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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Firmung in Gersau am Sonntag, 15. März 2015

Liebe Firmlinge,
jeder von Euch hat einen Namen. Dieser Name ist bei Gott bekannt und Ihr werdet heute auf diesen Euren Namen gefirmt. Das bedeutet: Der Heilige Geist, der Euch in der Firmung auf besondere Weise geschenkt wird, die dritte göttliche Person, nimmt sich um jede und jeden von Euch eigens an. Für Gott seid Ihr nicht eine Nummer, sondern eine Person.
Zu jedem Namen lässt sich etwas sagen: zur Julia, zum Simon, zur Michaela, zum Daniel. Ihr alle habt einen Namenspatron, einen Heiligen, der für Euch ein Vorbild sein kann, der aber auch ein Fürbitter und Begleiter ist.
Nun möchte ich mich zu einem dieser Heiligen äußern. Von den 13 Namen, welche auf der Liste von Euch Firmlingen stehen, habe ich den Namen Thomas ausgewählt. Der Namen Thomas ist aramäisch und bedeutet der Zwilling. Wahrscheinlich war der erste Thomas ein Zwillingskind, der zweite bei der Geburt. Nun gibt es verschiedene Heilige mit dem Namen Thomas: Thomas, der Apostel, Thomas Becket, Thomas von Aquin, Thomas von Villanova und schließlich Thomas Morus. Für Firmlinge ist das Leben und die Einstellung von Thomas Morus beeindruckend und beispielhaft. Deshalb möchte ich kurz auf die entscheidenden Ereignisse seines Lebens eingehen.
1509 bestieg Heinrich VIII. den englischen Thron. Er war mit Katharina von Aragon verheiratet. Doch 1522, nach 13 Jahren Ehe, verliebte er sich in eine Hofdame, in Anna Boleyn, und wandte sich von seiner Frau Katharina ab. Das war Ehebruch. Die Menschen nahmen daran Ärgernis. Der König war ein schlechtes Beispiel für das ganze Volk. Doch der König ging so weit, dass er vom Papst verlangte, seine Ehe mit Katharina als ungültig zu erklären. Dies gelang ihm aber nicht. Da schaute er sich nach einem gewandten Politiker und Diplomaten um. Er glaubte, diese Person in Thomas Morus oder Moor gefunden zu haben. Um ihn für sich zu gewinnen, machte ihn Heinrich VIII. 1529 zum Lordkanzler. Das war das höchste und angesehenste Amt im Königreich. Die Absicht des Königs war, Thomas für seine Pläne einzuspannen. Er sollte beim Papst erreichen, was ihm bisher misslungen war: Die Ehe mit Katharina aufzulösen. Doch der Lordkanzler ließ sich, zur Überraschung des Königs, darauf nicht ein. Er erledigte zuverlässig die Staatsgeschäfte. Doch das moralische Leben des Königs wollte und konnte er nicht billigen.
Die Lage verschlimmerte sich für Thomas, als der König sich mehr und mehr vom Papst lossagte und sich zum Haupt der Kirche Englands erklärte. Der Lordkanzler konnte dem nicht zustimmen, denn der König maßte sich etwas an, was ihm nicht zustand, und rief eine Kirchenspaltung hervor. Daher erklärte Thomas am 16. Mai 1532 seinen Rücktritt vom höchsten Amt im Reich. Der Glaube war ihm teurer und wertvoller als die Gunst des Königs und die hohen Einkünfte, die er als Kanzler verbuchen konnte. Er geriet mit seiner Familie – Frau und vier Kindern – in Not, aber er verlor den Mut nicht und sagte: „Wenn es nicht anders geht, nehmen wir jeder einen Bettelsack“. Der König ging so weit, dass er von allen Untertanen einen Eid auf die neue kirchliche Ordnung verlangte. Das bedeutete den Abfall vom katholischen Glauben. Thomas weigerte sich, den Eid zu leisten. Damit war sein Schicksal besiegelt: Er wurde im bekannten Tower von London eingekerkert und am 6. Juli 1535 zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung sagte er: „Ich sterbe als treuer Diener des Königs; aber zuerst bin ich Diener Gottes“.
Liebe Firmlinge, das soll Euer Losungswort sein: „… aber zuerst bin ich Diener Gottes.“ Das bedeutet: Ihr sollt den Glauben, das Leben des Glaubens, immer an die erste Stelle setzen. Damit berühren wir nun auch den Sinn der Firmung. Die Firmung, der Heilige Geist, der durch das Sakrament der Firmung wirkt, soll Euch helfen, dass Ihr Gott an die erste Stelle setzt und Euren Glauben, das Leben in Gott, treu und mit großer Liebe lebt. Das Beispiel von Thomas Moor kann Euch zeigen, was dies bedeutet. Ich wünsche, dass der Heilige Geist Euch den Glaubensmut eines Thomas schenke. Amen.