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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Priestertages vom 14. Mai 2018 in Einsiedeln

Apg 19,1-8: Paulus in Ephesus und die Taufe des Johannes. / Joh 16,29-33: Schluss der großen Rede (Abschiedsrede 13,1 – 17,26, ist eine Unterweisung der Jünger), anschließend das Hohepriesterliche Gebet (Gebet des scheidenden Jesus, sein Weihegebet für die Jünger).

 

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst.

Sind wir Pelagianer? Die Frage des Pelagianismus beschäftigt unseren Heiligen Vater sehr. Denn er kommt darauf immer wieder zu sprechen, jüngst auch in seinem Apostolischen Schrei­ben Gaudete et exultate über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Er widmet dem Thema die stattliche Anzahl von 16 Nummern (47-62).
            Das Thema ist umso ernsthafter, als der Pelagianismus zu den subtilen Feinden der Heiligkeit zählt. Das geht aus dem Titel hervor, unter welchem er im Schreiben besprochen wird (vor ­35). Da die Heiligkeit nicht ein Beiwerk des christ­lichen Lebens ist, sondern dessen Ziel, ist die Antwort darauf umso dringender. Die Heiligkeit ist eben kein Wahl­fach. Sie macht das christliche Leben, das Leben des Getauften aus. Durch die Taufe werden wir geheiligt und zur Heiligkeit berufen (vgl. 1 Kor 6,11; Eph 5,26). Deshalb soll unser ganzes Leben heilig sein (vgl. Röm 6,19; 1 Thess 4,7; 1 Petr 1,15; 2 Petr 3,11­). Es soll ein ständiges Streben nach Heiligkeit sein (Offb 22,11­). Es geht außerdem jeden Menschen an. Heiligkeit ist kein Titel für christ­liche Noblesse. Heiligkeit ist keine Erhebung in den Adels­stand, der sich von einem Proletariat abhebt und eine Zweiklassengesellschaft begründet. Der Mens­ch ist durch die heilige Taufe heilig und damit eingeweiht und aufgenommen in die Gemeinschaft der Heiligen. Da gibt es keinen Standesunter­schied. Es gibt, wie es Paulus sagt, „nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Gal 3,28). Denn alle sind eins in Christus Jesus (vgl. auch Kol 3,11). Alle sind daher auch berufen, ein heiliges Leben zu führen und nach Heiligkeit zu streben.  
            Es ist nicht immer einfach, zu erfahren, was der heilige Vater mit Pelagianismus oder dessen Wurzel, dem Gnostizismus, meint (47). Zu einer Definition gehört wohl die folgende Feststellung: Pelagianismus ist das Bekenntnis zur  Macht der persönlichen Anstrengung, zur Mach­t, welche dem Willen des Menschen entspringt (vgl. 48). Eine genaue Erklärung dieser Definition tut aber not. Wie ist sie zu verstehen?
            Wir ringen um dieses rechte Verständnis schon des­halb, weil der heilige Paulus uns ermahnt: „Wir­kt mit Furc­ht und Zittern euer Heil“ (Phil 2,12). Oder bekannt ist auch sein anderes Wort: „Wis­st ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt!“ (1 Kor 9,24, vgl. auch Phil 3,14­). Die persönliche Anstrengung ist durchaus gefragt. Der Wille zur Heiligkeit ist durchaus notwendig, ja, vom Völkerapostel geboten. Wir geraten somit in feine Einzelheiten, welche es uns nicht leicht machen, eine Unterscheidung vorzunehmen, eine Unterscheidung zwischen Pelagianismus und echter Frömmigkeit.
            Selbst der Begriff der Gnade gerät, wie Gaudete et exultate zu entnehmen ist, durch sogenannte süßliche Reden  der „Pelagianer“ ins Zwie­licht (vgl. 49). Wo beginnt Pelagianismus, wo hört er auf? Schwie­rig wird es auch, wenn das Dokument davon sprich­t, Pelagianer würden sich „hinter der Recht­gläubigkeit“ verstecken (50). Dies bedarf umso mehr der Klärung­, als nach der sogenannten Recht­gläubigkeit aus theologischer Sicht eben die Gnade Gottes für unser Tun und Lassen maßgeblich ist. Anders hat die Kirche nie gelehrt. Denn die Gnade kommt uns zuvor, begleitet uns und folgt uns (vgl. das Gebet, welches bei der Danksagung nach der heiligen Messe empfohlen wird­: Actiones nostras, quaesumus, Domine, aspirando praeveni et adjuvando prosequere, ut cunc­ta nostra oratio et operatio a te semper incipiat, et per te coepta finiatur).
            Es ist aus der Sicht der Lehre der Kirche nicht so, dass die Anstrengung des Menschen, um zur Heiligkeit zu gelangen, nicht gefragt wäre, dass der Wille dazu nicht notwendig wäre. Es ist vielmehr so, dass alles, was wir tun und lassen, unsere Anstrengung und unser Wille, vom Glauben an den Herrn und von der Liebe zum Herrn geformt werden und aus der Nach­folge Jesu ihre Kraft und Festigkeit gewinnen müssen. Das Mitwirken mit der Gnade bezieht seine Kraft und Stärke aus dem Glauben an den Herrn und aus der Liebe zum Herrn. Das ist das Entscheidende. Daran lässt sich erkennen, ob jemand pelagianisch denkt und handelt, oder eben nich­t. Des­halb stellt der Herr vor seinem Abschied dem Petrus die Frage­­: „Lieb­st du mich“. Und Petrus antwortet vertrauensvoll: „Du weißt, dass ich dich liebe“ (vgl. Joh 21,15-17).
            Denken wir anderseits ans Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner und an dessen Schlussfolgerung: „Dieser ging gerechtfertigt nach Haus zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14). So lässt sich echte Frömmigkeit von einer pelagianischen Haltung unterscheiden, so dass wir schließlich den folgenden schwierigen Te­xt deuten können, wo der Heilige Vater sagt: „Dennoch gibt es Christen, die einen anderen Weg gehen wollen: jenen der Rechtfertigung durch die eigenen Kräfte, jenen der Anbetung des menschlichen Willens und der eigenen Fähigkeit; das übersetzt sich in eine egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit, ohne wahre Liebe. Dies tritt in vielen scheinbar unterschiedlichen Haltungen zutage: dem Gesetzeswahn, der Faszination daran, gesellschaftlich und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche, der mit der Organisation praktischer Angelegenheiten verbunden Prahlerei, oder der Neigung zu Dynamiken von Selbsthilfe und ich-bezogener Selbstverwirklichung. Hierfür verschwenden einige Christen ihre Kräfte und ihre Zeit, anstatt sich vom Geist auf den Weg der Liebe führen zu lassen, sich für die Weitergabe der Schönheit und der Freude des Evangeliums zu begeistern und die Verlorengegangenen in diesen unermesslichen Massen, die nach Christus dürsten, suchen“ (57). Auch für das Verständnis dieses Textes muss eine kluge und feine Unterscheidung vorgenommen werden. Der Heilige Vater macht es uns nicht leicht. Aber ich glaube, das eben kann uns zum Überlegen anregen, vor allem aber zu dem, was Papst Franziskus immer wieder wünscht, zu Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung (vgl. 158-177). Denn Gesetzestreue, Wertschätzung von gesellschaftlichen und politischen Errungenschaften und die Sorge für die authentische Liturgie, für die wahre Lehre und das Ansehen der Kirche können auch Ausdruck des Glaubens und der Liebe zum Herrn sein. Die Absicht ist entscheidend (83-86). Deshalb betone ich: Der Glauben an den Herrn, die Liebe zum Herrn ist entscheidend. In diesem Sinn sagt der heilige Paulus gegenüber Sklaven: „Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen; ihr wisst, dass ihr vom Herrn das Erbe als Lohn empfangen werdet. Dient Christus, dem Herrn“ (Kol 3,23-24). Das ist der sichere Weg zur Heiligkeit. Amen.

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