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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Priestertages in Einsiedeln am Montag, 18. Mai 2015

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,
in der heutigen Lesung hat mich ganz besonders der Satz getroffen: „Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt“ (Apg 19,2). Die Gläubigen von Ephesus, oder eine Gruppe von ihnen, kennen den Heiligen Geist nicht. Es fehlt ihnen an Glaubenswissen. Offenbar war die Glaubensverkündigung bei ihnen mangelhaft. Dabei handelt es sich, wie es der Text sagt, wirklich um Jünger. Das sind Gläubige der Nachfolge. Wir würden heute sagen: Es sind Christen. Es sind nicht Menschen einer anderen Religion. Es sind nicht Heiden, wie sich die Apostelgeschichte jeweils ausdrückt.
Es gibt einen Mangel an Glaubenswissen bei Christen schon zur Zeit der Apostel. Dabei ging es nicht um ein Detailwissen. Es ging um die Kenntnis des Heiligen Geistes. Es ging um die Kenntnis einer grundlegenden Wahrheit des Glaubens. So macht uns die Lesung hellhörig und gibt uns die Anregung, uns immer wieder zu fragen, was denn unsere Gläubigen heute nicht wissen, weil die Glaubensverkündigung mangelhaft war oder ist. Weil wir mit der Glaubensverkündigung betraut sind und sie zu unserem Kerngeschäft gehört, müssen wir immer wieder eine Überprüfung vornehmen. Dabei wollen wir uns nicht bei dem aufhalten, was Detailwissen ist wie etwa, wie viele Kerzen bei der Aussetzung des Allerheiligsten brennen sollten, sondern beim substantiellen Wissen, etwa der Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament oder der göttlichen Dreifaltigkeit oder – weil wir heute über die Ehe nachdenken – das substantielle Wissen über die Lebensweise eines Christen, über die christliche Moral. Wahrscheinlich gäbe es auch einige Christen, welche auf gewisse Fragen antworten würden: „Wir haben nicht einmal gehört, dass …“
Damit stehen wir bei der Frage der Verkündiger. Es ist wichtig, dass wir gläubige Verkündiger des Glaubens haben. Das ist ein Pleonasmus. Ein Verkündiger des Glaubens muss gläubig sein. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Der Ausdruck „gläubige Verkündiger des Glaubens“ unterstreicht die Wichtigkeit des Glaubens beim Verkündiger selber. Wie die Jünger muss auch er sagen können: „Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und von niemand gefragt zu werden brauchst. Darum glauben wir, dass du von Gott gekommen bist“ (Joh 16,30). Jesus hat sich den Jüngern in der Weise offenbart, dass sie wissen und glauben. Der Verkündiger des Glaubens muss den Menschen die Geheimnisse des Glaubens in der Weise darstellen, dass sie um den Glauben und seine Wahrheiten wissen und aus diesem Wissen heraus glauben, ein gläubiges Leben führen.
Jesus erwidert seinen Jüngern in der Frageform: „Glaubt ihr jetzt“ (Joh 16,31)? Um diese Frageform noch deutlicher hervorzuheben, könnten wir das Wort „wirklich“ beifügen: „Glaubt ihr jetzt wirklich“? Jesus ist von ihrem Glauben nicht überzeugt, oder anders gesagt, Jesus sieht, dass ihr Glaube noch nicht genügend gefestigt ist, nicht so gefestigt, dass sie den Schwierigkeiten standhalten. Er sieht, dass sie ihn allein lassen, sobald die Schwierigkeiten kommen. Aber er will sie nicht allein lassen. Er spricht ihnen Mut zu: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Es ist für den Verkündiger des Glaubens wichtig, dass er weiß, dass der Herr die Welt besiegt hat und er sich nicht aus der Verkündigung zurückziehen darf, wenn die Bedrängnis kommt. Der Herr will gleichsam sagen: „Einmal habt ihr mich verlassen. Macht es nicht mehr. Es gibt keinen Grund dafür; denn ich habe die Welt besiegt“. Wir wollen immer wieder an diesen Sieg denken, wenn die Verkündigung schwer wird, und wollen den Menschen nichts von dem vorenthalten, was die Substanz unseres Glaubens betrifft, uns aber bei deren Verkündigung Menschenfurcht einjagen könnte: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33).
Damit kommen wir zu einem letzten wichtigen Gedanken: Zur Weitergabe unseres Auftrages. Jesus macht den Jüngern Mut, den Dienst der Verkündigung wahrzunehmen. Auch wir sollen immer wieder jungen Menschen, deren Berufung wir erkannt haben oder deren Berufung wir erahnen, Mut machen, den priesterlichen Dienst auf sich zu nehmen. Vor einer Woche hatte ich zusammen mit den Regenten der Schweiz eine Sitzung im Priesterseminar von Givisiez bei Freiburg. Bei meiner Ankunft begegnete ich einem Priester, der im Gespräch war mit zwei Jugendlichen – wohl im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren. Er stellte sich mir als Pfarrer von so und so vor, und erklärte mir, er würde in seiner Pfarrei regelmäßig Jugendliche auf die Priesterberufung ansprechen, sie geistlich begleiten und sie unter anderm zu einer Besichtigung eines Seminars einladen. Die zwei Jugendlichen hätten Interesse gezeigt und würden nun den heutigen Tag mit ihm im Seminar verbringen. Unter anderem hätten sie auch eine Begegnung mit den Seminaristen.
Ich konnte das Vorgehen dieses Priesters nur loben. Tatsächlich glaube ich, dass wir Priester in den Pfarreien diesbezüglich noch mehr unternehmen müssen, oder wieder mehr unternehmen müssen. Denn eine Zeit lang scheute man sich, Jugendliche auf das Priestertum anzusprechen – auf das Priestertum betone ich. Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck. Anderseits zeigen sich Berufungen manchmal recht früh. Dann ist es wirklich unsere Aufgabe, sie zu begleiten. Das ist in unserer Zeit sehr wichtig. Denn ich bin überzeugt, dass in den heutigen Lebensumständen, vor allem was die Schulen betrifft, Berufungen verloren gehen können, wenn sie nicht gezielt begleitet und gefördert werden, und wenn wir die jungen Menschen nicht auf die Gefahren aufmerksam machen, welche ihr Leben verderben, Gefahren, welche eben von den Schulen her kommen. Wünschenswert wäre, dass in jedem Dekanat oder in jeder Region eines Bistums die Möglichkeit bestünde, dass Jugendliche, welche eine priesterliche Berufung verspüren, sich unter einer entsprechenden Führung regelmäßig treffen könnten. Das wäre eine der sinnvollsten Aufgaben für ein Dekanat. Wie der Herr seine Jünger ermutigte, so sollten auch wir uns jungen Menschen gegenüber aufraffen und ihnen Mut zusprechen: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt (Joh 16,33)“.
Bitten wir die Gottesmutter, die Mutter der Priester in einem ganz besonderen Sinn, dass sie um Priesterberufungen besorgt sei, sie uns entdecken helfe und uns die richtigen Mittel erbitte, um Priesterberufungen zu begleiten und zum Ziel zu führen. Amen