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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Priestertages in Chur am Montag, 7. September 2015

Brüder und Schwestern im Herrn,
der heilige Paulus spricht in der heutigen Lesung von seiner Berufung: „Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat, damit ich euch das Wort Gottes in seiner Fülle verkündige, jenes Geheimnis, das seit ewigen Zeiten und Generationen verborgen war. Jetzt wurde es seinen Heiligen offenbart“ (Kol 1,25-26). Der Apostel ist dazu berufen, das Geheimnis der Offenbarung zu verkündigen. Gott hat ihm dieses Amt übertragen (factus sum minister / ἐγενόμην … διάκονον) . Das Geheimnis dieser Offenbarung ist der Heilsplan Gottes mit uns Menschen. Dieser Heilsplan war bisher verborgen und ist nun durch die Menschwerdung unseres Herrn bekannt geworden (ἐφανερώθη / sichtbar gemacht). Er ist offenbart worden und lautet: „Christus ist unter euch, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit“ (1,27).
Ein Schlüsselwort in diesem Text ist das Wort Offenbarung: „Jetzt wurde es seinen Heiligen offenbart“ (Kol 1,26). Es sagt uns, dass der Mensch von sich aus, von seinen Denkanstrengungen aus niemals zu diesem Heilsplan vordringen kann. Das bedeutet aber folglich: Das Heil bleibt ihm fern. Positiv ausgedrückt. Der Mensch kann den Heilsplan nur durch Gottes Walten erfahren, eben durch Offenbarung. Dazu ist nun der heilige Paulus berufen. Er soll das Offenbarte kundtun. – Doch beschränkt sich dieser Auftrag nicht auf den heiligen Paulus allein. Dazu sind all jene berufen, die zur Verkündigung des Evangeliums ausgesandt sind. Darin besteht auch unsere Berufung als Priester. Wir sollen, in der Nachfolge des Apostels, den Menschen Gottes Offenbarung bringen: „Christus ist unter euch, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit“ (1,27). Deshalb dürfen wir uns nicht in tausenderlei Dinge verstricken. Wir müssen uns immer an diesen Auftrag halten. Dies ist unser Kerngeschäft, von dem wir uns durch rein menschliche Überlegungen und Geschäftigkeit nie abhalten lassen dürfen. Der heilige Paulus umschreibt den Auftrag so: „Ihn (Christus), verkündigen wir; wir ermahnen jeden Menschen und belehren jeden mit aller Weisheit, um dadurch alle in der Gemeinschaft mit Christus vollkommen zu machen“ (1,28). Hier muss unsere Selbstprüfung einsetzen: Verkündigen wir wirklich Christus, damit die Menschen ihre Vollkommenheit in ihm finden, in ihm vollkommen werden; mit anderen Worten, damit sie in Christus das ewige Heil erlangen? Das ist der Kern der Sache.
Der heilige Thomas von Aquin (1225-1274) stellt sich am Anfang seines Werkes der Theologischen Summe die Frage, ob der Mensch die Lehre der göttlichen Offenbarung brauche. Die Theologische Summe ist für Thomas ein „Schulbuch“ für Anfänger des Glaubensstudiums. Sie geht demnach auf grundlegende Fragen ein, deshalb auch auf die Frage der göttlichen Offenbarung. Braucht sie der Mensch? Das bedeutet so viel wie: Braucht der Mensch den Glauben, die Wahrheit, welche der Glaube lehrt, die Wahrheit, welche wir mit dem Glaubensbekenntnis bejahen? Braucht der Mensch den Glauben, der in Jesus Christus seine Vollendung findet und in Christus zur Vollendung des Menschen führt. Ist der Mensch als denkendes Wesen darauf angewiesen? Kann er, da er ein denkendes Wesen ist, nicht selber den Weg finden? Kann er als denkendes Wesen nicht darauf kommen, dass es Gott gibt und dass die Welt ihren Ursprung in Gott hat, in der Schöpfung Gottes? Kann er den Weg nicht autonom finden. Die Frage stellt sich wissenschaftlich so: Braucht der Mensch neben der Philosophie noch die Theologie? Braucht der Mensch neben seinem natürlichen Erkenntnisvermögen noch etwas, was für ihn darüber hinaus einen Mehrwert hat? Braucht er die Offenbarung Gottes?
Die Antwort des großen Theologen und Philosophen fällt so aus: Die Offenbarung Gottes, der Glaube, erweist sich als notwendig für das Heil des Menschen. Der Mensch braucht die Glaubensvermittlung, die Offenbarung Gottes, um zum Heil zu gelangen. Und wenn wir von Offenbarung Gottes reden, dann ist damit auch ein entsprechendes Verhalten gemeint, eine entsprechende Lebenseinstellung und Lebensführung. Ein entsprechender Lebensstil. Es geht also um sehr praktische Dinge, nämlich um ein Leben in Gottes Wohlgefallen, um auf diese Weise zum ewigen Heil zu gelangen.
Der heilige Thomas begründet seine Stellungnahme folgendermaßen: Die göttliche Offenbarung macht uns Wahrheiten bekannt, welche die menschliche Vernunft übersteigen; Wahrheiten, zu deren Erkenntnis der Mensch durch die Vernunft allein nicht kommen könnte. Das heißt, dass der Mensch nur durch Vernunft, ohne den Glauben, das Heil nicht erlangen könnte; dass der Mensch von sich aus, von seinem Denkansatz her, das Geheimnis Gottes nicht ergründen könnte. Außerdem sagt der heilige Thomas, vermöge der Mensch durch seine Vernunft Gott wohl zu erkennen, aber nur mit größter Mühe und Anstrengung und mit der Beimischung von vielen Irrtümern. „Und doch“, betont der Heilige nochmals, „hängt von der Erkenntnis dieser Wahrheit das ganze Heil des Menschen ab, das in Gott gelegen ist“ (Vgl. Summa Theologiae, I 1,1). Das ist für Thomas der Ansporn, die Lehre des Glaubens zu verkünden, darzulegen und zu erklären. Hinter dem Werk des Heiligen steht demnach ein seelsorgliches Anliegen und keine schöngeistige Selbstbestätigung.
Die Gedanken des Heiligen unterstützen uns bei unserem Einsatz als Priester. Sie zeigen, wie notwendig es ist, dass wir das Geheimnis Christi verkünden, damit die Menschen, wie es Paulus sagt, „tiefe und reiche Einsicht erlangen“, „und das göttliche Geheimnis erkennen, das Christus ist“ (2,2). Denn diese Erkenntnis verwandelt den Menschen und führt ihn zu einem Leben in Gottes Wohlgefallen. Das erwartet Paulus, wenn er den Kolossern sagt: „Ihr habt also Christus Jesus als Herrn angenommen. Darum führt auch wie es ihm entspricht euren Lebenswandel“ (2,6). Später, im Kapitel 3, gibt er ganz klare christliche Lebensregeln vor.
Durch Gottes Gnade und Hilfe möge unsere Verkündigung immer so sein, dass die Menschen im Herzen getroffen werden, dass sie ihr Leben nach Christus ausrichten und das ewige Heil erlangen. Nochmals die Aussage des heiligen Thomas: „Und doch hängt von der Erkenntnis dieser Wahrheit das ganze Heil des Menschen ab, das in Gott gelegen ist“. Wir können diesen Gedanken für uns Priester und Boten des Glaubens so abwandeln: „Und doch hängt von unserer zuverlässigen Verkündigung der Wahrheit – der Wahrheit des Glaubens – das ganze Heil des Menschen ab, das in Gott gelegen ist“. Das sei Euch Motivation und Ansporn für das treue Ausharren in Eurem Auftrag als Priester und immer auch Inhalt Eurer Bitte an Gott, dass er in Euch vollende, was er mit Eurer Berufung begonnen hat. Amen.