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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Gottesdienstes mit den ehemaligen Schweizergardisten der Sektion Zürich am Sonntag, 22. März 2015 in Horgen

Brüder und Schwestern im Herrn,
der Prophet Jeremias spricht vom Bund, vom Alten Bund und vom Neuen Bund. Wenn Ihr als ehemalige Gardisten das Wort Bund hört, dann wird Euch dies bewegen müssen. Denn es lässt gleich an Treue und Zuverlässigkeit denken. Ein Bundesschluss hat nur dann einen Wert, wenn ich auf den Bundespartner setzen kann, wenn ich mit ihm rechnen kann, wenn seine Treue und Zuverlässigkeit feststeht. Ihr könnt das leichter nachvollziehen, war doch Euer Einsatz im Dienste des Papstes vor zehn, zwanzig und mehr Jahren mit einem Eid verbunden, das heißt, mit der Zusage von Treue und Zuverlässigkeit.
Immer noch ist mir der Fahneneid in Erinnerung, den ich vergangenen 6. Mai mehrfach zu hören bekam: „Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst … und seinen rechtmäßig Nachfolgern, und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, für ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben. – Ich übernehme dieselben Verpflichtungen gegenüber dem Kollegium der Kardinäle während der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhles. – Ich verspreche überdies dem Herrn Kommandanten und meinen übrigen Vorgesetzten Achtung, Treue und Gehorsam. Ich schwöre es, so wahr mir Gott und unsere heiligen Patrone helfen“.
Wenn Ihr anderseits als ehemalige Gardisten die Klage Gottes hört: „Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter bin“ (Jer 31,32), dann wird diese Feststellung Entsetzen auslösen. Einen Bund darf man nicht brechen. Das ist wohl die spontane und auch richtige Reaktion.
Einen Bund darf man nicht brechen. Diese Aussage wollen wir heute Gott gegenüber bedenken, seinem Sohn gegenüber. Denn bedeutender als jeder mit einem Menschen geschlossene Bund ist unser Bund mit Gott, unser Bund mit dem Herrn, ist der Bund unseres Glaubens.
Nun, Gott stehen wir nicht auf Augenhöhe gegenüber, sondern immer als seine Geschöpfe. Das vergisst man allzu leicht. Der Prophet Jeremias spricht von Gott als dem Gebieter. Gott ist der Gebieter des Menschen. Von ihm haben wir das Leben empfangen. Er hat seine Ordnung in die Schöpfung hineingelegt, auch ins Herz des Menschen. Auf Grund dieser Ordnung kann der Mensch den rechten Weg gehen und auf diesem Weg nach diesem Leben zu ihm, seinem Vater, gelangen. „Den Menschen hast du durch deine Weisheit erschaffen, damit er über deine Geschöpfe herrscht. Er soll die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten und Gericht halten in rechter Gesinnung“, lehrt uns das Buch der Weisheit (9,2-3). Wir sollten diese Worte immer wieder bedenken, vor allem bevor wir etwas unternehmen: Der Mensch „soll die Welt in Heilig-keit und Gerechtigkeit leiten und Gericht halten in rechter Ge-sinnung“. Das ist grundlegend für unser Leben und unsere Entscheidungen. Diese Worte wäre vor allem in unseren Parlamenten in großen Lettern an die Wand zu schreiben: Der Mensch „soll die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten und Gericht halten in rechter Gesinnung“.
Der Prophet Jeremias spricht nicht nur von einem Bund, er spricht auch von einem Neuen Bund: „Seht, es werden Tage kommen …, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde“. Der Grund für diesen Neuen Bund ist – wie wir bereits feststellen konnten – der Bundesbruch. Das Volk hat den Bund Gottes gebrochen: „Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter bin“ (Jer 31,32). Diese Aussage umschreibt nicht nur die tragische Situation des Volkes Gottes Israel, sondern des Menschen ganz allgemein. Der Mensch lebt in einer Situation des Bundesbruches. Das zeigt sich auch in unseren Tagen, das zeigt sich ganz besonders auch in der Politik, in den Diskussionen über Leben und Lebensrecht, wie sie in unseren Parlamenten geführt werden, sei es in unserem kleinen Land, sei es auf der Ebene des europäischen Parlaments, sei es auf anderen Regierungsebenen. Wir sind weit weg davon, dass der Mensch, wie es das Buch der Weisheit umschreibt, die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leitet, und wir spüren die Notwendigkeit, dass Gott uns in seinen Neuen Bund aufnimmt. Denn gestiftet ist dieser Bund. Die Frage ist, ob der Menschen sich ihm zuwendet.
Was der Neue Bund ist, sagt Jesus heute im Evangelium mit den Worten: „Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhört bin, werde alle zu mir ziehen“ (Joh 12,31-32). Der Neue Bund ist gegenwärtig im gekreuzigten Herrn und wirkt sich als Gericht aus über den Herrscher dieser Welt. So stehen wir immer in der Entscheidung drin, Entscheidung für den Herrscher dieser Welt oder Entscheidung für jenen, den die Stimme vom Himmel, die Stimme des Vaters, bestätigt hat: Entscheidung für Jesus Christus. Auch in dieser Feier dürfen wir wiederum die Stimme vom Himmel vernehmen, diese Stimme, die uns gilt, wie der Herr uns selber sagt. Es ist die Stimme des Vaters, die uns im Glauben bestärkt, uns den Weg zum Sohn ebnet und uns den Sohn offenbart, damit wir ihm anhangen, damit wir ihm das Wort unserer Treue und unserer Zuverlässigkeit schenken. Das werden wir mit umso größerer Hingabe tun, als wir seine Verheißung haben: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12,26). Amen.