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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Priestertages in Einsiedeln am Montag, 9. September 2013

Liebe Mitbrüder,

wir brauchen immer wieder Worte der Ermutigung, um im Dienst des Herrn zu stehen und auszuharren. Wir brauchen Worte, die uns sagen, dass wir bei der Erfüllung unseres Dienstes, unseres priesterlichen Auftrages, nicht umsonst Leiden und Bedrängnis auf uns nehmen.

Ein solches Wort der Ermutigung ist die heutige Lesung. Dieses Wort ist für uns besonders kostbar, weil es die Erfahrung des Apostels wiedergibt. Es ist in diesem Sinn nicht nur eine Belehrung, sondern ein Zeugnis, eine erlebte Wirklichkeit: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24).

An den Leiden Christi fehlt nichts, möchten wir spontan sagen. Das Sühneleiden Christi ist vollkommen. Es ist so vollkommen, dass auch das geringste Maß seines Leidens, die Erlösung bewirken kann. So beten wir mit dem Hymnus „Adore te devote“: Cuius una stilla salvum facere totum mundum quit ab omni scelere. Ein Tropfen des Blutes unseres Herrn vermag die ganze Welt zu retten.

Das Leiden Christi bedarf keiner Ergänzungen. Das stimmt. Aber der Herr gibt uns Anteil an seinem Leiden, an seiner Bedrängnis. Was wir durch die Verkündigung des Wortes erleiden, die Bedrängnisse, welche wir mit der Nachfolge auf uns laden, nimmt der Herr in sein Leiden auf. Was wir erleiden, ist für ihn wertvoll. So wird nicht das Leiden Christi vollkommener, vollkommener werden wir. Unser Leiden und unsere Bedrängnis wird im Leide Christi vollendet, und auf diese Weise wird es wertvoll für die Kirche und für die Ausbreitung des Reiches Gottes. Was an den Leiden Christi fehlen würde, wäre unsere Anteilnahme an seinem Leiden, unsere Hingabe, mit welcher der Herr selber rechnet, wenn er jemanden beruft. Er erwartet, dass wir an seinem Leiden Anteil nehmen, weil wir doch seine Jünger sind. In diesem Sinn wollen wir das Wort des heiligen Paulus auch auf dem Hintergrund des Wortes Jesu betrachten: „Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir beten“ (Mt 26,40). Der Herr zählt auf uns. Er rechnet mit uns. Weisen wir diese Anteilnahme von uns, fehlt etwas an den Leiden Christi.

„Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat … Dafür kämpfe ich unter vielen Mühen“ (1,25.29). Das Leiden des Apostels ist tatsächlich nicht ein persönliches Leiden, ein körperliches Leiden, ein natürliches Leiden, wenn ich es so sagen darf; ein Leiden wegen und an der conditio humana. Es ist tatsächlich ein Leiden, welches aus der Berufung hervorgeht. Es ist ein Leiden für die Kirche, welches aus dem Amt hervorgeht, das wir empfangen haben, und welches einen Zusammenhang mit dem göttlichen Auftragt hat. Es ist ein Leiden, das aus der Weihe hervorgeht. Wir werden immer auch auf das Leiden hin geweiht, auf das Leiden mit dem Herrn und für die Kirche, für die Gemeinschaft. Dieses Leiden ist uns schon bei den Propheten bekannt, schon bei Moses – doch auch er wird oft den Propheten zugezählt. So ist auch unser Dienst, ein Dienst unter vielen Mühen. Dieser Kampf unter vielen Mühen ist aber möglich, weil Gottes Kraft eben mit großer Macht in uns wirkt, wie es Paulus selber bestätigt.

„Dadurch sollen sie getröstet werden; sie sollen in Liebe zusammenhalten, um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen, und das göttliche Geheimnis zu erkennen, das Christus ist“ (2,2). Das Leiden des Apostels wirkt sich auf die Gläubigen aus, hier auf die Gläubigen von Laodizea. Sie werden durch das Leiden des heiligen Paulus getröstet. Wie kann das Leiden des Apostels ein Trost sein für die Gläubigen von Laodizea? Doch nur dadurch, dass sie auf diese Weise die Wahrheit erkennen – das göttliche Geheimnis, wie Paulus es sagt. Für sie wird die mutige und entschiedene Haltung des Apostels, und sein damit verbundenes Leiden, eine Hilfe, ein Trost. Es ist für Menschen, welche die Wahrheit suchen und die Wahrheit erkannt haben, eine Quelle der Not, wenn ihre Vorgesetzten, wenn sich die von Gott berufenen Verkünder des Glaubens von der Wahrheit zurückziehen und nicht zu dem stehen, was der Inhalt des Glaubens ist, wenn sie Kompromisse schließen und von dem abrücken, was sie im Auftrag Gottes verkünden sollen; es ist dagegen ein Trost für sie, wenn sie sehen, wie jene sich dem schweren Kampf stellen, die in der Nachfolge Christi den Glauben in seiner Unversehrtheit verkünden sollen. So kann das Leiden des Apostels denn auch derart werden, dass es ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlt, nämlich durch das persönliche, beharrliche und aus Liebe zum Herrn abgelegte Zeugnis des Glaubens.

Gehen wir nun zum Anfang der heutigen Lesung. Erst jetzt können wir diesen Anfang verstehen. Paulus beginnt seine Ausführungen mit den Worten: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage …“ (Kol 1,24). Das Leiden ist für den Apostel eine Freude, nicht weil er masochistisch veranlagt wäre, sondern weil er eben erkannt hat, was sein Leiden bei den Gläubigen bewirkt: Die Erkenntnis des Geheimnisses Christi. Das ist nichts anderes als der Weg der Erlösung und des Heils. Darüber freut sich der Apostel. Darüber müsste sich jeder von uns freuen können, weil auch wir das sind, was Paulus von sich sagt, nämlich Diener der Kirche: „Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat“ (Kol 1,25). Mögen die Menschen uns eben als solche Diener erkennen und durch unser Vorbild gestärkt, ermutigt, oder eben, wie es der Apostel sagt, getröstet werden. Und möge dieser Trost auch unser Trost sein und uns Ermutigung schenken. Amen.