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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Priestertages vom 11. September 2017 in Chur

Liebe Mitbrüder,

greifen wir zurück auf das Wort des Apostels Paulus im heutigen Abschnitt des Briefes an die Kolosser: „Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat, damit ich euch das Wort Gottes in seiner Fülle verkündige, jenes Geheimnis, das seit ewigen Zeiten und Generationen verborgen war“ (Kol 1,25). Der heilige Paulus spricht hier vom Amt, vom Amt, das Gott ihm übertragen hat. Sein Wirken ist nicht eine eigene Erfindung. Es ist mit einem Auftrag Gottes verbunden. Es ist ein Amt, ein Dienst. Paulus ist von Gott in Dienst genommen. Er ist für die Kirche Diener des Wortes Gottes. Im griechischen Urtext ist die Rede vom διάκονος, in der alten lateinischen Übersetzung vom minister. Paulus ist  διάκονος des Wortes Gottes; minister des Wortes Gottes.

        Dieses Amt, dieser Dienst bringt einen Kampf mit sich. Der Auftrag Gottes führt zu Auseinandersetzungen. Er ist infolge mit einem großen Einsatz verbunden. Es ergeben sich Auseinandersetzung mit den Gegnern der göttlichen Botschaft: „Ihr sollt wissen, was für einen schweren Kampf ich für euch und für die Gläubigen von Laodizéa zu bestehen habe, auch für alle anderen, die mich persönlich nie gesehen haben“ (Kol 2,1). Doch der Apostel weiß sich bei diesem Kampf von der Gnade Gottes getragen und gestärkt: „Dafür kämpfe ich unter vielen Mühen; denn seine (des Herrn) Kraft (κατὰ τὴν ἐνέργειαν) wirkt mit großer Macht (ἐν δυνάμει) in mir“ (Kol 1,29).

        Was uns an den Worten des Völkerapostels besonders beeindruckt ist die Gewissheit, dass sein Kampf, dass sein Leiden ins Leiden Christi, in die Bedrängnisse Christi aufgenommen wird; die Gewissheit, dass in seiner Person die Leiden Christi zur Vollendung kommen: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24). Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Das Leiden des Apostels ergänzt das Leiden Christi. Es ist so, als hätte Christus bei seinem Leiden etwas für jene ausgespart, welche in seinem Namen reden und wirken. Sie nehmen Anteil am Leiden Christi. Sie werden ins Leiden Christi hineingenommen, so dass sie bis hin zum Leiden in persona Christi capitis wirken. Sie sind nicht nur Wortführer des Herrn. Sie sind Leidensgenossen des Herrn. Dies unterstreicht die Bedeutung ihres Amtes, welches ihnen der Herr anvertraut, in das er sie berufen und für welches er sie geweiht hat. Denn die Berufung Christi ist eine Weihe, ein Vorgang der Heiligung. Christus will, dass seine Diener mit ihm leiden, um mit ihm verherrlicht zu werden (vgl. Röm 8,17). Das heißt auch, und das ist wohl das Unerhörte: Ihr Dienst hat für die Erlösung der Menschen Bedeutung. – Euer Dienst, liebe Mitbrüder, hat für die Erlösung der Menschen Bedeutung! Nehmt es daher genau mit Eurer Berufung! Seid sorgfältig bei der Ausübung Eures priesterlichen Auftrages. Seid nicht oberflächlich! Seid nicht nachlässig! Seid nicht gleichgültig!

        Unser Priestertum hat also  Heilsbedeutung für jene, die uns als Priester anvertraut sind. Diese Heilsbedeutung kommt in einzigartiger Weise bei unserem Dienst am Altar zum Ausdruck, bei der Feier des heiligen Mess­opfers. Jedes Messopfer ist das Opfer des Priesters für das Heil der Welt. Das will der Herr. In diesem Sinn ist die heilige Messe wirklich sein Opfer, des Priesters Opfer, des einzelnen Priesters Opfer. Deshalb spricht der Priester bei der Darbringung der Gaben, der Hostie und des Kelches, von seinem Opfer, nicht von unserem Opfer: Orate fratres, ut meum ac vestrum sacrificium acceptabile fiat apud Deum Patrem omnipotentem. So lautet der authentische Text des Römischen Messbuches beim Abschluss des Offertoriums. Denn es besteht ein Unterschied zwischen dem Opfer des Priesters und dem Opfer des Volkes – dem Wesen und nicht nur dem Grade nach1. Der Priester bringt das Opfer kraft seiner Weihe dar, das Volk verbindet sich kraft der Taufe geistigerweise mit dem opfernden Priester. Ich glaube, der Unterschied ist deutlich. Leider haben sich nicht alle Übersetzungen in die Muttersprache den eben zitierten Messtext korrekt übernommen. Sie sprechen nicht mehr von meinem Opfer und von eurrem Opfer. Die deutsche Über­setzung ist diesbezüglich in Ordnung: Betet Brüder und Schwes­tern, dass mein und euer Opfer Gott dem allmächtigen Vater gefalle. 

        Ein Anliegen der Überarbeitung des Ordo Missae im Anschluss an das Zweite Vatikanum war die participatio actuosa der Gläubigen. Die Gläubigen sollten dem Geschehen des heiligen Messopfers besser folgen und auf diese Weise ihr Priestertum, das allgemeine Priestertum, verwirklichen können. Dieses Anliegen hatte sich schon der heilige Papst Pius X. zu eigen gemacht und auf die bessere Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie hingewirkt. Doch ein falsches Verständnis der participatio actuosa hat zu einem Aktivismus geführt, welcher der Liturgie großen Schaden zugefügt hat. Dadurch ist auch das Verständnis für den Dienst und Auftrag des Priesters ge­schwunden. Der Unterschied zwischen dem allgemeinen und dem besonderen Priestertum wird nicht mehr wahrgenommen oder ausdrücklich geleugnet und der Priester oft wie ein Kumpel behandelt, nicht wie ein Priester, ein sacerdos, der Mittler ist zwischen Gott und den Menschen.­­­­­­­­­­­­­­

        ­Auch beim Priester selber ließ sich ein Wandel verzeichnen. Der Priester in Gefahr geraten, seine Identität zu verlieren. Die Spiritualität des Pries­ters selber hat sich gewandelt. Der Priester weiß sich nicht mehr als Mittler – als von Jesus eingesetzter Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er wurde mehr und mehr zum Macher, zu einer Art Showmaster, oder, im Bezug auf die Eucharistie, zum Tafelmajor. Er steht der Gemeinde vor und wirkt als deren Animator. Das beeinflusste auch die Art, wie er vor die Gläu­bigen tritt. Die Kirche wird darauf hin arbeiten müssen, dass der Pries­ter seine eigentliche Aufgabe als Priester wiederum entdeckt­ und sich in der Liturgie und im gesamten seelsorglichen Einsatz entsprechend verhält: „Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen“ (Hebr 5,1). In der Nachfolge Christi, als Diener Christi hat jeder Pries­ter den Auftrag, vor Gott hinzutreten und das Opfer des Kreuzes darzubringen. Das ist nach wie vor seine vor­nehmste Aufgabe. Ich bitte Euch, diesen Auftrag treu wahrzunehmen – unabhängig davon, wie viele Gläubige an der Eucharistiefeier teilnehmen. In diesem Sinn möchte ich Euch an 2 Tim 1,6 erinnern: „Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist“. Durch die Auflegung der Hände des Bischofs ist Euch vor allem die Gnade des Priestertums und des priesterlichen Wirkens, das heißt, das Opfer darzubringen, zuteilgeworden. Daran erinnert uns besonders die Salbung der Hände. Mögen sie Euch immer begleiten: „Unser Herr Jesus Chris­tus, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, behüte dich. Er stärke dich in deinem Dienst, das Volk Gottes zu heiligen und Gott das Opfer darzubringen“. Amen.

1            ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium , Nr. 10