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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Priesterweihe vom 5. Dezember 2015 in der Kathedrale in Chur

Liebe Weihekandidaten Oscar und Stephan,
unsere lateinische Tradition und die Theologie dieser Tradition sprechen beim sechsten Sakrament, beim Sakrament der Weihe, vom ordo und von der ordinatio. Von diesem lateinischen Begriff leiten wir das deutsche Wort Ordnung ab. Die Priesterweihe weist in eine Ordnung ein. Ihr werdet in die Reihe der Jünger Jesu eingeordnet. Das heutige Evangelium (Lk 10,1-9) spricht von den Jüngern und ihrer Sendung. Ihr werdet unter diese Jünger aufgenommen.
Nun, mit dem ordo, mit der ordinatio, wird Euch ein Amt, eine Aufgabe übergeben. Durch die Auflegung der Hände und das begleitende Gebet beruft Euch der Bischof in ein kirchliches Amt, heute in das Amt des Presbyters. Der Presbyter ist der Älteste. Ihr werdet mit dem Amt des Ältesten betraut.
Der Älteste ist der Mann der Erfahrung, der Reife; der Mann, der in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen und vorzustehen. Mit dem Amt des Ältesten sind drei Aufgaben verbunden: die Aufgabe zu lehren, die Aufgabe zu heiligen, und die Aufgabe zu leiten. Das bedeutet, als Älteste sollt Ihr die Menschen den katholischen Glauben lehren, sie mit den Gaben des Glaubens heiligen und sie auf dem Weg des Glaubens begleiten. Das Ziel dieses Auftrages ist das ewige Leben. Euch obliegt die Sorge für das ewige Leben, für das Heil der Menschen. Nach erfüllter Aufgabe sollt Ihr mit Jesus Gott gegenüber sagen können: „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast“ (Joh 18,9). Ihr seht: Die Aufgabe des Presbyters ist eine verantwortungsvolle Aufgabe.
Diese Aufgabe werdet Ihr im Geistes des Dienstes, als diakonoi, erfüllen, als Diener des Herrn; nicht als Herren in eigener Sache, sondern mit Blick auf den Herrn und mit Blick auf jene, die dem Herrn gehören und für die Ihr Rechenschaft abzulegen habt. Deshalb lässt die Kirche dem ordo des Presbyters oder des Priesters, den ordo des Diakons vorausgehen. Presbyter oder Priester sein und als Presbyter oder als Priester wirken, kann man nur als Diakon, als Diener des Herrn, im Geiste Jesu, der gesagt hat: „Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Wir haben eben die Berufung des Propheten Jeremias zur Kenntnis genommen: „Dann streckte der Herr seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund“ (Jer 1,9). Auch heute legt der Herr seine Worte in Euren Mund. Ihr sollt die Worte des Herrn verkünden, die Lehre verbreiten, die vom Herrn kommt. Ihr seid Diener seines Wortes, seiner Weisung, seiner Kunde, Diener der Heiligen Schrift. Denn sie ist Gottes Wort. Ähnlich sagte es der Apostel Petrus im allgemeinen, also für alle Gläubigen. Heute werdet Ihr diese Worte auf Euch anwenden: „Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt; wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht. So wird in allem Gott verherrlicht durch Jesus Christus. Sein ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit“ (1 Petr 4,11). Auf diese Weise steht Ihr als Presbyter ganz im Dienst Gottes, im Dienst des Herrn.
In der deutschen Sprache reden wir beim sechsten Sakrament von der Weihe, von der Diakonenweihe, von der Priesterweihe, von der Bischofsweihe. Nun, das Wort Weihe ist eine glückliche Ergänzung zum Wort ordo. Mit dem Wort Weihe – consecratio – meinen und bezeichnen wir die Übergabe an Gott. Durch die ordinatio, durch die Priesterweihe, werdet Ihr Gott übergeben und gleichzeitig von Gottes Gnade erfüllt. Beachten wir dabei wiederum die Worte aus dem Buch des Propheten Jeremias: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt“ (Jer 1,5). „Ausersehen“, „geheiligt“, „bestimmt“, das sind die entscheidenden Vorgänge. Dabei hat der Ausdruck der Heiligung seine eigene Bedeutung. Er meint die Aussonderung. Ihr werdet von Gott beiseite genommen, ganz von Gott beansprucht, in vollem Umfang für seinen Auftrag ausgerüstet. Vergessen wir aber nicht, dass der Ausdruck „heiligen“ von „heilig“ kommt, und dass er für Gottes Heiligkeit selber steht. In einer Vision des Propheten Isaias preisen die Serafim Gott als den Heiligen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“ (Is 6,1). Wer von Gott geheiligt wird, der wird hineingenommen in die Heiligkeit Gottes. Er wird im Falle der Priesterweihe nicht nur mit einer so genannten Amtsgnade ausgestattet. Er wird persönlich geläutert und vom Gut-Sein Gottes erfüllt. Er wird ein Heiliger, und er wird dies bei der Weihe im Hinblick auf seinen Auftrag. Schon durch das Sakrament der Taufe ist er ein Heiliger. Im Hinblick auf sein Amt wird diese Heiligkeit gleichsam verstärkt. Das hat Folgen: Wir erinnern uns an das Wort des Herrn: „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen“ (Lk 12,48). Mit der Weihegnade wird Euch viel Heiligkeit geschenkt. Daher erwartet der Herr von Euch ein heiliges Leben, ein vorbildliches Leben für die Euch anvertrauten Menschen. So wird die Gabe der Heiligkeit eine Herausforderung für Euch selber, nämlich bezüglich der Selbstheiligung. Heiligt euch tagtäglich, wie der Herr sich für uns geheiligt hat, für seine Jünger ganz besonders: „Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“ (Joh 17,19). Führt also ein heiliges Leben. Das ist die Grundlage für jedes pastorale Wirken. Dabei wird Euch vor allem das Gebet und die tägliche heilige Messe helfen, und der Herr, der sich für die Jünger, und so auch für Euch, in besonderer Weise geheiligt hat, wird Euch begleiten.
Im Hinblick auf das Heilige Jahr hat Papst Franziskus das Sakrament der Heiligung – der Wieder-Heiligung, wenn wir von der heiligen Taufe ausgehen – in den Mittelpunkt gerückt: „Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wird mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen“ (Misericordiae Vultus 17). Heiligt euch selber durch dieses Sakrament, indem Ihr es regelmäßig empfangt: „Ich werde nicht müde zu wiederholen, dass die Beichtväter ein wahres Zeichen der göttlichen Barmherzigkeit sein sollen. Beichtvater ist man nicht einfach so. Man wird es, und zwar besonders dadurch, dass wir zunächst für uns selbst bußfertig Vergebung suchen“ (MV 17).
Anderseits bitte ich Euch: Führt die Menschen in korrekter Weise zu diesem Sakrament. Täuscht ihnen nichts vor. Benennt klar die Elemente für den Empfang des Sakramentes der Busse: das persönliche, reuevolle Schuldbekenntnis vor dem Priester, der Vorsatz der Abwendung von der Sünde sowie der Wiedergutmachung und die Lossprechung durch den Priester. „Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, um Sünden zu vergeben. Dafür sind wir verantwortlich. Wir sind nicht Herren dieses Sakramentes, sondern treue Verwalter der Vergebung Gottes“ (MV 17), sagt der Heilige Vater.
Damit kehren wir zum Evangelium zurück und fassen wir mit dessen Worten Eure Sendung zusammen: „Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist Euch nahe“ (Lk 10,8-9). – Amen.