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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Jungfrauenweihe am Sonntag, 18. März 2018 in Rheinau

Liebe Kandidatinnen für die Jungfrauenweihe

Mit dem heutigen Sonntag, dem Passionssonntag oder dem fünften Fastensonntag, werden im Kirchenraum die Kreuze verhüllt. Welche Bedeutung müssen wir diesem Brauch zuschreiben?
        Das Verhüllen steht im Zusammenhang mit dem Geheimnis, mit dem Glaubensgeheimnis. Das Glaubensgeheimnis ist verhüllt. Gott offenbart es uns erst zu einem gewissen Zeitpunkt. Ein Beispiel ist die Heilsgeschichte. Das Kommen unseres Herrn in unsere Weltzeit war verhüllt. Es wurde erst durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes offenbar. Oder ein anderes Beispiel. Nach altem Brauch ist die Patene und der Kelch für die Eucharistiefeier verhüllt. Die Enthüllung bei der Gabenbereitung oder beim Offertorium bedeutet, dass das Geheimnis des Glaubens nun offenbar wird. Bis zur Enthüllung ist es verborgen (vgl. 2 Kor 3,16). Durch die Enthüllung werden unsere Augen sehend. Es öffnet sich uns der erhabene Augenblick des Vollzug des allerheiligsten Sakraments.
        Diese Darlegung können wir ebenso auf das Geheimnis des Kreu­zes anwenden. Das Verhüllen des Kreuzes bedeutet, dass das Geheimnis des Kreuzes verborgen ist. Erst am Karfreitag wird der Preis unserer Erlösung offenbart: der gekreuzigte Herr Jesus Chris­tus. So gehen wir in diesen zwei Wochen des verhüllten Kreuzes den Weg der Erwartung. Erst der Karfreitag führt uns das Geheimnis der Erlösung vor Augen – und vor allem – zu Herzen.
        Doch kommt bei der Verhüllung des Kreuzes noch eine weitere Deutung hinzu. Dieser Brauch­ geht auf das 12. Jahrhundert zurück, auf die Epoche der gotischen Fröm­migkeit und Kuns­t. Diese Zeit zeichnet sich durch eine besondere Verehrung für den leidenden­ Herr­n aus, für den Herrn in seiner Erniedrigung. Der Gläubige vertieft sich ins Geheimnis, welches der heilige Paulus im Brief an die Philipper umschreibt: Er (Chris­tus Jesus) war Gott gleich, hielt aber nicht wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave, und den Menschen gleich, der Erscheinung nach ganz als Mens­ch erfunden; er erniedrigte sich und war gehorsam bist zum Tod, bis zum Tod am Kreuze (Phil 2,6-8). Mit diesem leidenden Herrn möchte sich der gläubige Mens­ch verbinden. Er möchte den Herrn in seiner Erniedrigung und Entäußerung ­betrachten und begleiten.
        Doch die damaligen Darstellungen des gekreuzigten Herrn oder des Kreuzes, die romanischen Darstellungen, ­führten im allgemeinen nicht Jesus als den Schmer­zensmann vor Augen, sondern als den triumphierenden Herrn, den Herrn in seiner Herrlichkeit. Die romanischen Kreuze strah­len die Herrlichkeit des Herrn wieder. Nun sollte aber die Passionszeit eben eine Zeit sein, da der Gläubige das Leiden des Herrn verinnerlicht. Der Mensch will das Leiden gleichsam miterleben. Deshalb sollte für die Zeit bis zum­ Karfreitag die Herrlichkeit und Majestät des Herrn verhüllt werden. Erst in der Oster­nacht sollte sie wieder aufstrahlen.
        Gehen wir von diesen Gedanken zur Jungfrauenweihe. Die Jungfrauenweihe ist einen Akt der besondere Anteilnahme am Leiden des Herrn. Die Jungfrauenweihe ist ein Sterben mit dem Herrn. Sie ist ein Sterben mit dem Herrn zum Heil der Welt. – Sie ist aber immer ein Sterben mit dem Herrn im Hinblick auf die Verherrlichung, im Hinblick auf die Auferstehung oder, wie es Jesus sagt, im Hinblick auf das Leben im Stande der Engel: Denn nach der Auferstehung heiratet man nicht, noch wird man geheiratet, sondern die Menschen sind wie Engel im Himmel, sagt uns Jesus (Mt 22,30). Auch der heilige Paulus erinnert uns an die Herrlichkeit, welche aus dem Leiden hervorgeht, aus der Anteilnahme am Leiden Christi. Ja, nach dem heiligen Paulus ist die Anteilnahme am Leiden Christi gar die Bedingung für die kommende Herrlichkeit: Sind wir aber Kinder, dann auch Erben und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden (Röm 8,17­).
        Wir haben uns letzthin der Frage gegenüber gesehen, welcher Art die Spiritualität einer geweihten Jungfrau sei. Darauf möchten diese Gedanken eine Antwort sein. Zur Spiritualität der geweihten Jungfrau gehört gewiss die stete Betrachtung des Leidens Chris­ti, die besondere Verbundenheit mit dem gekreuzigten Herrn. Das bedeutet auch die besondere Verbundenheit mit dem Werk der Erlösung, im Sinne des heutigen Evangeliums: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirb­t, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht (Joh 12,24). Durch die Jungfrauenweihe fällt Ihr wie das Weizenkorn in die Erde, in die Erde des Reiches Gottes; daraus geht die reiche Frucht des Erlösungswerkes unseres Herrn hervor. Ihr nehmt ganz bewusst Anteil am erlösenden Leiden Christi, – um mit ihm auch verherrlicht zu werden (Röm 8,17). Amen.