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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der 150-Jahr-Jubiläumsfeier der Inländischen Mission in Zürich-Liebfrauen am 5. April 2013

Brüder und Schwestern im Herrn

Bemerkenswert am heutigen Evangelium (Joh 21,1-14) ist die genaue Angabe der Anzahl Fische. Johannes erinnert sich daran, wie er sich so oft auch an andere Einzelheiten aus dem Leben unseres Herrn erinnert: Hundertdreiundfünfzig Fische waren es. Das zeigt uns, wie zuverlässig Johannes Bericht erstatten will. Zu dieser Anzahl gab und gibt es immer noch die Auslegung, sie sei symbolisch zu verstehen und wolle einzig auf die damals bekannten Fischarten anspielen, um diesem Fischfang eine universelle, umfassende Bedeutung beizumessen. Wenn man aber weiß, dass es im See Genesareth damals nur achtzehn bis fünfundzwanzig Arten von Fischen gab, beginnt man an dieser Theorie zu zweifeln. Persönlich schließe ich mich daher einer anderen Interpretation an, nämlich jener des Historikers und Papyrologen Carsten Peter Thiede. Er war bekannt für seine archäologischen Forschungen im Heiligen Land und hat unter anderem das Buch publiziert: Der Petrus Report. Der Felsen der Kirche im neuen Licht. Darin sagt er auf Grund seiner Erkenntnisse über die Lebensverhältnisse der Zeit Christi: „Diese professionel-len Fischer (zu denen eben auch Petrus gehörte) hatten zwei gute Gründe, ihren Fang sehr genau zu zählen. Einerseits wollten sie wissen, was sie da zum Weiterkauf gefangen hatten, und anderseits hatten sie eine Fischfangsteuer zu zahlen, die nach der Zahl gefangener Fische berechnet wurde. Petrus und die anderen konnten auch im Augenblick der Begegnung (mit dem Herrn) nicht aus ihrer Haut, aus steuerlichen Gründen durften sie es auch nicht …“. Soweit die Beurteilung von Professor Thiede. Nun, wir könnten uns mit Gewinn weiter auf die Lebensgewohnheiten einlassen, welche zur Zeit von Petrus herrschten, um den Text des Evangeliums noch besser zu verstehen. Aber das ist nicht der Sinn dieser Feier. Wir wollen von damals ins Heute kommen. Nicht nur Petrus und die anderen konnten „nicht aus ihrer Haut“. Die Kirche als solche kann „nicht aus ihrer Haut“ und musste durch alle Jahrhunderte hindurch rechnen und berechnen. Sie ist eben nicht eine abgehobene, rein geistige Kirche. Sie ist eingestiftet in diese Welt und muss sich daher auch auf eine materielle Grundlage stützen können. Wenn das Motto der Jubiläumsfeier der Inländischen Mission gelten soll: „Seit 150 Jahren füreinander da. Damit Katholikinnen und Katholiken in der ganzen Schweiz ihren Glauben leben können“, ja, wenn dieses Motto gelten soll, dann braucht es eben auch die alltägliche Buchhaltung, beziehungsweise eben die genaue Festlegung des Fischfanges und dessen Verteilung. Wir sind immer auf den Fischfang – auf das Materielle – angewiesen, um leben zu können, auch um den Glauben leben zu können. „Die Freude an Gott“ braucht auch diese Seite. Wir sind daher dankbar, wenn der Herr uns den Auftrag auch heute gibt: „Werft das Netz auf er rechten Seite des Botes aus …“, um den Lebensunterhalt einzuholen. Ja, auch die Gründer der Inländischen Mission, allen voran der Arzt Melchior Zürcher, hatten erkannt, dass die Kirche an allen Orten unseres Landes auch eine materielle Ausstattung braucht, und haben so ein Werk aufgebaut, das uns heute noch Hilfestellungen mit den hundertdreiundfünfzig Fischen ermöglicht. Und sie haben dies sicher auch aus der „Freude an Gott“ getan.

Meine Lieben, es lohnt sich zurückzuschauen, wenn wir auf diese Weise vorwärtskommen. Es lohnt sich, 150 Jahre Inländische Mission zu feiern, wenn wir so die Motivation für unser zukünftiges Handeln erhalten. Vor 150 Jahren und der darauf folgenden Zeit waren die Diasporagebiete – so auch der ganze Kanton Zürich – auf das Einholen der hundertdreiundfünfzig Fische angewiesen. Ereignete sich hier doch ein unwahrscheinlicher Aufbau des katholischen Lebens. Dieser Aufbau war möglich durch das Zusammenstehen aller Kräfte der damaligen Kirche, und dies auch für die materielle Grundlage. Insbesondere die Laien hatten ihre Stunde erkannt, sich für diesen Aufbau stark zu machen und der Kirche jene Mittel zuzuführen, ohne die sich keine Gesellschaft aufbauen lässt, auch nicht jene der Kirche. In diesem Sinn haben diese Männer und Frauen bereits vorweggenommen, was Jahrzehnte später das Zweite Vatikanum über den Einsatz der Laien für die kirchliche Vermögensverwaltung sagte: „Die Kirchengüter im eigentlichen Sinne sollen die Priester sachgerecht und nach den Richtlinien der kirchlichen Gesetze verwalten, wenn möglich unter Zuhilfenahme erfahrener Laien; diese Güter sind stets nur für die Zwecke zu verwenden, um deretwillen die Kirche zeitliche Güter besitzen darf, nämlich für den rechten Vollzug des Gottesdienstes, für den angemessenen Unterhalt des Klerus und für die apostolischen und caritativen Werke, besonders für jene, die den Armen zugute kommen“ (Presbyterorum Ordinis, Nr. 17). An dieser Stelle müssen wir dankbar weiterbauen und in die Zukunft schreiten.

In einem Interview, welches Papst Franziskus als Erzbischof von Buenos Aires gab, sah er sich vor die Frage gestellt: „Wie sehen sie die Laien in Argentinien?“ Die Antwort lautete unter anderem: „Es gibt Laien, die wirklich ihren Glauben ernst nehmen … Es gibt (aber) ein Problem, über das ich häufig gesprochen habe: Die Versuchung des Neoklerikalismus … Nicht alle, wohl aber viele Laien bitten darum auf Knien, weil es bequemer ist, als Messdiener am Altar denn auf einem laiengemäßen Weg seinen Mann zu stellen … Der Laie ist Laie und soll als Laie leben – mit der Kraft der Taufe, die ihn dazu ermächtigt, Sauerteig der Liebe Gottes in der Gesellschaft zu sein … von seinem alltäglichen Leben aus.“ Was Papst Franziskus von den Laien erwartet, das haben jene durchgesetzt, welche das Werk der Inländischen Mission aufgebaut haben. Dafür danken wir ihnen und allen, die dieses Werk bis auf den heutigen Tag begleiten. Sie gehören auch zu jenen, die „auf einem laiengemäßen Weg ihren Mann“ – oder eben ihre Frau – stellten und noch stellen. Das sei für uns wegweisend in die Zukunft hinein. Bei diesem Dank darf ich jene Frauen und Männer besonders erwähnen, die sich ehrenamtlich für dieses Solidaritätswerk eingesetzt haben und noch einsetzen. Ohne den Preis dieser Selbstlosigkeit wäre der heutige Rückblick wahrscheinlich kaum möglich. Alles aber kann geschehen und soll geschehen aus der Freude an Gott. Sie gibt und gebe uns immer wieder die Kraft, für die Bedürfnisse und Herausforderungen unseres Glaubens zu sorgen. So werfen wir auch heute zuversichtlich das Netz auf der rechten Seite des Botes aus. Amen.

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