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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Pontifikalamtes am Weihnachtstag 25. Dezember 2014 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn,
der Heilige, der Heilige Gottes, das Lamm Gottes, der Erlöser, der Sohn Davids, der Messias, der Christus, der Menschensohn, der Sohn Gottes! Das sind alles Bezeichnungen für Jesus. Jeder Ausdruck hat seine eigene Bedeutung. So wird Jesus zum Beispiel Sohn Davids genannt, weil sich in ihm, in seinem Kommen, die Verheißung Gottes an David erfüllt hat, welche lautet: „Der Herr hat David geschworen, einen Eid, den er niemals brechen wird: ‘Einen Spross aus deinem Geschlecht will ich setzen auf deinen Thron’“(Ps 132,11). Jesus wurde von vielen Menschen als Spross aus dem Geschlecht von König David verehrt und deshalb auch Sohn Davids genannt.
Heute hat uns der Evangelist Johannes eine weitere Bezeichnung für Jesus vorgelegt, die Bezeichnung Wort. Jesus ist das Wort, griechisch der Logos. So beginnt Johannes sein Evangelium mit dem Satz „im Anfang war das Wort“ und macht uns auf diese Weise darauf aufmerksam, dass Jesus, wohl heute als Mensch geboren wurde, von Anfang an aber, von jeher ist, existiert, lebt. Johannes sagt uns, dass Jesus von Anfang an als das Wort existiert, das heißt, als die sinngebende Kraft und Macht Gottes. Er ist es, der jeglicher Existenz Sinn gibt. Er ist es, der der ganzen Schöpfung Sinn gibt. Deshalb kann Johannes feststellen: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,3). Das heißt: Alles Leben geht von ihm aus, und alles Leben empfängt von ihm Sinn und Berechtigung zum Dasein. Deshalb ist die Feststellung des Johannes, welche einige Zeilen später folgt, von großer Tragik: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Die Welt lehnt jenen ab, der ihr Sinn gibt und immer wieder Sinn geben kann. Die Menschen lehnen jenen ab, der ihnen zum wahren Sein verhilft. Das ist der Grund, weshalb so viel Sinnloses in der Welt geschieht, ja Verbrecherisches und Zerstörerisches.
Unter dem Datum des 12. Dezembers 2014 hat der Provinzial der Kapuzinergemeinschaft von Somalia vielen Bischöfen der Welt ein Bittschreiben um Hilfe zugestellt. Darin berichtet er über die islamische Miliz Al-Shabaab wie folgt: „Gewaltanwendung gegen Christen geht in Somalia weiter … Al-Shabaab ermorden nun Christen, die sich weigern, Muslime zu werden … Die Situation ist schlimmer geworden. Die Christen werden von Al-Shabaab geschlagen, gefoltert, und getötet, wenn sie sich weigern, dem Glauben abzuschwören und sich zum Islam zu bekehren … viele verlassen daher Heim und Hof und leben in unseren kirchlichen Häusern … Wir sind in einer verzweifelten Lage und benötigen Nahrungsmittel und Stätten, um jenen Zuflucht zu gewähren, welche aus den umkämpften Gebieten kommen“.
Meine Lieben, wir könnten diesem Hilferuf weitere beifügen, welche die Not der Christen in vielen Gegenden der Welt, vor allem auch im Nahen Osten, beschreiben. Letzten Endes geht diese Not aus der Tatsache hervor, dass Jener nicht erkannt und anerkannt wird, welcher der Welt und jedem Menschenleben Sinn und Berechtigung zum Dasein gibt. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). An vielen Christen wird wahr, was von Anfang an mit Ihm geschehen ist. Wir dürfen am Geburtfest des Herrn nicht an dieser Tatsache vorbeigehen. Da sind ganz besonders jene gefordert, welche im öffentlichen Leben wirken, unsere Frauen und Männer der Politik. Wir wollen fest an jene denken, die um des Namens Christi willen heute, nicht weit von uns entfernt, Not, Verfolgung und jegliche Gewaltanwendung erleiden, und wir wollen diesen Tag zum Anlass nehmen, uns nicht nur durch das Gebet mit ihnen zu verbinden, sondern auch im öffentlichen Leben alles daran zu setzen, dass solche Verbrechen und Gräueltaten nicht mehr vorkommen, damit auch für all jene Weihnacht werde – Tag des Friedens – die heute so schrecklich für das Wort leiden, für Jenen leiden, der allein uns und die ganze Menschheit zum Sinnziel des Lebens führen kann. Amen.