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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Eröffnung des Studienjahrs 2017/2018

Brüder und Schwestern im Herrn,

eines der herausragenden Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Frage der Einheit der Christen. „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils“.1 So lautet die Einleitung ins Dekret über den Ökumenismus. Dieses Dekret wurde unter dem Titel Unitatis redintegratio am 21. November 1964 feierlich verkündet. Nun, am 31. Oktober werden es 500 Jahre seit dem Beginn der Reformation. Jedenfalls geht man von diesem Datum aus. Das gibt mir die Gelegenheit, ein Wort zur eben genannten Hauptaufgabe des Zweiten Vatikanums zu sagen.

        Seit der Veröffentlichung von Unitarist redintegratio sind 53 Jahre verflossen. Das Ergebnis in Bezug auf die Einheit der Christen ist ernüchternd. Denn in diesen Jahren haben sich die Spaltungen vermehrt. Wohl hat der Dialog auf verschiedenen Ebenen stattgefunden. Wohl wurden Teilziele erreicht. Von der Einheit aller Christen sind wir aber immer noch weit entfernt. Die Grundlagen zur Schaffung dieser Einheit haben sich verringert. Warum? Um dies zu erklären, greife ich nochmals auf Unitatis redintegratio zurück. Das Dokument legt unter anderem die Richtlinien für den ökumenischen Dialog aus der Sicht der katholischen Kirche fest. Es geht dabei um Hinweise zur praktischen Verwirklichung des Ökumenismus. Darin finden wir den markanten Satz: „Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“.2 Hier liegt das Problem. Bei der Reinheit der katholischen Lehre liegt das Problem. Die Reinheit der katholischen Lehre ist die Barriere.

        Anderseits könnte die Reinheit der katholischen Lehre jene Grundlage sein, welche zur Einheit führt. Deshalb möchte ich auf drei zentrale Inhalte dieser Lehre hinweisen. Sie sind entscheidend für die Wiederherstellung der Einheit der Chris­ten. Es sind dies das umfassende Wort Gottes, die umfassenden Gnadengaben, das umfassende Amt. Dies sind drei bedeutende Säulen des katholischen Bekenntnisses.

        Das umfassende Wort Gottes betrifft die göttliche Offenbarung. Sie ist der Ausgangspunkt unseres Glaubens. Sie ist die Wahrheit über Gott, über das, was Gott uns über sich selber sagt, über seinen Willen und über seinen Plan mit uns Menschen. Alles ist zusammengefasst im Wort Gottes. Die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, ein weiteres Dokument des Zweiten Vatikanums, spricht vom heiligen Scha­tz des Wortes Gottes. Was befindet sich in diesem heiligen Schatz? In diesem Schatz befindet sich die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift.3 Die Heilige Überlieferung fließt hinein in die Lehre der Kirche, die Heilige Schrift ihrerseits umfasst die 45 bzw. 46 Bücher des Alten und die 27 Bücher des Neuen Testamentes. Das ist der sogenannte Kanon der heiligen Bücher. Vom 1. bis zum 4. Jahrhundert bildet sich dieser Kanon, unter dem Wirken des Heiligen Geistes, aus. Sicher stand er 393 schon fest, weil die damalige Synode von Hippo ihn so kennt. Papst Innozenz I. schickt ein Verzeichnis gleichen Inhalts im Jahre 405 an den südfranzösischen Bischof Exuperantius. Dieser Kanon wird auch von der griechischen Kirche auf dem zweiten Trullanum 692 uneinge­schränkt übernommen. Neben der Heiligen Überlieferung ist der umfassende Kanon der Heiligen Schrift ein ganz wich­tiger Grundstein für die Einheit der Kirche. Beides, die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift, gehört zur Rein­heit der katholischen Lehre. Wir können auf diese Grundlage der katholischen Lehre nicht verzichten.

        Die umfassenden Gnadengaben: Mit den umfassenden Gnadengaben sind vor allem die sieben Sakramente gemeint. Sie sind vom Wort Gottes, also von der Heiligen Überlieferung und von der Heiligen Schrift bezeugt und gehören zum Kern des katholischen Glaubens. Auch sie sind Bestandteil der Reinheit der katholischen Lehre. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie ­dem Menschen das göttliche Leben schenken, den Menschen im göttlichen Leben erhalten und ihn in seinem je eigenen Stan­de unterstützen. Eine sehr schöne Umschreibung zu den Sakramenten finden wir in der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium: „In jenem Leib [der Kirche] strömt Christi Leben auf die Gläubigen über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle und doch wirkliche Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“.4 Das Wunderbare an den Sakramente ist, dass durch sie das Leben Christi in uns wirkt und uns heiligt. Das ist der Grun­d, weshalb sie zur Reinheit der katholischen Lehre gehören. Auch auf diese Grundlage der katholischen Lehre können wir nicht verzichten. Nur auf dieser Grundlage kann die Einheit der Christen zustandekommen.

        Schließlich die dritte Säule: Das umfassende Amt. Christus hat seine Kirche nicht auf Sand gebaut, sondern auf Fels. Er hat seine Kirche auf Fels gebaut, damit kein Sturm und kein Wolkenbruch und keine Wassermassen sie zum Einsturz bringt und zerstört (vgl. Mt 7,24-27). Dieser Fels heißt nicht Johannes und nicht Paulus, er heißt Simon. Simon ist der Fels und erhält daher den Namen Petrus. Die Namengebung durch Jesus ist sozusagen die Einführung von Simon in sein Amt. Er wird ordiniert. In Simon Petrus wird der Kirche das umfassende Amt verliehen, das Amt der Einheit. In Petrus garantiert Jesus die Einheit der Kirche. In Petrus garantiert Jesus die Sicherheit der Kirche. Zur Reinheit der katholischen Lehre gehört das Bekenntnis zum umfassenden Amt der Kirche, zu Petrus. Auch auf diese Grundlage der katholischen Lehre können wir nicht verzichten, wenn uns wirklich an der Einheit der Christen gelegen ist.

        Die Besinnung auf diese drei bedeutenden Säulen der katholischen Lehre sollen die Einheit der Christen fördern. Sie sind nach wie vor der Beitrag der katholischen Kirche für die Einheit der Christen. Aus dieser reinen Lehre der Kirche schöpfend – auch beim Studium der Theologie – wollen wir unseren Beitrag leisten, um „die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen“. Amen

 

1          ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus        Unitatis redintegratio, Nr. 1.

2          Unitarist redintegratio,  Nr. 11.

3           ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, Nr. 10.

4           ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, Nr. 7.

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