Navi Button
Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Chrisammesse am Donnerstag, 13. April 2017, in der Kathedrale in Chur

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,
„Das Geschenk der Berufung zum Priestertum“. Mit diesen Worten beginnt die neue Grundordnung für die Ausbildung der Priester, erlassen von der Kongregation für den Klerus, die neue Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis. Die Kongregation hat sie, nach Zustimmung des Heiligen Vaters, am 8. Dezember 2016 der Öffentlichkeit übergeben.
Die Berufung zum Priestertum ist ein Geschenk Gottes. Sie ist ein Geschenkt Gottes für die Kirche! Der Priester ist ein Geschenk Gottes für die Kirche, für die Menschheit! Die Berufung zum Priester ist auch ein Geschenk Gottes für den Priester selber. Denn als Priester wirken zu dürfen, ist eine große Gnade, eine Gnade zur Heiligkeit. Das heilige Messopfer feiern zu dürfen – die vornehmste Aufgabe des Priesters – ist ein unschätzbares Gut. Seien wir dem Herrn dafür dankbar.
Liebe Mitbrüder, ich möchte die Wahrheit des Sakraments der Priesterweihe heute wiederum in Erinnerung rufen. Denn wir begehen den Tag, da wir der Einsetzung zweier Sakramente gedenken: des Sakraments des Altares und des Sakraments der Priesterweihe. Der heilige Johannes Paul II. sagt dazu folgendes: „Die Worte Jesu im Abendmahlsaal: ‘Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! […] Dieser Kelch ist der ‘Neue Bund’ in meinem Blut, das für euch vergossen wird’ (Lk 22,19-20), erklären die ‘spezifische Wechselseitigkeit zwischen der Eucharistie und dem Priestertum […]: Es handelt sich um zwei gemeinsam geborene Sakramente, deren Los untrennbar bis ans Ende der Welt miteinander verbunden ist’“ (JOHANNES PAUL II., Brief An die Priester zum Gründonnerstag 2004). Prägen wir uns diese Worte ein: „Zwei gemeinsam geborene Sakramente, deren Los untrennbar bis ans Ende der Welt miteinander verbunden ist“.
Dieser Gedanke erinnern uns an die Ausführungen des heiligen THOMAS VON AQUIN: „Manifestum est enim quod sacramentum ordinis ordinatur ad Eucharistiae consecrationem“ (STh III,65,3 r). „Offenkundig ist das Sakrament der Weihe auf die Feier der Eucharistie hin geordnet“. Die Priesterweihe verleiht eine potestas sacramentalis, eine sakramentale Vollmacht zur Darbringung des Opfers, welche den Priester eben von den übrigen Gläubigen unterscheidet (vgl. STh III,82,1 ad 2), nicht nur dem Grade, sondern dem Wesen nach (vgl. Lumen gentium 10). In diesem Besonderen besteht das Geschenk der Berufung zum Priestertum. Dazu werden die Hände des Priesters gesalbt. Wenn ich auf diesen Unterschied aufmerksam mache, geschieht dies nicht, um den gläubigen Laien herunterzusetzen, sondern um die Fülle der Gaben Gottes zu wertschätzen, und um jener Verarmung im Glauben vorzubeugen, welche uns in den vergangen Jahren durch eine ungesunde Gleichmacherei widerfahren ist. Letztendlich ist dies eine Geringschätzung der Gaben Gottes, eine Geringschätzung des Rufes des Herrn. Deshalb bitte ich Euch, liebe Mitbrüder, euch nicht einschüchtern zu lassen und zu meinen, Ihr müsstet als Priester in allem den anderen gleich sein, und jedes Merkmal des Unterschiedes verbergen. Übt Euer Priestertum aus! Gebt euch als Priester zu erkennen! Gebt euch als Priester zu erkennen, solange wir in jener Freiheit leben, welche dies noch ermöglicht. Vielleicht kommt eine Zeit, da wir in den Untergrund steigen müssen, um den priesterlichen Auftrag noch erfüllen zu können.
Das Geschenk der Berufung zum Priestertum! Dieses Geschenk ist ein Talent im Sinne des Evangeliums: „Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten“ (Mt 25,14-15). Wir haben das Talent des Priestertums bekommen, um damit zu arbeiten. Wir sollen dieses Talent für das Heil der Welt einsetzen. Wir sollen alles daran geben, dass dieses Talent – insbesondere die potestas sacramentalis zur Feier der heiligen Messe und ebenso zur Lossprechung von Sünden – nicht brach liegen bleibt. Es soll bei uns nicht zu dem kommen, was das Evangelium als tadelnswertes Beispiel vor Augen führt: Er „ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn“ (Mt 25,18).
Zum Talent des Priestertums sagt die Institutio Fundamentalis: „Als Glied des heiligen Volkes Gottes ist der Priester gerufen, seinen missionarischen Elan durch die demütige Ausübung seiner pastoralen Aufgabe, nämlich glaubwürdig zu leiten, das Wort Gottes zu verkünden und die Sakramente zu spenden, und durch die Verwirklichung einer fruchtbaren geistlichen Vaterschaft zu pflegen“ (33). Hervorheben möchte ich die Worte „durch die demütige Ausübung seiner pastoralen Aufgabe“. Wo liegt der Ursprung dieser demütigen Ausübung? Woher empfängt der Priester die Demut des Dienstes? Er empfängt sie durch die Jüngerschaft, durch die Nachfolge Christi. Der Priester ist Jünger des Herrn. Jünger des Herrn sein bedeutet, sein Leben ganz dem Herrn zu übergeben. Jünger des Herrn sein bedeutet, ganz beim Herrn zu sein, den Herrn ganz nachzuahmen.
Die Jüngerschaft erhält ihre Wirksamkeit insbesondere durch das Leben in der Freiheit eines Jüngers, das heißt, durch das Leben nach den evangelischen Räten: Armut, Gehorsam und Keuschheit (vgl. RF 69). Diesem Leben müssen wir Priester treu bleiben. Ganz besonders müssen wir die Tugend der Keuschheit wertschätzen. Es ist nun nicht so, dass die Kirche von den Priestern diese Lebensweise erst nach und nach verlangt hätte. Sie ergibt sich aus den Forderungen des Herrn selber und aus seinem Beispiel. Sagt doch der Herr: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26). Trotz diesem Wort des Herrn kam es im Leben der Priester zu Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit, und die Kirche musste auf die Anfänge zurückverweisen. Hier liegt auch der Grund, weshalb sie, jedenfalls in der Westkirche, den Zölibat anordnete.
Die Kirche hat von Anfang an das Leben in der Nachfolge Christi als ein Gebot des Herrn und eine Forderung der apostolischen Zeit verstanden. Als Beispiel führe ich das Votum eines Bischofs auf dem Konzil von Karthago (390) an: „Wie schon gesagt wurde, ist es angemessen für die gottgeweihten Vorsteher und Priester Gottes und die Leviten bzw. für alle, die den göttlichen Sakramenten dienen, vollkommen enthaltsam zu sein, um, auf diese Weise ganz ungeteilt, das zu erlangen, was sie vom Herrn erbitten, damit auch wir bewahren, was die Apostel gelehrt haben und was schon in alter Zeit befolgt wurde“ (Can. 2; CCL 149,12). Als weiteren Zeugen zitiere ich den heilige Hieronymus (+ 419 / 420): „Christus war jungfräulich, Maria war jungfräulich; damit haben sie für beide Geschlechter der Jungfräulichkeit die Erstweihe gegeben. Die Apostel waren jungfräulich oder doch, wenn sie verheiratet waren, enthaltsam. Zu Bischöfen, Priestern und Diakonen werden solche erwählt, die entweder verwitwet sind, oder doch nach Empfang der Priesterweihe für ewig Enthaltsamkeit üben“.
Vom Wort des Herrn angeleitet und durch die Zeugnisse der frühen Kirche bestärkt, wollen wir in uns den Geist der Nachfolge erneuern, dem Herrn für die Berufung danken und das Geschenk des Priestertums nicht vergraben, sondern mit ihm zum Heil der Menschen mit Ausdauer, Mut und Freude arbeiten. Amen.