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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Diakonenweihe am 7. Oktober 2017 in Näfels GL

Liebe Weihekandidaten,

lasst mich die Besinnung vor der Weihe gleich mit einem Wort unseres Herrn beginnen: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe (Joh 10,1-2). Ihr, liebe Alexander, Benjamin, Peter und Stephan, seid auf dem Weg zum Hirtendienst. Das heißt: Ihr seid auf dem Weg zum Priestertum. Denn der Priester ist der eigentliche Hirt der Seelen. Das Priestertum ist wesentlich Hirtendienst, Hirtendienst an den Seelen. Ihr habt den Ruf des Herrn vernommen und wollt ihm, dem obersten Hirten, als Priester folgen, um mit ihm den Schafen vorauszugehen (vgl. Joh 10,4), den sicheren Weg zu weisen und um die Seelen auf eine gute Weide zu führen.
Im kommenden Frühjahr werdet Ihr zu Priestern geweiht. Ihr habt euch darauf durch das Gebet, durch das Studium und durch Arbeitseinsätze in den Pfarreinen vorbereitet. Was ist nun das Entscheidende an der Haltung und am Tun eines Priesters? In welcher Gesinnung muss ein Priester die Aufgabe übernehmen, welche die Kirche ihm zuweist? Das Wort des Herrn sagt es uns: Er muss durch die Tür hineingehen. Er darf nicht irgendwo anders einsteigen.
Deshalb stellt sich weiter die Frage nach der Tür. Was meint Jesus mit der Tür? Etwas später, im selben Johannesevangelium, reicht uns Jesus den Schlüssel für das Verständnis dieses Bildes, indem er sagt: Ich bin die Tür (Joh 10,9). Als zukünftige Hirten des Volkes Gottes müsst Ihr durch die Tür eintreten. Ihr dürft nicht anderswo einsteigen. Das bedeutet demnach: Ihr müsst durch Jesus eintreten. Ihr müsst sozusagen durch Jesus hindurch schreiten, durch sein Denken und Wollen, durch sein göttliches Sein, um die Hirtenaufgabe übernehmen zu können.
Wenn jemand anderswo einsteigt, ist er ein Dieb und ein Räuber. Wenn jemand bei sich einsteigt, bei seinen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen, ist er ein Dieb und ein Räuber. Wenn er bei den Menschen und ihrer Gunst einsteigt, ist er ein Dieb und ein Räuber. Wenn er bei Jesus und mit Jesus einsteigt, um das Heil der Seelen zu bewirken, kann er wie Jesus und mit Jesus Hirt sein und die Schafe auf die Weide führen.
Was bedeutet nun dieser Eintritt durch die Tür? Was bedeutet dieser Eintritt durch Jesus? Dieser Eintritt durch Jesus ist allgemein gesagt ein Nachahmen des Herrn. Wie wir herkömmlicherweise sagen, ist dieser Eintritt die Nachfolge Christi. Wir sollen so denken, sprechen und handeln wie der Herr. Wir sollen den Geist des Herrn in uns aufnehmen: Seid gesinnt wie Christus Jesus (vgl. Phil 2,5). Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave (Phil 2,7).
Damit sind wir beim entscheidenden Begriff: Beim Begriff des Sklaven. Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave. Diese Worte des heiligen Paulus erinnern uns an die Worte des Herrn: Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele (Mt 20,28). Durch die Tür hineingehen, heißt durch den dienenden Jesus hineingehen. Der Weg zum Priestertum – zur Priesterweihe – beginnt mit dem Weg des Dienens, und muss immer ein Weg des Dienens bleiben. Niemand soll den Weg zum Priestertum wählen, wenn er nicht bereit ist zu dienen, dem Herrn zu dienen, dem Glauben zu dienen, den Menschen in Hinblick auf den Glauben, auf das ewige Heil zu dienen.
Aus diesem Grund beginnt der Weg zum Priestertum im engeren Sinn, das heißt im sakramentalen Sinn, mit der Diakonenweihe. Nur wer Diakon ist, wer Diener ist, wer Sklave nach dem Vorbild unseres Herrn ist, kann ein guter Priester sein. Nur darf es nicht bei der liturgischen Feier bleiben und bei Namengebung eines Diakons. Dieser Dienst muss uns wirklich ins Herz geschrieben sein. Er muss uns in Fleisch und Blut übergehen.
Deshalb muss der Dienst immer auch ein Gegenstand unseres Gebetes sein. Denn ein Leben lang Diener zu sein – und das seid Ihr von heute an – , das ist nicht einfach. Sehr schnell ist das Versprechen gegeben. Aber die Erfahrung lehrt uns, wenn es ans Lebendige geht, versagen wir oft. Daher können wir diesen Dienst nur in der ständigen Erneuerung durch das Gebet erfüllen, nach dem Vorbild der Apostel, welches uns die heutige erste Lesung vor Augen führte: Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern (Apg 1,14).
Das kirchliche Gebet, das Tagzeitengebet, welches Ihr heute feierlich als Pflicht­gebet auf euch nehmt, kann Euch dabei unterstützen. Denn es ist nicht nur ein Gebet im Auftrag der Kirche und für die Kirche, es ist auch ein Gebet, das Euch im Dienst der Kirche erhält und stärk­t. Es ist ein Gebet, welches vom Eigenwillen des Menschen wegführt in den Willen des Vaters: Dein Wille geschehe (Mt 6,10), so dass wir fähig werden, den Willen des Vaters zu erfüllen.
Der Weg des Dienens ist ein Weg des Opfers, der Opferbereitschaft: Um dem Herrn und seiner Kirche zu dienen, nehme ich alles in Kauf, alle Demütigungen, alle Erniedrigungen, alle Anfeindungen, nur eines lasse ich nicht zu: den Dienst zu quittieren.
Der Weg des Opfers und der Opferbereitschaft ist auch verbunden mit der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, und dies eben im Hinblick auf das Priestertum. Darin kommt die Gesinnung Jesu vollkommen zum Ausdruck: Seid gesinnt wie Christus Jesus (vgl. Phil 2,5). Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave (Phil 2,7). So stellt euch der Bischof die Frage: Seid ihr bereit, zum Zeichen eurer Hingabe an Christus, den Herrn, um des Himmelreiches willen ehelos zu leben und für immer eurem Vorsatz treu zu bleiben, in dieser Lebensform Gott und den Menschen zu dienen? Damit vollendet sich die Gleichgestaltung mit Christus, dem Sklaven, Gleichgestaltung, die eben für den Priester von besonderer Bedeutung sein wird (vgl. Eph. 4,13).
Am Samstag der ersten Woche beten wir in der Lesehore die Antiphon zu Psalm 132 (131): Mit ungeteiltem Herzen habe ich freudig alles gegeben, Herr, du mein Gott. So soll es für Euch heute sein. Mit ungeteiltem Herzen übergebt dem Herrn freudig alles, Euer ganzes Leben. Blickt immer wieder auf jene Frau, welche mit ungeteiltem, mit unbeflecktem Herzen dem himmlischen Vater die Antwort geben ließ: Ich bin die Magd des Herrn (Lk 1,38). Denn Diakon sein heißt: Ich bin der Diener des Herrn. Möge er Euch einmal als tüchtige und treu Diener (vgl. Mt 25,21) ansprechen und Euch den Lohn für einen guten Dienst ausbezahlen. Amen.