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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder an Pfingsten 2015

Brüder und Schwestern im Herrn,
das heutige Evangelium macht uns ein weiteres Mal bewusst, welche Bedeutung der Heilige Geist für unser christliches Leben hat, vor allem die Worte: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen“ (Joh 16,12-13). Der Heilige Geist führt uns in die ganze Wahrheit (1); der Heilige Geist öffnet uns für das Verständnis der Wahrheit (2). Es sind also zwei Dinge, über die Jesus spricht: über unsere Fähigkeit, die Wahrheit aufzunehmen und über die Fülle dieser Wahrheit.
Die Wahrheit ist Gott und sein Heilsplan für uns Menschen. Der Heilige Geist führt uns zu einer umfassenden Erkenntnis Gottes und seines Wirkens. Wir werden Gott und sein Wirken immer besser verstehen. Das hat Einfluss auf unser Leben. Wir werden anders leben. In unserem Alltagsjargon sagen wir: Es geht uns etwas auf. Durch den Heiligen Geist geht uns etwas auf, und das hat immer eine Auswirkung auf unsere Leben. Denn die Erkenntnis hilft uns, unser Leben neu zu bestimmen, und macht aus uns andere Menschen.
Damit kommen wir zu den Aussagen des heiligen Paulus im Brief an die Galater: „Lass euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen“ (Gal 5,16). Der Apostel spricht von Geist und Fleisch. Das sind Ge-gensätze. Fleisch ist in diesem Zusammenhang gleichzusetzen mit den Einflüsterungen des Bösen. Der fleischlichMensch ist der Mensch, der vom Bösen gesteuert wird, der unter dem Einfluss des Bösen steht. Der geistige Mensch ist der Mensch, der vom Guten gesteuert wird, der unter dem Einfluss des Heiligen Geistes steht.
Der Mensch ist immer vor die Wahl gestellt, ob er sich vom Guten oder vom Bösen leiten lassen will. Deshalb sagt der heilige Paulus: „Lasst euch vom Geist leiten“ (Gal 5,16). Damit wir wissen, was das bedeutet, sagt er uns, was nicht vom Geist kommt, sondern vom Fleisch, vom Bösen: „Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Essen und ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben“ (Gal 5,19-21).
Hier setzt unsere christliche Pädagogik an: Die Menschen auf das aufmerksam machen, was sie meiden sollen, und dies nicht im Hinblick auf eine humane Ideologie (Gutmenschentum), sondern im Hinblick auf das Reich Gottes: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. Von daher dann auch die christliche Selbstkontrolle. Man spricht gelegentlich auch von Gewissenserforschung. Die Gewissenserforschung orientiert sich ihrerseits an den Geboten. Sie führt den Menschen letztendlich dahin, sich von Fehltritten zu erheben, etwa durch die heilige Beichte. Denn, wie der heilige Paulus sagt, besteht ein Kampf zwischen dem Begehren des Fleisches und dem Begehren des Geistes. Da stehen wir mitten drin – was uns so weit bringen kann, dass wir nicht mehr Herr und Meister über uns selber sind. Ja, hören wir nochmals hin auf den Apostel: „Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, so dass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Die Auseinandersetzung zwischen Geist und Fleisch schwächt den Willen des Menschen: Er ist nicht mehr imstande, das zu tun, was er als gut erkannt hat. Er ist nicht mehr sich selber. Er ist nicht mehr frei. Deshalb der Hinweis zur Selbstkontrolle und der daraus folgenden Konse-quenzen, damit in diesem Kampf immer wieder der Heilige Geist die Oberhand gewinnen und uns zur wahren Freiheit führen kann.
Ein Beispiel zu dieser Auseinandersetzung zwischen Geist und Fleisch: Ich habe diese Tage eine Dokumentation von Unterrichtsmaterialien zur Sexualpädagogik erhalten. Ich nehme an, dass solche Materialien allgemein bekannt sind, da sie teilweise in Schweizer Schulen und in der Jugendarbeit zum Einsatz kommen. Diese Materialien sind, wie der heilige Paulus sagt, ein Werk des Fleisches (Gal 5,19), und vermitteln das Gegenteil dessen, was von einer christlichen Pädagogik zu erwarten ist. Das Vorgehen dieser Hefte ist eine gezielte Art, das seelische Leben der jungen Menschen zu zerstören und ihnen jedes Feingefühl und jede Zurückhaltung zu nehmen. Gekonnter und raffinierter geht es nicht mehr, und alles mit Unterstützung des Bundes, also mit Steuergeldern der Bürger. Dieser verführerischen Pädagogik wollen wir das eben zitierte Wort des heiligen Paulus: „Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben“ (Gal 5,19-21).
Wir sind vom heutigen Evangelium ausgegangen, davon, dass der Heilige Geist uns in die ganze Wahrheit einführt, und uns für das Verständnis der Wahrheit öffnet. Bitten wir ihn um Tatkraft, damit wir in der Lage sind, diese Wahrheit in unsere Welt hineinzutragen, damit viele Menschen zur Erkenntnis des Guten gelangen und das Reich Gottes erben. Amen.