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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Eröffnung des Studienjahrs 2014/2015

Meine Lieben,
Der Gedenktag der Schmerzen Marias wird seit 1913 am 15. September gefeiert, am Tag nach Kreuzerhöhung und am Oktav-Tag von Mariä Geburt. Letztlich hat er seinen Ursprung in der Kreuzesmystik des Mittelalters. Jesus, der Schmerzensmann, ist Mittelpunkt der Betrachtung des gläubigen Volkes. Sein Leiden bewegt die Herzen, bewegt sie auch zur Buße, zur Umkehr, zur Veränderung des Lebens. Jesus, der Schmerzensmann, erweckt Mitleid (compassio), wird beweint und beklagt. Die Liturgie hat dieser compassio, diesem Mitleid, diesem Schmerz über das Schicksal des Herrn zunächst mit dem Schmerzensfreitag Ausdruck verliehen. Das ist der Freitag vor dem Palmsonntag, der Freitag nach dem sogenannten Passionssonntag.
Die erste Mitleidende ist die Mutter des Herrn selber. Die Kirche weint mit der Gottesmutter. Die Kirche nimmt Anteil am Schmerz Marias. Die heutige Sequenz, Stabat Mater, ist eines der schönsten Zeugnisse dieser Frömmigkeit.
Unzählige kunstvolle Gemälde und Skulpturen stellen uns das Bild der Muttergottes unter dem Kreuz vor. Diese Szene aus dem Johannesevangelium ist sozusagen Ausgangspunkt der compassio, des Mitleides und des Mitleidens. Dabei rückt das Lukasevangelium, welches wir heute gehört haben, mehr und mehr ins Licht, insbesondere die Prophezeiung des Simeon: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,34-35).
Die Volksfrömmigkeit hat diese Aussage über das Schwert weiter ausgedeutet mit der Zählung von sieben Schmerzen Marias. Diese sieben Schmerzen machen dieses eine Schwert aus. Bisweilen wird aus dem einen Schwert die Anzahl von sieben Schwertern. Als Vorkommnisse, welche die sieben Schmerzen verursachten, gelten: die Prophezeiung des Simeon, die Flucht nach Ägypten, der Verlust des zwölfjährigen Jesus, die Begegnung am Kreuzweg, die Kreuzigung und das Sterben Jesu, die Kreuzabnahme (Vesperbild der Mutter mit dem Leichnam Jesu) und schließlich die Grablegung. Maria hat, das will dieser Gedenktag zum Ausdruck bringen, die Schmerzen des Schmerzensmannes mit getragen, die Schmerzen in der ganzen Fülle (sieben). Das bedeutet auch: Sie hat wie niemand anders Anteil genommen am Erlösungswerk Christi und hat darin eine besondere Stellung. Die Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium nennt aus diesem Grund Maria unsere Mutter in der Ordnung der Gnade (61).
Wir eröffnen heute das neue Studienjahr. Sich in die Theologie einlassen, ist weitgehend mit dem Gedanken des heutigen liturgischen Tags verbunden, mit der compassio. Theologie muss zunächst – wenn Theologie wirklich zu Herzen gehen soll, und anders wäre Theologie leer, öd, blutlos, geistlos – ein Mitleiden mit dem Herrn und seiner Mutter sein. Wir sollten uns in die Theologie vertiefen, um insbesondere den Herrn kennenzulernen oder besser kennenzulernen. Den Herrn kennenzulernen heißt aber vor allem den Herrn in seinem Leiden kennenzulernen, den Sinn und die Wirkung dieses Leidens. Insofern muss die Mutter der Schmerzen ein Vorbild für Studierende und Lehrende der Theologie sein. Denn sie hat dieses Leiden erfahren und durchlebt. Und nur durch das Mitleiden, durch die compassio dringt Theologie in unser Herz, in unsere Seele ein, und nur durch die compassio werden wir fähig, das weiterzugeben, wozu uns das Studium der Theologie befähigen will: den Glauben, die Hoffnung und die Gottesliebe. Nur die compassio kann uns zu wahren Seelsorgern machen und uns den Weg zu den Herzen der Menschen bahnen.
Doch möchte ich über den heutigen liturgischen Tag hinausschauen, hinausschauen über die sieben Schmerzen, über den letzten Schmerz hinweg – die Grablegung des Herrn, das heißt über die compassio zur conglorificatio, zur Verherrlichung, an welcher jene teilhaben dürfen, die, wie es Paulus sagt, „mit Christus leiden, um mit ihm verherrlicht zu werden“ (Röm 8,17: sumus … coheredes autem Christi: si tamen compatimur ut et conglorificemur). Es ist für uns, für unseren Mut, für unser Ausharren, für unser Durchstehen wichtig, das Ziel der conglorificatio zu sehen und zu wissen, dass letztendlich diese conglorificatio, diese Verherrlichung, die wir einst an unserer Person erfahren dürfen, nur über den Weg der compassio möglich ist. Deshalb bitte ich Euch noch einmal: Nehmt die Gottesmutter zum Vorbild, und wählt sie Euch gleichzeitig zur großen Fürsprecherin, zur Begleiterin durch Euer Studium, für Eure Vorbereitung auf den pastoralen Dienst. Dieser Dienst erst gibt dem Theologiestudium seinen Sinn. Denn es gilt in jeder Hinsicht, was wir am Ende des Codex Iuris Canonici lesen: die rechtlichen Vorkehrungen sollen geschehen prae occulis habita salute animarum, quae in Ecclesia suprema semper lex esse debet – wir treffen alle unsere Entscheidungen, alle unsere Lebensentscheidungen „das Heil der Seelen vor Augen, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muss“. Die compassio kann gar nicht zu einem anderen Handeln kommen, denn sie, und vor allem sie, weiß, um welchen Preis wir für die Ewigkeit erkauft sind, um den Preis des Blutes unseres Herrn Jesus Christus (Vgl. 1 Petr 1,18). Amen.

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