2,22-23). Diesem Text könnten wir entnehmen, dass Jesus, unser Herr, dem jüdischen Gesetz gemäß, Gott, seinem Vater geweiht wird. Das würde eben bedeuten: Er wird dem Vater im Himmel vorgestellt.
    Jesus ist als das ewige Wort vom Vater her gekommen und ist in diesem Sinn schon dem Vater geweiht. Doch Jesus nimmt es auf sich, nun als das fleischgewordene Wort dem Vater übergeben zu werden. Er nimmt es auf sich, wie jeder jüdische Knabe Gott geweiht zu werden, um so das Gesetz zu erfüllen. Obwohl er der Sohn Gottes ist, macht er keine Ausnahme. Er will sich ganz erniedrigen, sich unseres Heils willen ganz demütigen. Grundlage unseres Heils ist die Demut unseres Herrn. Jesus wird für uns ein Vorbild vollendeter Demut. Das heutige Fest ist ein Fest der Demut. Sie ist auch für uns eine der wichtigsten Tugenden. Sie ist gleichsam das Fundament des geistlichen Lebens, des Lebens mit Gott und vor Gott. Die Demut ist in einem gewissen Sinn die Grundlage für die Gabe des Glaubens. Denn die Demut setzt den Menschen in die Bereitschaft, die Gnade Gottes zu empfangen, wie es im Brief des Apostels Jakobus heißt: „Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade“ (4,6).
    Darstellung des Herrn, praesentatio Domini, Vorstellung des Herrn, bedeutet also, dass Jesus bezüglich des Glaubensweges eines jüdischen Knaben keine Ausnahme macht. Er unterzieht sich diesem Weg und wird so Gott geweiht, Gott dargestellt, Gott vorgestellt. So dürfen wir diesen Festtag deuten. Doch gibt es noch eine zweite Darlegung zu dieser Feier. Wir finden sie in einem der fünf alten Gebete zur Kerzenweihe: „Allmächtiger, ewiger Gott, du hast am heutigen Tag deinen Sohn vom heiligen Simon auf die Arme nehmen lassen und ihn so in deinem heiligen Tempel dargestellt“. Es ist also Gott, der seinen Sohn darstellt bzw. vorstellt, und dies so,  dass der greise Simeon den Herrn in seine Arme aufnehmen darf. Das bedeutet, dass Gott uns seinen Sohn dazu vorstellt, dazu begegnen lässt, dass wir ihn umfangen, dass wir ihn auf die Arme nehmen, dass wir ihn in unser Leben aufnehmen, so dass auch wir mit Simeon sagen können: „Nun lässt Du, Herr, deinen Knecht, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29-30). Das Gesetz des Alten Bundes wird sozusagen umgekehrt. Es ist nicht mehr der Mensch, der Gott ein Kind, einen Sohn, übergibt, um auf diese Weise die Gesetzespflicht zu erfüllen. Es ist Gott, der dem Menschen seinen Sohn in die Arme legt, damit er den Frieden findet und in diesem Frieden den Übergang besteht, den Übergang von diesem Leben zum Leben der ewigen Anschauung Gottes – dass er, der Mensch, sich einmal in Frieden dem Richter der Welt vorzustellen vermag. Amen.