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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Pastoralbesuches in Zürich-Leimbach am 1. März 2015

Brüder und Schwestern im Herrn,
der Zweite Fastensonntag zeichnet sich durch das Evangelium der Verklärung des Herrn aus. Jesus erscheint vor den Augen der drei auserwählten Jünger Petrus, Jakobus und Johannes in seiner göttlichen Herrlichkeit. Er offenbart auf diese Weise seine Gottheit, insbesondere seine Gottessohnschaft. Er ist der vielgeliebte Sohn des himmlischen Vaters (Mk 9,7). Der himmlische Vater bekundet und bestätigt ihn als diesen vielgeliebten Sohn, auf den wir hören sollen.
Noch ein weiteres. Jesus offenbart mit der Verklärung auch seine Zukunft, nämlich seine Auferstehungsherrlichkeit, das heißt, die Verherrlichung seiner menschlichen Natur. Jesus wird als Mensch erfahren, als schwacher, dem Leiden und der Not ausgelieferter Mensch. Sein göttliches Sein tritt dadurch in den Hintergrund. Die Verklärung lässt nun sein Menschsein, seine menschliche Gestalt im göttlichen Licht erscheinen, in jenem Licht, das ihn, das seinen irdischen Leib am Tag der Auferstehung umstrahlen wird.
Was für eine Absicht verbindet der Herrn wohl mit der Verklärung? Die Absicht geht aus der Rede des Herrn mit Elia und Mose hervor. Es heißt ja im Text: „Da erschien vor ihren Augen Elia und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus“ (Mk 9,4). Beim Evangelisten Markus vernehmen wir nichts über den Inhalt dieser Rede. Hingegen berichtet uns der Evangelist Lukas das Folgende: „Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elia; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte“ (Lk 9,31). Mit der Verklärung will Jesus wohl seinen Jüngern Trost spenden. Er hat mit ihnen schon über seinen Tod gesprochen, über sein Leiden, über sein Sterben. Die Verklärung weist über diese schmerzlichen Ereignisse hinaus und offenbart, was danach geschieht. Das stärkt die Jünger. Vor allem werden sie sich später daran erinnern, so dass sie tiefer ins Verständnis der Person Jesu und seines Wirkens hineinwachsen, zu einem reifen, vollendeten Glauben gelangen und einen reifen, vollendeten Glauben weitergeben können. Das erweist sich vor allem bei Petrus, der in seinem Brief ausdrück-lich auf die Verklärung zu sprechen kommt (2 Petr 1,12-21).
Nun, dieser reife, vollendete Glaube der Jünger steht in einer Entwicklung und Entfaltung drin, welche mit dem Vater des Glaubens beginnt, mit Abraham. Damit sind wir bei jener Person, welche uns mit dem jüdischen Volk bis heute in besonderer Weise verbindet, so dass wir mit Paulus sagen können, sie seien unsere Brüder (vgl. Röm 9,3). Das bedeutet, dass wir sie auch als unsere Brüder behandeln sollen. Dies ist denn auch der Sinn des heutigen Dies judaicas, an dem wir in besonderer Weise für das jüdische Volk beten.
Der Glaube Abrahams wird in einer verwirrenden Art und Weise auf die Probe gestellt (Gen 22,1-18): Er soll Gott seinen Sohn opfern. Abraham weiß, dass sein Gott das Menschenopfer verbietet, sein Gott, der sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nennen wird, und der sich im heutigen Evangelium als der Vater unseres Herrn Jesus Christus offenbart hat. So lesen wir beispielsweise beim Propheten Jeremia: „Sie errichteten die Kulthöhen … , um ihre Söhne und Töchter … durchs Feuer gehen zu lassen. Das habe ich ihnen nie befohlen und niemals ist mir in den Sinn gekommen, solche Greuel zu verlangen und Juda in Sünde zu stürzen“ (Jer 32,35). Das heißt, Gott will keine Menschenopfer; die „Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lassen“ bedeutet, sie zu opfern. Es gäbe noch weitere Schriftstellen, welche dasselbe bezeugen. Nun verlangt Gott aber von Abraham eine solches Opfer. Abraham muss den Eindruck haben, Gott widerspreche sich selber. Doch geht er auf den Befehl Gottes ein. Sein Glaube an Gott und seine Erfahrung mit Gott ist derart, dass er sich nicht vorstellen kann, dass Gott von ihm ein Unrecht verlangt. Er geht unbeirrt den Weg des Glaubens, besteht die Prüfung und wird für uns zum Vater des Glaubens, zu jenem Vorbild des Glaubens, das bis heute Juden und Christen einigt und uns auch verpflichtet, in gegenseitiger Achtung aufeinander zuzugehen und für die endgültige Einheit der „beiden Teile“ (Eph 1,14) zu beten.
Abraham geht willig den Weg, den Gott von ihm verlangt, obwohl er den Eindruck haben muss, dass Gott sich selber widerspreche. Diese Erkenntnis ist für unser Leben von höchster Bedeutung. Haben wir doch oft auch den Eindruck, Gott widerspreche sich selber, Gott lasse Ereignisse und Geschehnisse über uns kommen, die seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit, seiner Wahrheit entgegenstehen. Erst am Ende, wenn wir, Gott ergeben, durch alle Schwierigkeiten hindurch gegangen sind, müssen wir erkennen: Nein, Gott bleibt sich treu. Gott verlangt nichts, was gegen die Wahrheit, gegen seine Offenbarung, ist. Er will ja nur unser Heil. Am Ende müssen wir erkennen: Die Prüfung, die wir durchgestanden haben, hat uns gestärkt. Wir sind im Glauben ein bedeutendes Stück weiter vorangeschritten. Wir sind reifer geworden. Wir sind Gott näher gekommen. Deshalb wollen wir unseren Lebensweg immer geduldig und mit der großen Besonnenheit Abrahams gehen, um einst ins Licht der Verklärung zu gelangen. Amen.