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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder an Fronleichnam 2014

Brüder und Schwestern im Herrn,
„Viele Menschen, die klar die Verbindlichkeit des II. Vaticanums annahmen und treu zum Papst und zu den Bischöfen standen, sehnten sich doch auch nach der ihnen vertrauten Gestalt der heiligen Liturgie, zumal das neue Missale vielerorts nicht seiner Ordnung getreu gefeiert, sondern geradezu als eine Ermächtigung oder gar als Verpflichtung zur ‘Kreativität’ aufgefasst wurde, die oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte. Ich spreche aus Erfahrung, da ich diese Phase in all ihren Erwartungen und Verwirrungen miterlebt habe. Und ich habe gesehen, wie tief Menschen, die ganz im Glauben der Kirche verwurzelt waren, durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt wurden“.
Meine Lieben, das sind nicht meine Worte. Es handelt sich hier um ein Zitat aus dem Brief von Papst Benedikt XVI. vom 7. Juli 2007 an die Bischöfe der ganzen Welt. Der Brief geht zurück auf die Publikation des Apostolischen Schreibens Summorum Pontificum über die Römische Liturgie in ihrer Gestalt vor der 1970 durchgeführten Reform. Diesem Schreiben gab der überlieferten Liturgie mehr Raum, und jüngst hat der Heilige Vater, Papst Franziskus, dieses Dokument in einem Gespräch mit den Italientischen Bischöfen aufgegriffen. Er wies darauf hin, dass der emeritierte Papst damit die Einheit der Kirche fördern wollte. So scheint es mir angebracht, auch das eben zitierte Begleitschreiben zu erwähnen, vor allem die Aussage: „Und ich habe gesehen, wie tief Menschen, die ganz im Glauben der Kirche verwurzelt waren, durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt wurden“. Denn hier finden wir eine Erklärung zur Absicht und zum Vorgehen von Benedikt XVI: Papst Benedikt wollte der eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie entgegenwirken. Diese Entstellung hat sich bis heute hingezogen und sich so ausgewirkt, dass bis tief in die Volksschichten hinein das Empfinden für das Heilige und Geweihte geschwunden ist. Dabei ist die heilige Eucharistie, das Sakrament des Leibes und Blutes unseres Herrn besonders betroffen.
Die heilige Eucharistie, das allerheiligste Sakrament des Altares, so lehrt der heilige Paulus, ist Ausgangspunkt der Einheit der Kirche: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib, denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10,17). In diesem Sinn sagt das Zweite Vatikanum im Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio: „Er (der Sohn Gottes) hat in seiner Kirche das wunderbare Sakrament der Eucharistie gestiftet, durch das die Einheit der Kirche bezeichnet und bewirkt wird“ (2). Das Gebet über die Opfergaben aus der Fronleichnamsmesse nimmt diesen Gedanken auf und bildet daraus die Bitte: „Schenke deiner Kirche, was diese Gaben geheimnisvoll bezeichnen: Die Einheit und den Frieden“. Die Gaben, welche durch die Konsekration Leib und Blut des Herrn werden, bezeichnen und bewirken die Einheit der Kirche.
Wenn nun aus der Eucharistie die Einheit und der Friede der Kirche hervorgeht, dann darf die Eucharistie nicht Anlass zur Auflösung dieser Einheit und zur Bedrohung des Friedens der Kirche werden. Das wird sie aber, wie es Papst Benedikt sagt, durch die eigenmächtigen Entstellungen. Sie zerstörten und zerstören immer noch die Einheit und den Frieden der Kirche. Aus einer vom Konzil intendierten Reform – und Reform bedeut Vertiefung des Glaubens, wenn nötig Reinigung und Läuterung der Gläubigen – ging eine Formlosigkeit hervor, ein willkürlicher, sorgloser Umgang mit dem Heiligsten, ja, eine Entheiligung bis zum Sakrileg. Deshalb suchen viele Priester und Gläubigen in den genauen Hinweisen für die Feier der heiligen Messe und den Umgang mit dem Allerheiligsten Sakrament aus dem Jahre 1962 Anleitung und Hilfe und sind immer noch dankbar für das Apostolische Schreiben Summorum Pontificum. Es war und ist ein Lichtstrahl in einer Zeit, welche der Orientierung bedurfte und immer noch bedarf.
Das Fronleichnamsfest ist eine Feier, welche die Verehrung und die Anbetung des Allerheiligsten Sakraments in den Mittelpunkt rückt. Es ist eine Feier, die uns die Liebe zum Herrn im Sakrament lehrt und zur Ehrfurcht vor diesem Sakrament erzieht, ganz im Sinne des eucharistischen Heiligen, des heiligen Franziskus von Assisi. Im Brief an die Kleriker (4-6) sagt er: „Alle jene aber, die solche hochheiligen Geheimnisse verwalten, mögen in ihrem Inneren bedenken, wie minderwertig die Kelche, Korporalien und Leintücher sind, auf denen sein Leib und Blut geopfert werden. Und von vielen wird er an gewöhnlichen Orten hingelegt und liegengelassen, in kläglicher Weise getragen und unwürdig empfangen und unterschiedslos andern ausgeteilt“. Damit will der Heilige die Priester zum respektvollen Umgang mit dem allerheiligsten Sakrament anhalten. Heute würde er mit Benedikt XVI. die eigenmächtigen Entstellung der Liturgie anklagen. Auch in seinem Testament nimmt der heilige Franziskus Bezug auf das allerheiligste Sakrament und hinterlässt uns die Mahnung: „Und diese heiligsten Geheimnisse will ich über alles hoch geachtet, verehrt und an kostbaren Stellen aufbewahrt wissen“ (12). Würde der heilige Franziskus heute nicht auch zu jenen Gläubigen gehören, welche durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt werden, wie sich Benedikt XVI ausdrückt. Wir alle wollen den Herrn um das Feingefühl dem allerheiligsten Sakrament gegenüber bitten, welches wir im Herzen des Heiligen von Assisi entdecken dürfen: „Und diese heiligsten Geheimnisse will ich über alles hoch geachtet, verehrt und an kostbaren Stellen aufbewahrt wissen“. Amen.