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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Treffens mit den Priestern der fünf letzten Weihejahrgänge am Montag, 9. März 2015

Liebe Mitbrüder,
ich freue mich, mit Euch diese heilige Messe zu feiern und einige Stunden mit Euch zusammen zu verbringen. Durch das Priestertum sind wir miteinander in ganz besonderer Weise verbunden – Ihr mit dem Bischof, der Bischof mit Euch: „Mit besonderer Liebe seien sie (die Bischöfe) jederzeit den Priestern zugetan, die ja für ihren Teil die Aufgaben und Sorgen der Bischöfe übernehmen und in täglicher Mühewaltung so eifrig verwirklichen. Sie sollen sie als Söhne und Freunde betrachten“. Mit diesen Worten drückt sich das Dekret Christus Dominus über den Hirtendienst der Bischöfe des Zweiten Vatikanums zum Verhältnis Bischöfe – Priester aus (16). Das gilt natürlich jederzeit, kommt heute aber bei unserer Begegnung eigens zum Tragen.
Die Priester übernehmen „für ihren Teil die Aufgaben und Sorgen der Bischöfe“, sagt uns das Dokument. Dafür möchte ich Euch herzlich danken. Dadurch wird auch klar, dass die Priester die Stärke der Bischöfe sind. Nur mit den Priestern zusammen vermag der Bischof die Ortskirche aufzubauen. Diese Tatsache lässt Euch aber auch ermessen, was für ein Anspruch an die Priester gestellt wird, damit eine Diözese im Glauben wachse und die Menschen in Treue dem Herrn folgen. Denn das ist das Ziel jeder Seelsorge, das ist insbesondere das Ziel der priesterlichen Tätigkeit. Dafür tragt Ihr eine große Verantwortung und dafür werdet Ihr auch Rechenschaft ablegen müssen. Betet also täglich, dass Ihr Euren Auftrag gut, das heißt zum Heil der Seelen, erfüllt.
Der Konzilstext spricht vom „eifrigen verwirklichen“, er spricht auch von „täglicher Mühewaltung“. Das veranlasst uns, auf das heutige Evangelium zu blicken, auf Lk 4,24-30. Denn der Priester steht durch seinen Dienst ganz nahe beim Herrn. Er geht mit dem Herrn eine Schicksalsgemeinschaft ein. So wird er mit dem Herrn auch ein Prophet, ein Prophet, der mit dem Herrn alles teilt, auch die Kritik am Herrn, selbst die Rückweisung des Herrn: „Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus“ (Lk 4,28-29). Der Herr wird in seiner Heimat abgelehnt. Ebenso macht der Priester oft die Erfahrung der Ablehnung. Er macht diese Erfahrung insbesondere dann, wenn er bei gewissen schwierigen Fragen Stellung beziehen muss, auf der Seite des Herrn steht – des Glaubens, der göttlichen Weisungen – und nicht einfach Bedürfnisse und Wünsche der Menschen abdecken kann und will. Der priesterliche Dienst wird im Sinn des Herrn und in Verbundenheit mit ihm zu einem Dienst, der herausfordert und zur Unterscheidung der Geister führt.
Das ist oft bitter. Denn wer liebt es, angegriffen und zurückgewiesen zu werden? Ja, das Schicksal eines Propheten auf sich zu nehmen, verlangt viel Standhaftigkeit. Es braucht große Kraft. Es geht ans Lebendige. Deshalb ist mit dem Priestertum oft die Gefahr verbunden, nur das zu tun und zu sagen, was „konsensfähig“ ist, und was die Allgemeinheit gerne hört. Das hat sich auch in den vergangenen Wochen gezeigt. Es hat sich auch gezeigt, dass der Priester immer der Wahrheit verpflichtet sein muss. Die Wahrheit ist die Grundlage der Liebe, und Wahrheit und Liebe – die auf der Wahrheit gegründete Liebe, die zur Liebe führende Wahrheit – ist die Grundlage für das pastorale Wirken, das eben dem Priester eigen ist.
Das pastorale Wirken ist nicht ein Wirken, das auf Effekte ausgeht, wie eben gesagt auf Befriedigung und Erfüllung von Nachfragen und Wünschen, auf geistige Beruhigungs- und Schlafmittel, sondern einzig und allein auf das Heil der Seelen. Der Priester kennt keinen tieferen Grund für sein Wirken, als das ewige Heil des Menschen. Um dieses Heiles willen muss er oft Dinge zurückweisen, von denen er – durch Gottes Offenbarung – weiß, dass sie ins Verderben führen; oder er muss Dinge vorbringen, von denen er weiß, dass sie für den Menschen – trotz Ablehnung – zum ewigen Heil gereichen. Der Prophet Elischa ist da für uns ein Vorbild (2 Kön 5,1-15). Er bestand darauf, dass Naaman zum Jordan ging, und siebenmal untertauchte, um so die Gesundheit zu finden. Naaman wollte nicht, ja, er hat sich geärgert und sich „voll Zorn“ vom Propheten abgewendet. Nur das Zureden seiner Diener konnte ihn dazu bewegen, dem Wort des Propheten zu gehorchen. Und was sagt uns die Heilige Schrift über das Ergebnis: „So ging er also zum Jordan hinab und tauchte siebenmal unter, wie ihm der Gottesmann befohlen hatte. Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes, und er war rein“ (2 Kön 5,14). Seid auch Ihr solche Gottesmänner, die den Zorn nicht fürchten, weil Euch das Heil der Menschen am Herzen liegt; weil Euch dran liegt, dass „ihr Leib gesund werde“, wie der Leib eines Kindes; dass sie rein werden; dass die Gnade Gottes sie verwandle und für das Himmelreich bereite.
In den Diskussionen der vergangenen Wochen sind immer wieder das Wort pastoral oder die Wortverbindungen pastorale Lösung, pastorale Klugheit, pastorale Verantwortung gefallen. Der Begriff pastoral und die Ableitungen davon werden zusehends verwendet – das ist mir aufgefallen – um grundsätzliche Gegebenheiten, zum Beispiel die Gebote Gottes, zu umgehen und daran vorbei zu schiffen. Pastoral aber muss bedeuten, dass wir mit allen uns zur Verfügung stehen Mitteln die Menschen zum Guten, zum Heiligen führen und ihnen helfen, nach Gottes Weisungen und in Gottes Wohlgefallen zu leben. Wenn die heilige Schrift sagt, etwas sei ein Gräuel vor dem Herrn (Lev 18,22; 20,13), dürfen wir die Menschen nicht in der Meinung lassen, wenn es „aus Liebe“ (in Anführungszeichen) geschehe, sei es gut und es könne durch eine sogenannte Segnung gleichsam saniert werden. Heilvoll kann etwas nur dann werden, wenn der Mensch auf Gottes Wort hört und sich immer wieder, in ehrlichem Bemühen, aufmacht, um vom Übel frei zu werden.
Da dürfen wir das große pastoral Mittel nicht vergessen, welches der Herr uns geschenkt hat, und welches – im Falle des vom Bösen geplagten Menschen – der höchste Ausdruck seiner Barmherzigkeit ist: Das Sakrament der Buße, die heilige Beichte. So bitte ich Euch, diesem Sakrament jenen Stellenwert einzuräumen, den der Herr selber ihm gegeben hat, und den eben zitierten Konzilstextes auch mit Blick auf dieses Sakrament anzuwenden: „Mit besonderer Liebe seien sie (die Bischöfe) jederzeit den Priestern zugetan, die ja für ihren Teil die Aufgaben und Sorgen der Bischöfe übernehmen und in täglicher Mühewaltung so eifrig verwirklichen“. Verwirklicht die Spendung dieses Sakramentes „eifrig“. Das ist der einzige „Segen“, den jeder empfangen kann, der sich in die Stricke des Bösen verwickelt hat. Natürlich ist dieser „Segen“ immer damit verbunden, dass der Mensch versucht, sein Leben zu ändern und sich in jeder Hinsicht dem heilenden Herrn anzuvertrauen. Darin aber liegt das Geheimnis der Pastoral, des wahren seelsorglichen Wirkens, welches den Menschen auf das vorbereitet, worauf es in jedem Menschenleben ankommt: auf die ewige glückliche Gemeinschaft mit dem Herrn.
„… sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch Menge hindurch und ging weg“ (Lk 4,29-30). Seid Priester dieses Propheten. Verbindet euch täglich mit diesem Propheten. Wenn Ihr mit ihm an den Abhang des Berges getrieben werdet, könnt Ihr damit rechnen, dass er auch Euch mit sich nimmt „mitten durch die Menge hindurch“ und mit Euch weg geht. In seiner Nachfolge und als seine treuen Diener seid Ihr immer in sicherem Schutz. Amen.