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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Treffens mit den Priestern der letzten fünf Weihejahrgänge, Montag, 29. Februar 2016

Meine lieben Mitbrüder,
mit der Priesterweihe hat Euch der Bischof gesandt. In der Terminologie des heiligen Paulus seid Ihr „Gesandte an Christi statt“, „Gesandte für Christus“ (2 Kor 5,20). Der Bischof hat Euch im Namen des Herrn gesandt. Er hat Euch gesandt, damit Ihr den Herrn in Euren Gemeinden gegenwärtig haltet. Er hat Euch gesandt, damit Ihr an Christi statt dort wirkt; damit Ihr dort so wirkt, wie Christus selber wirken würde. Das ist der Inhalt der Gesandtschaft an Christi statt.
    Die Sendung durch den Bischof ist die Sendung durch den Herrn selber. Im sendenden Bischof ist der Herr gegenwärtig. Im sendenden Bischof sendet Christus selber. Denn auch auf die Priesterweihe ist der Grundsatz anzuwenden, welcher für die Spendung der Sakramente gilt: Der primäre Spender der Sakramente ist der Gottmensch Jesus Christus.
    Weil Christus im sendenden Bischof gegenwärtig ist, ist auch der Bezug zum Bischof für den Priester von Bedeutung. Er bringt die Bindung an den sendenden Herrn zum Ausdruck. Er entlastet anderseits den Priester vom Vorwurf des Eigendünkels. Mit dem heutigen Treffen wollen wir uns dies in Erinnerung rufen. Wir können als Priester nicht eigenmächtig handeln. Wir müssen uns immer wieder der Sendung durch den Bischof bewusst werden und zu dieser Sendung zurückfinden. Ansonsten können wir den Auftrag als „Gesandte an Christi statt“ nicht mehr ordentlich erfüllen. Wir wären dann nicht mehr Gesandte, sondern Herren, nicht mehr Diener, sondern Auftraggeber. Das wäre eigentlich Götzendienst. Wir wollen aber ganz bewusst – wie es der heilige Paulus schreibt – Gesandte Christi sein, und nicht Herren des Glaubens (vgl. 2 Kor 1,24). Wir wollen uns nicht als Herren des Glaubens aufspielen.
    Der Bischof hat Euch gesandt, die Botschaft zu verkünden, das priesterliche Amt auszuüben und die Menschen zu leiten. Keiner dieser drei Aufträge darf fehlen. Einer geht aus dem andern hervor. Das Ganze gehört zum Inhalt des Weihesakraments, genauer, des Sakraments der Priesterweihe, welches sich eben eigens im Priestertum – im priesterlichen Amt – von der Diakonenweihe unterscheidet. Ich bitte Euch, immer wieder diese drei Aufträge vor Augen zu halten und Euren Dienst aufgrund dieser Aufträge zu überprüfen, vor allem aufgrund des  Priestertums des Dienstes, damit Ihr, wiederum auf den Apostel Paulus hörend, nicht vergeblich lauft.
    Der heilige Paulus ist für uns das große Vorbild. Trotz der einzigartigen Gnade, welche ihm durch Offenbarung des Heilsgeheimnis Christi zuteil wurde, hat er sich an der Lehre der Kirche orientiert, am apostolischen Amt der Kirche, an der apostolischen Weitergabe des Glaubens. Er hat seine Lehre mit jener der Kirche verglichen, mit der traditio apostolica: „Vierzehn Jahre später ging ich wieder nach Jerusalem hinauf, zusammen mit Barnabas; ich nahm auch Titus mit. Ich ging hinauf aufgrund einer Offenbarung, legte ihnen und im besonderen den ‘Angesehenen’ das Evangelium vor, das ich unter den Heiden verkündige; ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin“ (Gal 2,2). Er legte „ihnen“ seine Lehre vor. Mit „ihnen“ sind die Autoritäten der Kirche in Jerusalem gemeint. Ihre Lehre ist das Richtmaß auch für Paulus; denn sie haben den Herr gekannt und sind mit der unmittelbaren Unterweisung des Herrn vertraut. Ihre Lehre ist daher der Ausgangspunkt der traditio apostolica. Sie wird greifbar im Wort des Evangeliums, in den Schreiben der Apostel und der apostolischen Männer, im Amt, welches sie bekleiden und in ihrem Wirken (Schrift und Tradition). Deshalb nimmt der heilige Paulus nicht einfach die Heilige Schrift zur Grundlage seiner Verkündigung, auch nicht nur die Offenbarung, welche ihm durch eine besondere Gnade zuteil wurde, sondern er sucht den persönlichen Kontakt mit den Zeugen der ersten Stunde. Denn sie selber, nicht allein ihre Lehre, sind Teil der traditio apostolica.
    In Nachahmung des heiligen Paulus ist es heute die Pflicht des Bischofs, insbesondere des Bischofs von Rom, die Lehre der Gegenwart an der traditio apostolica zu messen, aus ihr zu erklären sowie zu entwickeln und darauf zu achten, dass die Diener der Kirche, die Lehrer und Künder der Botschaft, nicht vergeblich laufen oder gelaufen sind. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ergebnisse der vergangenen Bischofssynode. Auch sie muss sich nach der traditio apostolica richten. Würde das nicht geschehen, müsste die Kirche ein weiteres Mal das Leid einer Spaltung erfahren.
    Nach dem Beispiel des heiligen Paulus müsst auch Ihr, meine lieben Mitbrüder, euch immer wieder fragen, ob Ihr nicht vergeblich lauft oder gelaufen seid. Das könnt Ihr, indem Ihr Euer Wirken tagtäglich am Glauben der Kirche messt, das heißt am Glauben, den die Kirche von Anfang an bekannte und den sie von Anfang an weitergab. Deshalb gehört dessen Kenntnis zur Sorgfaltspflicht eines Priesters. Er darf sich nicht von der Tagesmeinung beherrschen lassen. Er muss die Tagesmeinung – auch der Theologen – an der traditio apostolica messen, und dies auf die Gefahr hin, dass es ihm wie Jesus ergeht: „Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen“ (Lk 4,29). Der Herr wird auch Euch helfen, mitten durch die Menge hindurch zu schreiten und weg zu gehen (vgl. Lk 4,30).
    Der heilige Athanasius gibt einen hilfreichen Hinweis bezüglich der traditio apostolica. Er sagt uns dazu die folgenden aufschlussreichen Worte – dies bereits im vierten Jahrhundert: „Was den Ostertermin betrifft, schrieben sie (gemeint die Väter einer Bischofssynode) ‘Folgendes wurde beschlossen’. Denn man beschloss damals, dass alle Folge leisten sollten. Was den Glauben betrifft, haben sie jedoch nicht geschrieben: ‘Es wurde beschlossen’, sondern: ‘So glaubt die katholische Kirche’, und sogleich bekannten sie, auf welche Weise sie glauben, um zu zeigen, dass ihr Denken nicht neuerungssüchtig, sondern apostolisch ist, und dass, was sie aufgeschrieben haben, nicht von ihnen selbst erfunden wurde, sondern die Lehre der Apostel ist“ (De synodis 5,3). Die Väter haben genau unterschieden zwischen dem, was ihnen zu beschließen zusteht, und dem, was sie ehrfürchtig und getreu der traditio apostolica schulden zu bewahren und weiterzugeben haben.  
    Jede Zeit muss den Glauben anhand der traditio apostolica überprüfen. Diese Aufgabe steht auch uns zu, ja, sie wird von uns gefordert. Dies ist umso dringender, als sich in unserer Zeit eine neue Häresie ausbreitet, die Häresie der Selektion. Selektion ist in Fragen des Glaubens das Übergehen gewisser Glaubenswahrheiten. Der Glaube wird nur in Auswahl dargebeten. Ein Beispiel ist das Wort Jesu an die Ehebrecherin: „Auch ich verurteile dich nicht“ (Joh 8,11). Tendenziös wird die folgende Aufforderung Jesu weggelassen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11). Ich meine, Ihr habt mich verstanden, und ich brauche nicht ausführlicher zu werden. So schließe ich mit der Bitte: Überprüft immer wieder Eure Gangart der Glaubensverkündigung, damit Ihr „nicht umsonst lauft oder gelaufen seid“ (vgl. Gal 2,2). – Beten wir füreinander, dass der Herr uns in seiner Gnade erhalte. Amen.

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