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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Chrisammesse am Donnerstag, 24. März 2016, in der Kathedrale in Chur

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst
„Ihr alle werdet ‘Priester des Herrn’ genannt“ (Jes 61,6). Diese Worte aus dem Propheten Isaias, in der ersten Lesung vorgetragen, richten sich an das Volk Gottes des Alten Bundes. Es lebt in Not und Bedrängnis. Doch der Herr wird durch seinen Gesalbten das Los des geprüften Volkes wenden. Aus Schmutz wird Schmuck, aus Trauergewand Freudenöl, aus Verzweiflung Jubel (vgl. Jes 61,3). Das ist die Botschaft des Gesandten Gottes. Diese Botschaft findet ihren Höhepunkt in der eben zitierten Verheißung, welche das allgemeine Priestertum der Gläubigen begründet: „Ihr alle werdet ‘Priester des Herrn’ genannt“ (Jes 61,6). Diese Verheißung erhält in den Worten der Offenbarung des Johannes ihre neutestamentliche Erfüllung: „Ihm, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, der  uns zu einem Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (Offb 1,6). Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat sein Volk zu einem Königreich gemacht, er hat den Gläubigen eine priesterliche Würde verliehen. Sie sind „Priester vor Gott, seinem Vater“.
    Was bedeutet dieses Priestertum? Was bedeutet das allgemeine Priestertum des Volkes Gottes? Nicht selten wird mit dem Hinweis auf das Priestertum des Volkes Gottes das besondere Priestertum, das Priestertum der Weihe, in Frage gestellt. In Frage gestellt wird damit die Vollmacht, welche mit der Weihe verliehen wird. In Frage gestellt wird das Priestertum des sechsten Sakramentes. Wir dürfen aber die zwei Ausprägungen des Priestertums nicht durcheinander bringen: Das eine Priestertum geht aus dem Sakrament der Taufe hervor und ist allen Gläubigen gemeinsam. Das andere Priestertum geht aus dem Sakrament der Weihe hervor und ist jenen eigen, die eben dieses Sakrament empfangen haben.   
    Nun, beim Propheten Isaias erläutert der Gesandte Gottes seine Worte über das Priestertum, indem er beifügt: „Man sagt zu euch ‘Diener unseres Gottes’ „(Jes 61,6). Die priesterliche Würde bedeutet, Diener Gottes zu sein: Das ist wohl die höchste Ehre, welche dem Menschen zuteil werden kann. Ein Echo darauf ist die erste Katechismusfrage. Zu meiner Jugendzeit jedenfalls war es die erste Frage: „Wozu sind wir auf Erden?“ Die Antwort darauf lautete: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen“. Es gibt immer noch keine bessere Umschreibung dessen, was der Sinn unseres Lebens ist.
    Bei dieser Umschreibung finden wir auch das Wort „dienen“, was nach dem Propheten Isaias, aus dem Priestertum her-vorgeht. Priester sein heißt nach dem Propheten, Gott dienen. Somit heißt getauft sein, Gott dienen. Jeder Getaufte muss sich immer wieder bewusst werden, dass er die Würde des allgemeinen Priestertums empfangen hat, um Gott zu dienen: „Ihr alle werdet ‘Priester des Herrn’ genannt, man sagt zu euch ‘Diener unseres Gottes’ “ (Is 61,6). Wir stehen mit dieser Definition nicht im Kontext irgend einer strengen theologischen Schule, wir stehen im Kontext der Heiligen Schrift, im Kontext des authentischen Wortes Gottes. Diener Gottes zu sein, darin besteht das wahre Priestertum der Gläubigen.
    Nun, was bedeutet dieser Dienst? Worin zeigt sich dieses Priestertum der Gläubigen? Dieses Priestertum zeigt sich in  einem heiligen Leben. Das ist der wahre Gottesdienst (vgl. Röm 12,1). Das bedeutet: Dieser Dienst ist nicht etwas Äußerliches. Es ist keine rituelle Angelegenheit. Er betrifft unsere Person in sich. Er beansprucht unseren Geist, unsere Seele, unseren Leib, unsere ganze Lebenskraft. Das bedeutet aber auch: Das hohe Ziel des allgemeinen Priestertums bedarf der besonderen Hilfe Gottes. Es bedarf der Gnade. Eben diese Hilfe wird uns durch das besondere Priestertum gewährt, durch das Priestertum, welches in persona Christi capitis ausgeübt wird.     
    In diesem Sinn können wir sagen: Das allgemeine Priestertum ist das Ziel des besonderen Priestertums, das Ziel des Sakramentes der Weihe, des sechsten Sakramentes. Der Priester wird dazu geweiht, um zu heiligen. Der Priester wird dazu geweiht, um Gott dem Dreifaltigen ein heiliges Volk entgegenzuführen, eben ein priesterliches Volk. Durch den Priester – der Klarheit wegen sage ich durch den Dienst des Presbyters insbesondere – bereitet sich der Herr aus den Menschen „ein Königreich und Priester vor Gott, seinem Vater“ (Offb 1,6). Der Herr hat die Presbyter in sein einzigartiges Priestertum einverleibt, damit sie mit ihm auf dieses Ziel der Heiligung der Menschen hin arbeiten. Das ist der Sinn der priesterlichen Vollmacht, welche der Herr seinen Jüngern übertragen hat, und die heute noch in jenen wirksam wird, welche die Priesterweihe empfangen haben.
         Damit erkennen wir auch den Anspruch des Weihesakramentes. Durch die Weihe sind wir Priester zu einem entsprechenden Leben berufen. Wer heiligt, muss heilig sein: Durch die Weihe sind wir berufen, uns selber zu heiligen, „rein zu sein“, um das Heilige heilig zu halten, oder mit einem starken Wort unseres Herrn ausgedrückt, um das Heilige nicht den Hunden zu geben und die Perlen nicht den Schweinen vorzuwerfen (vgl. Mt 7,6).
    Damit möchte ich auf das Evangelium des heutigen Abends hinweisen, auf das Evangelium der Abendmahlsmesse. Es stellt uns den Herrn, der den Jüngern die Füße wäschst, als Diener vor Augen. Der Herr selber sagt: „Ich habe Euch ein Beispiel gegeben“ (Joh 13,15). Der Herr wollte mit der Fuß-Waschung ein Beispiel geben. Dieses Beispiel besteht nicht nur in der Waschung der Füße. Das ganze Leben unseres Herrn ist ein Beispiel des Dienens. Die Fuß-Waschung fasst das ganze Leben des Herrn zusammen. Doch müssen wir dabei das Folgende beachten: die Fuß-Waschung ist ein Akt der Reinigung, der Reinigung im biblischen Sinn. Sie weist hin auf eine geistige Reinigung. Deshalb sagt der Herr zu Petrus – und das wird zu wenig beachtet: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir … Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein“ (Joh 13,8.10-11). So weist der Herr auf die geistige Tragweite der Fuß-Waschung hin. Die Jünger sollen darauf achten, einander zu dienen, wie der Herr ihnen gedient hat. Sie sollen den Dienst der Heiligung vollziehen für einander, für die Menschen und so das Gebot der Liebe erfüllen. Sie sollen besorgt sein um die Reinigung, die Anteil an Jesus Christus gibt: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“ (Joh 13,8). Diese Worte müssen wir als Priester besonders beachten, damit wir unseren Dienst auf dieses eine Wesentliche ausrichten: Besorgt sein, dass die Menschen Anteil am Herrn erhalten. Gar nichts anderes! Das heißt: Wir müssen einander, wir müssen den Menschen durch die Vollmacht dienen, die uns mit der Weihe geschenkt ist: das Opfer des Kreuzes vollziehen und Sünden vergeben. Das hat der Herr uns als Beispiel uns hinterlassen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben“ (Joh 13,15). Es ist unsere priesterliche Aufgabe, dem Beispiel des Herrn zu folgen, in persona Christi capitis zu handeln und durch unser Wirken, unsere Treue zum Weiheauftrag, zum Weiheversprechen und ein heiliges Leben „ein Gnadenjahr des Herrn“ auszurufen (Lk 4,19). Amen.

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