Navi Button
Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder bei der Feier für die Weihe-Jubilare am 28. September 2015 in Chur

Liebe Mitbrüder,
die Lesung aus dem Buch des Propheten Zacharias führt uns zurück in die Zeit zwischen 530 und 520 vor Christus. Dazu möchte ich einige Gedanken äußern.
Die größte Krise des Volkes Gottes des Alten Bundes war wohl das sogenannte babylonische Exil. Es begann im Jahr 586 vor Christus und dauerte bis zum Jahr 538. Es hinterließ im Gedächtnis des Volkes Israels bleibende Spuren, Spuren, die hineinreichen bis in die Zeit der Menschwerdung unseres Herrn. Ja, Israel hat sich eigentlich nie ganz von dieser Krise und deren Folgen erholt. Wohl war die Zeit der Makkabäer 167-63 vor Christus eine Zeit eines bemerkenswerten Wiederaufbaus des davidischen Reiches. Ihm wurde aber durch die römische Eroberung 63 vor Christus ein jähes Ende gesetzt.
Ich nenne das babylonische Exil die größte Krise, weil es eine Krise von innen her war. Das babylonische Exil war die Folge einer Glaubenskrise. Auslöser dieser Krise war die Untreue des Volkes Gottes jenem Glauben gegenüber, der im Sinaibund seine Grundlage hatte, und für den Gott sein Volk aus Ägypten in die Freiheit geführt hatte.
Diese Krise, die sich vor allem in der herrschenden Schicht des Volkes Gottes breit machte, bei den Königen, in der Oberschicht und bei den Priestern, konnte kein Prophet aufhalten. Wir haben in den vergangenen Wochen in den Lesungen des Stundenbuches die deutliche Sprache von Amos, von Oseas, von Isaias vernommen, die deutliche Sprache von Michäas. Alles nützte nichts. So kam es zunächst zum Sturz von Samaria im Jahre 722, und etwas mehr als hundert Jahre Später zum Fall von Jerusalem. Der Prophet Ezechiel schildert uns dabei, wie der Herr seinen Tempel verlässt (Ez 10,18-22). Das ist wohl der größte Schmerz für den gläubigen Israeliten. Der Herr weilt nicht mehr in seinem Tempel.
Das ist der Hintergrund für das Verständnis der heutigen Lesung aus dem Propheten Zacharias: „So spricht der Herr der Heere: Mit großem Eifer trete ich ein für Zion, ich setze mich glühend ein für Jerusalem“ (Sach 8,2). Diese Botschaft geht dem frommen Israeliten zu Herzen. Der Herr hat Jerusalem doch nicht vergessen. Das Volk darf auf eine erneute Gegenwart Gottes in dieser Stadt, in diesem Tempel hoffen: „Ich kehre zurück nach Zion und wohne wieder in Jerusalem. Dann wird Jerusalem ‘Stadt der Treue’ heißen, und der Berg des Herrn der Heere ‘Heiliger Berg’“ (Sach 8, 3). Das ist eine unglaubliche Botschaft mitten im Leid, das der Fromme und Gläubige über Jahrzehnte erleben mussten: Der Herr kommt wieder. Die Zukunft dieser Stadt ist ihre Heiligkeit, ihre Treue zum Herrn.
Ich habe vorhin gesagt, Israel hätte sich eigentlich nie ganz von der Krise des babylonischen Exils und deren Folgen erholt. Wenn wir die Zeit Davids und seines Nachfolgers Salomon vor Augen haben, stimmt dies. Das Reich Davids ist ja das ideale Reich für einen Israeliten. Deshalb sehnt er sich nach diesem Reich zurück und erhofft seine Wiederherstellung durch den Messias. Er betet auch täglich darum. In diesem Sinn hat sich Israel nie von der besagten Krise erholt. Wohl wurde der Tempel wieder aufgebaut, prächtig geschmückt, eingeweiht. Aber alles war von kurzer Dauer. Die Erwartung blieb und bleibt.
Für uns hat das Wort des Propheten eine andere Dimension angenommen: „So spricht der Herr der Heere: Mit großem Eifer trete ich ein für Zion, ich setze mich glühend ein für Jerusalem … Ich kehre zurück nach Zion und wohne wieder in Jerusalem. Dann wird Jerusalem ‘Stadt der Treue’ heißen, und der Berg des Herrn der Heere ‘Heiliger Berg’“ (Sach 8,2-3). Der Herr ist in einer ganz neuen Art und Weise zurückgekehrt, in einer unerwarteten und unvorstellbaren Art und Weise: in Jesus Christus, Gottes Sohn als Mensch unter uns. Wenn wir dieses unerhörte Ereignis betrachten, dann müssen sagen: Der Prophet Zacharias hat recht. Mit großem Eifer trat der Herrn durch die Sendung seines Sohnes für Zion ein, glühend setzte er sich für Jerusalem ein. Diesen Eifer, diese Glut Gottes hat es bewirkt, dass der Sohn Gottes für uns Mensch wurde, und dass von ihm die Heiligung ausgeht für all jene, die auf seine Stimme hören und seine Weisungen annehmen. In Jesus Christus erkennen wir den großen Eifer des Vaters für sein Volk, die glühende Liebe zu uns Menschen.
Dies wird uns angesichts des heutigen Evangeliums noch mehr bewusst. Jesus spricht von der Größe des Menschen. Seine Größe besteht im Kleinwerden wie ein Kind: „Denn wer unter euch allen der Kleinste ist, der ist groß“ (Lk 9,48). In dieser Rede erkennen wir den Herrn selber: Er ist, obwohl der Größte von allen, der Sohn Gottes, klein geworden. Ohne dieses Kleinwerden wären wir nicht erlöst, wären wir auch nicht seine Priester. Deshalb wollen wir ihm heute ganz besonders dankbar sein. Denn wir haben die Größe des Priestertums über das Kleinwerden des Sohnes Gottes empfangen. Deshalb stehen uns die Bescheidenheit und die Demut immer gut an. Wir haben sie in der Weihe mit dem Gehorsamsversprechen zum Ausdruck gebracht. Wir wollen uns daher fragen: Wenn der Herr heute unter uns wäre, könnte er dann auch irgendeinen von uns nehmen, neben sich stellen und uns wie das Kind als Beispiel für das Kleine, das Demütige hinstellen, das in den Augen Gottes groß is? – Möge der Herr uns immer wieder die Gnade zur Kleinheit geben, damit wir Kinder Gottes heißen können, und es in Wahrheit auch sind (vgl. 1 Joh 3,1). Amen.